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Das Wiener Bohème-Quartett



Das Boheme-Quartett ca. 1937



Die österreichische Antwort auf die Comedian Harmonists
Das Wiener Bohème-Quartett
von Michael Hortig (hortig78rpm), Hendrik Schreiner (berauscht) und von Josef Westner (humoresk)


„Zum ersten Male auf Schallplatten erscheinen Aufnahmen des sich so großer Beliebtheit erfreuenden Gesangsquartetts ‚DIE BOHÈME’. Nicht nur die jetzt so beliebten, mit deutschem Text erschienenen Jazzschlager werden hier auf COLUMBIA-Platten mit verblüffender Virtuosität wiedergegeben, sondern auch zwei liebe, alte Wienerlieder versteht dieses geschulte Quartett in entzückender Weise zum Vortrag zu bringen. Aufnahmen wie ‚Hochzeit der Holzpuppen’ und ‚Wienerwald, Wienerwald’ dürfen in keiner Sammlung fehlen. Die Imitation einzelner Instrumente durch die menschliche Stimme wirkt bei allen diesen Aufnahmen besonders originell.“ Mit diesen Vorschusslorbeeren überhäuft, taucht das Wiener Jazzgesangs-Quartett „Die Bohème“ – später einfach kurz Wiener Bohème-Quartett – erstmals 1930 in einem Columbia-Nachtrag auf. Das Bild dieser Gruppe lässt sich bislang nicht vollständig nachzeichnen – lediglich wenige Mosaiksteine sind erhalten geblieben.


Columbia, 5. Nachtrag 1930:



BOB UND BILL - 1936
.
Columbia DV 1144 (mx No.: WHA 675). Wien, spät 1936
Sammlung: Stompy



Das Wiener Bohème-Quartett dürfte – nach dem zitierten Monatsnachtrag – in den ausgehenden 1920er Jahren entstanden sein. Über die Gründung selbst war bislang nichts in Erfahrung zu bringen, auch die Besetzung ist nur den Namen nach bekannt: Heinrich Friedl (1. Tenor), Leo Fritz (2. Tenor), Rudolf Schenk (Bariton), Ludwig Rombach (Bass, in anderen Quellen auch Rohnbach) und Josef Drexler (Piano). Bei der Professionalität der Gesangsgruppe und ihrer regen Tätigkeit ist es erstaunlich, dass die fünf Herren die Musik wohl nur als Hobby betrieben. Alle gingen, so ein Zeitungsartikel von 1934, tagsüber anderen Berufen nach: Josef Drexler und Leo Fritz waren Lehrer, Heinrich Friedl und Rudolf Schenk arbeiteten als Buchhalter. Nur Ludwig Rombach ging auch hauptberuflich einer mehr oder minder musikalischen Tätigkeit nach – er war Geschäftsführer der österreichischen „His Master’s Voice“! Friedl und Fritz tauchen außerdem solistisch als Refrainsänger für österreichische Tanzorchester der 1930er Jahre auf. Ansonsten gibt es kaum biographische Hintergründe zu den einzelnen Mitgliedern.

TTT, 1934:
Das Boheme-Quartett
auch die Wiener Revellers genannt, zählen unstreitig zu den besten Jazzgesangsquartetten unserer Stadt, deren künstlerischem Vortrag man immer mit besonderem Vergnügen lauscht. Interessant ist, daß die Mitglieder des Quartetts ihre Sangeskunst nur sozusagen nebenbei ausüben können, da sie samt und sonders im Beruf stehen. So ist der Kapellmeister Josef Drexler und der erste Baß Leo Fritz Lehrer, während der zweite Baß Ludwig Rohnbach sich auch eine musikalische Hauptbeschäftigung ausgesucht hat. Er ist Geschäftsführer bei der bekannten Schallplattenfirma "His master's voice". Die beiden übrigen Herren, und zwar der zweite Tenor Heinz Friedl, der der auch öfter als Solosänger im Rundfunk zu hören ist, und der erste Tenor Rudolf Schenk sind - kaum zu glauben - Buchhalter bei ersten hiesigen Häusern. Sind aber alle fünf beisammen, dann kennen sie nur das Lied und die Kunst; ihre bisherigen Leistungen und Darbietungen waren auch stets von starkem Erfolg begleitet.



Ca. 1934



Auch über die eigentliche Konzerttätigkeit des Bohème-Quartetts liegen nur spärliche Informationen vor. Als am 29. März 1934 im Theater an der Wien Paul Abrahams Operette „Märchen im Grandhotel“ als Gastspiel des Theaters in der Josefstadt Premiere feierte, hatte dessen Direktor Otto Ludwig Preminger keine Kosten und Mühen gescheut, um die Besetzungswünsche des Komponisten zu erfüllen: Es wirkten die damaligen Operetten- und Filmstars Liane Haid, Oskar Karlweis, Rosy Barsony und Tibor von Halmay mit – und das Wiener Bohème-Quartett. Das Ensemble wurde bei der Inszenierung – unter anderem – als Teil des instrumentalen Klangkörpers eingesetzt, wie ein Pressebericht erklärt: „Abraham, der immer wieder neue musikalische Einfälle hat [...], wartet diesmal mit einer besonders gelungenen Überraschung auf – er lässt die menschliche Stimme (Wiener Boheme-Quartett) als Orchesterpart mitwirken, wodurch besonders schöne Klangwirkungen erzielt werden“. Die Operette war ein enormer Erfolg – die Schlager des Stücks wurden selbstredend auf Schellack eingespielt. Auf Columbia DV 1085 singt das Bohème-Quartett den Foxtrott „Jedes kleine Mädel will glücklich sein“ und den Slow-Fox „Ein Drink in der Jonnybar“. Die Bestellnummer DV 1086 bringt die Lieder „Märchen im Grandhotel“ und „Mon Ami“ – zwei Duette, gesungen von Liane Haid und Heinrich Friedl (da Oskar Karlweis und Tibor von Halmay bei anderen Firmen verpflichtet waren). Die Operette selbst wurde von der RAVAG bereits am 24. März 1934 als Vorgeschmack auf die eigentliche Inszenierung über Radio Wien gesendet.


Der Komponist Paul Abraham mit Regisseur Otto Ludwig Preminger und dem Ensemble der Operette „Märchen im Grandhotel“ im Studio der RAVAG


Das Bohème-Quartetts war auch darüber hinaus oft im Rundfunk zu hören. Es wirkte in zahlreichen Unterhaltungskonzerten, Kabarettprogrammen und Funkpotpourris mit, war aber auch regelmäßig mit eigenen halbstündigen Programm zu hören. Hierbei kam, wie auch auf den Schallplatten, hauptsächlich leicht-beschwingt-heiteres Schlagerrepertoire zum Vortrag. Auch die Zusammenarbeit mit weiteren namhaften Kollegen lässt sich durch andere Quellen belegen: Mit Franz Schier singt das Ensemble auf Odeon das deftige Heurigen-Lieder-Potpourri „Ausg’steckt is’!“, auch bei Renate Müllers legendärer Aufnahme von „Ich bin ja heut’ so glücklich“ ist es – wenn auch kurz – mit von der Partie.



Plattenaufnahmen der Gruppe sind aus den Jahren 1930 bis 1941 sowie nach Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt. Das Bohème-Quartett war dabei zum einen eine beliebte Refraingruppe für bedeutende Orchester der Zeit. Insbesondere für Frank Fox und Heinz Sandauer wurden sie zu einer Art Stammensemble, das bis heute hörenswerte Schellackplatten hinterlassen hat. Titel wie „Schinkenfleckerln“, „Können Sie chinesisch küssen?“ oder „Aber, aber, aber, Fräulein...“ überzeugen durch exzellente Arrangements. Die rein klavierbegleiteten Aufnahmen dürften demgegenüber zahlenmäßig weniger und heute überwiegend seltener zu finden sein. Von „Wenn ich die blonde Inge“ über „Babarabmbu“ bis hin zu „Eine Lady war einst in Tirol“ überzeugen diese Aufnahmen durch sprühenden Witz, musikalisches Können und den ganzen eigenen Stil der Gruppe. Zweifellos war unter den im Gefolge der Revelers und der Comedian Harmonists im deutschsprachigen Raum entstandenen Ensembles der Regionalbezug für die Sänger das Alleinstellungsmerkmal schlechthin. Mehr oder minder typische Wienerlieder, auch der stetige Wechsel zwischen Hochsprache und Dialekt wurden zu Markenzeichen des Bohème-Quartetts. Während die Besetzung des Ensembles über fast alle Aufnahmen hinweg gleich zu bleiben scheint, wechselt die Gruppe im Frühjahr 1939 die Plattenfirma – von der Columbia zur Telefunken, die sie in einem Nachtrag vom August des Jahres so charakterisiert: „Dieses Männer-Quartett genießt in Wien einen guten Ruf und eine große Popularität. Durch sein Wirken am Reichssender Wien ist es jedoch weit über diesen Kreis hinaus im ganzen Reich bekannt und beliebt geworden.“


Die Sänger Mitte der 1930er Jahre – links Josef Drexler, neben ihm Heinrich Friedl


Die zumindest im Wiener Raum hohe Popularität dürfte sich auch in den Filmaufnahmen widerspiegeln – immerhin an fünf Spielfilmen waren die Herren zwischen 1931 und 1943 beteiligt. In „Purpur und Waschblau“ (1931) untermalen die Sänger und der Pianist als fünf Landstreicher das glückliche Ende, als der entthronte Erbprinz Georg von Weißenburg (Fred Döderlein) und Elly Leitenberger (Else Elster), die Tochter einer Wäschereibesitzerin (Hansi Niese), endlich zueinander finden. Das Lied, das sie dabei singen, wird zum ersten Hit des Bohème-Quartetts – die Platte ist auch heute noch des öfteren zu finden:

„Irgend einmal kommt irgendwer von irgendwo her
und nimmt dein kleines Herzchen mit
und macht dich glücklich.
Denk’ nicht an morgen und füge dich still,
geh’ mit der Liebe, denn sie weiß immer, was sie will.
Irgend einmal kommt irgendwer von irgendwoher
und nimmt dein kleines Herzchen mit
und du bist glücklich.“



Als Vagabunden mit Hansi Niese in „Purpur und Waschblau“, 1931


Der Film selbst scheint nicht mehr vollständig erhalten zu sein. In der Version, die den Autoren vorliegt, ist die hier im Standbild dargestellte Szene jedenfalls nicht zu entdecken. Dass das Bild eine gestellte Werbefotografie ist, die keinen szenischen Bezug zum Originalfilm hat, erscheint unwahrscheinlich, ist das Foto doch – in abgewandelter Form – auch im Film-Kurier zu sehen. Rund drei Jahre nach seinem Debüt vor der Kamera begleitet das Bohème-Quartett in dem Joseph-Schmidt-Film „Ein Stern fällt vom Himmel“ den berühmten Filmtenor Lincoln (dargestellt von Egon von Jordan) bei einigen Aufführungen. In „Schatten der Vergangenheit“ (1936) bereichert es wiederum ein große Revue-Szene – allerdings nur mit Gesang, ansonsten unsichtbar: Der Star Betty Gall (Luise Ulrich) singt glitzernd und verführerisch „Waiting, waiting“, vom Bohème-Quartett um hörenswerte vokale Effekte ergänzt. Auch in dem ein Jahr später entstandenen Film „Ich möcht’ so gern mit dir allein sein“ ist das Vokalensemble nur zu hören. Die sichtbaren Sänger, allesamt stattliche Klaviertransporteure des Musikverlags Dollereder, um den sich die Handlung dreht, werden von Schauspielern gemimt. Mehrfach treten sie im Laufe der Handlung mit dem Hauptschlager „Ein jeder träumt vom großen Glück“ in Erscheinung, angesichts des Kontrasts zwischen robustem Körperbau und zarten Stimmen unfreiwillig komisch. Der letzte bislang bekannte Film mit Beteiligung des Wiener Bohème-Quartetts hatte am 5. Oktober 1943 Premiere – „Der weiße Traum“. Das Datum ist erstaunlich: Geht man von einer Produktion etwa ab Anfang 1943 aus, ist der Film der Beleg dafür, dass sich die Gruppe nach den letzten greifbaren Schellackaufnahmen 1941 nicht etwa kriegsbedingt aufgelöst hatte. Mit der leicht swingenden Nummer „Ja, der Rhythmus...“ sind die Sänger als Barmixer in einer pompös inszenierten Eis-Revueszene noch einmal zu sehen und zu hören. Bis auf einige Columbia-Nachkriegsplatten verliert sich daraufhin die Spur der Gesangsgruppe.


Das Bohème-Quartett 1939 privat im Wohnzimmer – interessanterweise trägt einer der Sänger unverkennbar das Parteiabzeichen


Als das Musikhaus Doblinger 1999 und 2000 zwei Bände einer „Sammlung von Tonfilm- und Einzelschlagern für Männerquartett aus dem Repertoire des Bohème-Quartett“ neu auflegte, war die Hoffnung groß, auf diesem Weg an weiteres Material und biographische Hintergründe zu kommen. Vergeblich. Die – nur bedingt originalgetreuen – Sätze bleiben eine kleine Reminiszenz an ein einstmals bedeutendes Vokalensemble der Donaumetropole. Aus der Tradition des Wienerliedes heraus hatte es in der Stadt eine nahezu unüberschaubare Zahl an Gesangsgruppen gegeben. Inspiriert durch den Erfolg der amerikanischen Revelers und der deutschen Comedian Harmonists hatten einige von ihnen Ende der 1920er Jahre versucht, sich eine moderne Anmutung zu geben und auf den Erfolgszug aufzuspringen. Anfangs konnten viele mit dem neuartigen (vermeintlichen) Jazzgesang Erfolge verbuchen und wurden insbesondere über das neue Medium Radio populär. Mit der fortschreitenden Bildung des Publikumsgeschmacks gingen jedoch viele dieser Ensembles genauso schnell, wie sie gekommen waren, – oder besannen sich wieder auf ihr eigentliches Metier, das Wienerlied. Von den wenigen Gruppen, die in Wien mit einem tatsächlich modernen Stil in Erscheinung traten, – etwa den Humoreskimos – konnte sich nur das Bohème-Quartett langfristig etablieren. Sein romantischer Regionalbezug, seine stetige Anpassung an den Publikumsgeschmack, seine Vielfalt an Präsentationsformen und Repertoireauswahl sicherte dem Ensemble über Jahre hinweg eine in diesem Raum unvergleichliche Popularität. Die erhaltenen Schellackaufnahmen zeugen noch heute von der enormen Qualität dieser österreichischen Antwort auf die Comedian Harmonists.




Ohne die Hilfe von Sammlerkollegen wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen. Wir bedanken uns daher herzlich bei Karsten Lehl und Prof. Dr. Ernst L. Offermanns.
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