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Tanzkapellen Wettbewerb 1936

»… UND NUN AN DIE FRONT, DEUTSCHE KAPELLEN,
DEUTSCHE MUSIKER!«


INFORMATIONEN UND ÜBERLEGUNGEN ZU
WETTBEWERBEN IN DER POPULÄREN MUSIKSZENE
AUS DER ZEIT VOR DEM 2. WELTKRIEG


Fred Ritzel


Vielen Dank an Prof. Dr. phil. Fred Ritzel für diesen Artikel!

Die Benutzung des Textes (auch in Teilen) ist nur nach Rücksprache und Erlaubnis durch den Autor Fred Ritzel gestattet. (Carl von Ossietzky Universität Fakultät 3 - Institut für Musik 26111 Oldenburg e-mail: e-mail)




Beim Wettbewerb der Tanzkapellen 1936


In der Geschichte der populären Musik kam es immer wieder zu Wettbewerben:
um den besten Interpreten, um die beste Musik, um die beste
Botschaft, selbst um das beste Publikum. Der Nutzen dieser Veranstaltungen
definiert sich durch die jeweilige Perspektive als ökonomischer Vorteil, als
Machtzuwachs, als PR-Qualität, als Prestige-Gewinn, aber auch als bloßer
Spaß: bei Walzer-Kompositionswettbewerben vor dem 1. Weltkrieg, beim
American Band Contest (von 1875 an mit Unterbrechungen bis heute), bei so
genannten »Wertungssingen« von Chören, bei Jitterbug-Contests in der USamerikanischen
Swing-Era oder den Rock'n'Roll-Tanzwettbewerben in den
50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

In der Weimarer Zeit finden neben zahlreichen Wettbewerben in vielen
Sektoren des öffentlichen Lebens auch zahlreiche Musikkonkurrenzen statt,
besonders häufig in der Schlussphase der Weimarer Republik. Die Motive unterscheiden
sich je nach Perspektive, kreisen jedoch meist um ökonomische
Vorteile, selbst wenn die konkreten Preise nur symbolische Qualitäten aufweisen.
Im Bemühen um gute Engagements spielen diese Attribute durchaus
eine Rolle. Und Engagements aufgrund von Wettbewerbserfolgen bringen
schließlich auch Geld. So brodelt etwa ein heftiger Streit zwischen zwei
Kapellenleitern in Form eines Annoncenkampfs in der Fachzeitschrift Der
Artist (Nrn. 2394, 2397, 2398 vom 6.11., 27.11., 4.12.1931), welcher von
ihnen denn mit Recht behaupten dürfe, Sieger eines Kölner Kapellenwettstreits
(im Café »Germania«) gewesen zu sein (1931, 24 Kapellen wetteiferten
um die »große goldene Medaille vom Rhein«, es gab auch silberne!).
Gerade 1931/1932 scheint es besonders häufig Wettbewerbe zu geben —
vielleicht als Reaktion auf die Wirtschaftskrise. So streiten Kapellenleiter
beim »Wettbewerb der Tanzkapellen« im Südwestdeutschen Rundfunk in
Frankfurt um das »silberne Saxophon« (Südwestdeutsche Rundfunk-Zeitung
6, 1932, S. 2; zit. n. Leonhard 1997: 975), obwohl schon manche Hörerstimmen
US-amerikanisch beeinflusste Musik und deren Symbole ablehnen
und deutsche Tanzmusiktraditionen scheinbar wieder gefragt sind. In Essen
findet ein Wettbewerb von neun Kapellen im »Arkadia« statt, es geht um
die »silberne UFA-Plakette«. Den »Kampf um das goldene Saxophon« in Berlin
veranstaltet dort das 8-Uhr-Abendblatt, ebenfalls den »Wettbewerb um
den besten Schlager der Saison« (Siegertitel »Ich hab dich einmal geküsst«,
Tango von Hajos) (Der Artist, Nr. 2394, 6.11.1931). In Dresden stimmt das
Publikum ab über 24 Beiträge beim »Wettbewerb mitteldeutscher Schlagerkomponisten
« (Der Artist, Nr. 2450, 1.12.1932). Ähnlich auch die »Berliner
Schlagerolympiade« im Admiralspalast. Preise sind dort Rundfunkapparate
bzw. Meisels »Goldene Geige« als Wanderpreis sowie ein Filmmusikauftrag
für das »Deutsche Lichtspielsyndikat« — zu diesem Zeitpunkt allerdings eine
bereits insolvente Produktionsfirma (vgl. Der Artist, Nr. 2448, 18.11.1932).

Wettbewerbe gibt es dann auch in der NS-Zeit recht viele: Solche der
Tanzkapellen (s.u.), der Rundfunksprecher, der besten Schlagerkomponisten,
der besten Hörspiel-Autoren, dazu der Freiburger Sängerwettstreit
1935 oder der Wettbewerb um das überzeugendste sächsische Heimatlied
1936.1 Auch der olympische Musikwettbewerb 1936, international angelegt
im Bereich der Kunstmusik, ließe sich anführen.(2)

Mein Schwerpunkt soll auf dem Tanzkapellenwettbewerb 1936 liegen,
veranstaltet von der Reichssendeleitung und dem Reichsverband Deutscher
Rundfunkteilnehmer. Dieser Wettbewerb zeichnet sich durch seine exemplarische
Struktur aus: Er wird aus politischen Gründen inszeniert und soll ein
wichtiges kulturpolitisches Ergebnis bringen, nämlich neben dem Ermitteln
der besten unbekannten deutschen Tanzkapellen vor allem eine »Neue Deutsche Tanzmusik«,
geeignet, die Vorliebe breiter Publikumskreise für
moderne amerikanisch beeinflusste Tanzmusik, in der Regel »Jazz« genannt,
zu brechen.(3)



Den Startschuss für das Vorhaben der Erschaffung einer »Neuen Deutschen
Tanzmusik« gibt Reichssendeleiter Eugen Hadamowsky auf der Rundfunk-
Intendantentagung in München am 12. Oktober 1935 mit seinem »Verbot
des Niggerjazz im deutschen Rundfunk« (Der Deutsche Rundfunk, H. 45,
1935, S. 6; Die Sendung, H. 43, 18.10.1935, S. 863). Die versammelten
Fachleute, darunter Richard Strauss, Paul Graener, Max Trapp, Joseph Haas,
Emil Nikolaus von Reznizek, Hans Pfitzner, Richard Trunk und viele andere
Größen der damaligen NS-Musikszene zeigten sich begeistert. »Damit hat
sich Deutschland, unbestritten die führende Großmacht der Musik, endgültig
von dem nach dem Weltkrieg eingebrochenen musikalischen Primitivitätenkult
losgesagt«, stellt die Zeitschrift Der Deutsche Rundfunk (H. 43, 1935)
fest. Und Peter Raabe, der Präsident der Reichsmusikkammer, jubelt: »Ein
häßliches und den Geschmack des Volkes verseuchendes Gift wird damit
verschwinden!« (Mitteilungen der Reichsrundfunk-Gesellschaft [nachfolgend:
RRG], Nr. 483, 31.10.1935).
Paul Graener, damals der Leiter der Fachschaft Komposition der Reichsmusikkammer,
begründet Hadamowskys Verbots-Verfügung aus der Perspektive
des musikalischen Fachmanns in der Zeitschrift Funk und Bewegung und
schließt seinen Beitrag mit einer frohen Hoffnung:

»Es ist herrlich für uns Musiker, zu erleben, wie der Nationalsozialismus
auch hier den Kampf gegen Schund und verlogene Unnatur aufnimmt. Möge
aus diesem Kampf eine neue, fröhliche und gesunde Volksmusik entstehen,
so echt und recht, wie wir sie von keinem anderen Volk erlernen können,
sondern wie sie uns und unserem Wesen ziemt« (Funk und Bewegung, H. 11,
1935, zit. n. RRG, Nr. 483, 31.10.1935, Bl. 4).


In der gleichgeschalteten Presse findet sich ausschließlich Zustimmung zu
den Plänen des Reichssendeleiters und die allenthalben zitierte Stimme des
Volkes der Rundfunkhörer äußert scheinbar nur freudige Erleichterung über
das Ende des »Niggerjazz«. Sieben Tage behauptet, dass Hadamowsky einen
»ehrlichen Wunsch der Rundfunkhörerschaft erfüllt« habe (Nr. 43, 1935; zit.
n.: RRG, Nr. 483, 31.10.1935, Bl. 5). Auch das Ausland scheint von der Maßnahme
des deutschen Rundfunks angetan. Ein gewisser S. Gezgin schreibt in der Zeitschrift Kurum, Stambul:

»Man könnte die Jazz-Musik, die sich auf die vom Orchester hochgezüchteten
feinen Empfindungen mit ihren Paukenschlägen und ihrem Indianergeheul
stürzt, als einen Barbaren-Überfall auf die Geschichte der Musik
bezeichnen… Dadurch, daß sie aus der Heimat Richard Wagners dieses
Lärmzeug beseitigt haben, beweisen die Deutschen, daß sie Menschen sind,
die jenem genialen Menschen zur Ehre gereichen. Die Jazz-Musik war ein
Geschwür, das sich an der seelischen Niederlage, die der Weltkrieg
verursachte, nährte. Es mußte entfernt und weggeworfen werden, sobald der
Körper stark war, diese Operation auszuhalten« (Der Deutsche Rundfunk, H.
53, 1935, S. 6).


Selbst aus dem anglo-amerikanischen Ausland werden in der deutschen
Presse dieser Zeit ähnliche Anti-Jazz-Polemiken gemeldet (etwa über »Jazzüberdruß
in Amerika« in Die Unterhaltungsmusik, Nr. 2678, 15.4.1937). Die
Bedeutung dieser Propaganda-Mitteilungen ist allerdings nur als sehr gering
einzuschätzen.

Was soll an die Stelle der bisher beliebten modischen Tanz- und Unterhaltungsmusik
treten? Genauere Vorstellungen davon scheint es noch nicht
zu geben. Spekulation bleibt auch, was denn im konkreten Fall der inkriminierte
»Jazz« sein könnte. Da erhofft man einerseits überraschende Beiträge
aus der Provinz (Tanzkapellenwettbewerb), andererseits appelliert
man an die deutschen Tonsetzer, sich kreativ einer neuen Tanz- und
Unterhaltungsmusik zu widmen. Paul Graener bescheidet mehr emotional
als hilfreich, dass ein guter Walzer besser sei als eine schlechte Sinfonie
(Der Deutsche Rundfunk, H. 43, 1935; Die WERAG, Nr. 43, 27.10.1935). Und
er gibt auch zwischen den Zeilen zu erkennen, dass das Konzept eines Tanzkapellenwettbewerbs
chancenreich sein könne, weil das »Volk« »fast stets«
einen »guten« und »gesunden« Geschmack habe, die unbekannte Tanzkapelle
aus der Provinz quasi als Sprachrohr dieser gesunden völkischen
Unterhaltungsbasis töne (RRG, Nr. 483, 31.10.1935, Bl. 4).

Damit der »Jazzbazillus« sich nicht heimlich dabei einschleiche, richtet
die Reichssendeleitung überdies einen »Prüfungsausschuß für deutsche
Tanzmusik« ein, zur Absicherung jazzgereinigter Rundfunkprogramme. Er
wird tätig, wenn Reichssender ihn in strittigen Fällen um Klärung ersuchen.
Komponisten und Verleger können ihn erst dann als letzte Instanz anrufen,
wenn Werke vom Rundfunk abgelehnt werden.(4)
Dazu Hadamowsky in seiner »Jazzverbots«-Rede vor den Intendanten:

»Durch diese Maßnahmen wird nicht nur die deutsche Tanzmusik vom
›Niggerjazz‹ befreit, sondern es werden darüber hinaus aufbauende Kräfte
gefunden werden, die der deutschen Tanzmusik eine persönliche Note zu
verleihen imstande sind« (Die WERAG, H. 46, 10.11.1936).


Im Radio stellt man sich auf die neue Problemlage ein. So macht der
Deutschlandsender ab November 1935 Programme, die die neue deutsche
Tanzmusik zu Gehör bringen sollen. Komponisten werden aufgefordert,
Tänze zu schreiben, Kapellen animiert, die neuen Werke zu spielen. Die
Kapelle von Adalbert Lutter präsentiert in einem Nachtprogramm Wir bitten
zum Tanz am 2. November 1935 einschlägige Stücke von Theo Mackeben,
Alois Melichar, Herbert Windt, Friedel Heinz Heddenhausen und Hansmaria
Dombrowski. Am 7. Februar 1936 sendet der Reichssender Breslau »Neue
deutsche Tanzmusik — Versuch einer Neugestaltung«, zusammengestellt aus
Kompositionsaufträgen an Hans Sattler und Karl Szuka (= der spätere Hauskomponist
des SWF und Namensgeber für den bedeutendsten heutigen deutschen
Hörspielpreis). Allerdings überzeugen diese Versuche noch nicht,
insbesondere ermangele es der »artgemäßen Klangfarbe« (Die WERAG, H. 5,
2.2.1936).

Der »deutsche Jazz« — so nennt Hans Rudolf Fritsche im Sender Breslau
das Ziel der Bemühungen um eine neue Tanzmusik — solle vor allem eine
neue Klangfarbe durchsetzen. Nicht mehr die Buntheit im Klang der »Negerkapellen
«, sondern Feinheit in der Klangschattierung müsse deutsche Tanzmusik
auszeichnen. Dies funktioniere schon tendenziell, wenn das amerikanische
Banjo durch die Gitarre ersetzt, der Bläsersatz insgesamt deutlich
zurückgenommen wird und die Violine wieder die Führungsfunktion übernimmt
(wie einst in der älteren deutschen Tanzmusik). Auch die Übertreibungen
in der Improvisation seien zu reduzieren, wenn nicht gar zu
verbieten — eine »Rückkehr zu geordneten Verhältnissen« (Der Artist, Nr.
2621, 12.3.1936).

Zur Umsetzung der neuen Tanzmusikwünsche der Administration und als
Konsequenz aus dem Verbot des »Niggerjazz« im Rundfunk schreibt die
Reichssendeleitung gemeinsam mit dem »Reichsverband Deutscher Rundfunkhörer
« im Oktober 1935, kurz nach der Intendantentagung, einen Rundfunkwettbewerb
der Tanzkapellen aus. Als offizielles Ziel wird nicht so sehr die eigentlich erwünschte
und als vordringliches Ergebnis erhoffte neue jazzfreie Tanzmusik genannt,
sondern die Entdeckung der besten noch überregional
unbekannten Tanzkapellen — wohl in der Hoffnung, dass diese
Besten zugleich auch eine neuartige Tanzmusik präsentieren.

Zur Teilnahme werden Kapellen in einer Stärke von 6-12 Mann aufgefordert,
die — obwohl Berufsmusiker — noch nicht sehr bekannt sind und noch
wenig beim Funk gearbeitet haben. Alle Mitglieder müssen arischer Herkunft
sein (auf Verlangen ist dies urkundlich nachzuweisen!) (Der Artist, Nr. 2604,
14.11.1935; Die WERAG, Nr. 45, 10.11.1935).
Der Zeitplan scheint recht eng, denn der Meldeschluss für die Teilnahme
an der ersten Phase, den Kreisgruppenwettbewerben, ist der 15. November;
die Wettbewerbe der ersten Phase verlaufen im Zeitraum zwischen dem 23.
November 1935 und dem 31. Januar 1936. Die Bezirksausscheidungskämpfe
finden ab dem 11. Februar 1936 bei den Reichssendern statt. Den Reichsausscheidungskampf
in Berlin planen die Organisatoren für den 3. März 1936
(tatsächlich findet er dann erst am 13. März statt).

Trotz aller Schwierigkeiten: für eine weniger bekannte Tanzkapelle sind
die zu erringenden Preise der Schlussrunde, dem Reichswettbewerb, durchaus
attraktiv.

  • 1. Preis: Drei Monate Rundfunkverpflichtung (im Wert von 18.000 RM),

  • 2. Preis: Zwei Monate Rundfunkverpflichtung (im Wert von 12.000 RM),

  • 3. Preis: Ein Monat Rundfunkverpflichtung (im Wert von 6.000 RM).



Die Preise sind als Höchstwerte relativ zur Ensemble-Größe zu verstehen.
Die Sieger der Kreis- und Bezirksausscheidungen müssen sich mit Ehrenkränzen
und Ehrendiplomen begnügen. Dazu gibt es einen Unkostenzuschuss.
Nur die Teilnehmer am Schlusswettbewerb bekommen die Fahrtkosten
erstattet. Die Entscheidungen fallen durch Voten des Preisgerichts, der anwesenden
Zuhörer und der Radiohörer, sofern der betreffende Ausscheidungskampf
übertragen wird (die Kapellen sind für die Radiohörer nicht
namentlich bekannt, sondern lediglich über Nummern wählbar) (Der Artist,
Nr. 2618, 20.2.1936). Dies bedeutet, dass die Ergebnisse erst einige Tage
später verkündet werden — durchaus Zeit also für eventuelle Manipulationen
am Ergebnis.

Die Prüfungsgerichte für die Kreis- und Bezirksausscheidungskämpfe
werden in der Ausschreibung meist nicht namentlich, sondern mit ihrer
jeweiligen Funktion benannt (Vertreter der regionalen Sender, der Reichsmusikerschaft,
des Reichsverbands Deutscher Rundfunkteilnehmer etc.) —
fünf Personen beim Kreisgruppenwettbewerb, sieben Personen beim
Bezirksgruppenwettbewerb (Intendanten, HJ, Vertreter der Reichssendeleitung etc.).
Das Prüfungsgericht für den Reichsausscheidungskampf wird
etwas umfangreicher und prominenter besetzt, von Anfang an (bei marginalen
Änderungen in der Zusammensetzung bis zur Endausscheidung) auch
namentlich bekannt, jedoch nicht eben von Musikfachleuten dominiert:

Eugen Hadamowsky (Reichssendeleiter), Prof. Dr. Paul Graener
(Leiter des Berufsstandes der deutschen Komponisten), Heinz Ihlert
(Geschäftsführer der Reichsmusikkammer), Intendant Goetz Otto
Stoffregen (Deutschlandsender), Intendant Dr. Alfred Bofinger (RS
Stuttgart), Intendant Hans Otto Fricke (RS Frankfurt), Alfred Kuhnert
(Gaufunkstellenleiter Kurmark), Willi Fenzl (Gaufunkstellenleiter
Würzburg), Dr. Willy Richartz (Leiter in der Reichssendeleitung),
Werner Lange (Referent in der Reichssendeleitung), Rolf Cunz
(Pressestelle der Reichssendeleitung), Hanns Naumann (Sonderbeauftragter
des Reichssendeleiters), dazu zwei Juristen als Berater
(vgl. Der Artist, Nr. 2604, 14.11.1935; RRG, Nr. 492, 13.3.1936).


Als Basis fungiert ein politisches Motiv, der »Kampf« gegen die so genannte
Kultur der »Systemzeit«, der Zeit der Weimarer Republik. Und so wird auch
der Tanzkapellen-Wettbewerb als »Kampf« proklamiert, als Kampf gegen
den »Niggerjazz« (vgl. u.a. die Presseschau in RRG, Nr. 483, 31.10.1935, Bl.
3-8). Die Kampfmetapher wird ausgiebig gebraucht, die Kapellen sollen an
die »Front«, ganz im Sinne der Pfitzner-Suada der 1920er Jahre mit ihrem
Horrorszenario der »amerikanischen Tanks der Geisterschlacht gegen europäische
Kultur« (Pfitzner 1926: 116).

In dem Konzept stecken mehrere Denkfehler: Wieso sollte gerade die
unbekannte Kapelle diesen Wunsch nach einer neuen deutschen Tanzmusik
befriedigen können? Wieso schickte man nicht die führenden Kapellen in
den Ring? Traute man den bekannten Stars der Szene nichts wesentlich
Neues zu? Denn eigentlich ging es letztlich nicht um die unbekannte
Kapelle, sondern vor allem um die noch unbekannte »Neue Deutsche
Tanzmusik« als primäre politische Zielsetzung. Da unterscheiden sich die
Stellungnahmen und Verlautbarungen einerseits der Rundfunkpropaganda
bzw. der Reichskulturkammer — also der ideologischen Führung — und
andererseits der führenden Tanzkapellenleiter zu dem Wettbewerb (Oskar
Joost, Barnabas von Geczy, Bernard Etté). Die NS-Funktionäre suchen die
neue volksdeutsche Tanzmusikkultur. Die Kapellenleiter freuen sich auf
neue, ihnen bislang noch nicht bekannte Musiker, auf interessante Kollegen
(vgl. RRG, Nr. 491, 25.2.1936, Bl. 1). Von der erhofften neuen Musik reden
letztere nicht. Die »Primadonnen-Orchester könnten recht gut bei der
vorherrschenden Überfülle exotischer Rhythmik und Instrumentation eine aus
Stammesstolz heraus naturbedingte Blutauffrischung vertragen« — eine
sanfte Kritik der Redaktion der Mitteilungen der Reichrundfunk-Gesellschaft
am Tanzmusikspiel der großen Tanzorchester (vgl. RRG, Nr. 490,
14.2.1936 und Nr. 491, 25.2.1936)? Obwohl das für die eben genannten
etwas ungerecht wäre, denn diese »Primadonnen«-Chefs hatten ihre Kapellen
bereits deutlich in der Klangtechnik zu deutsch-melodischem Softklang
verändert. Aber offenbar zählten ihre Fans eher zur konservativen Nutzergruppe,
die jugendlichen Tanzbegeisterten konnten sie nicht mitreißen und
andere bekannte Tanzkapellen pflegten durchweg den internationalen Tanzmusikstil.

Und da wäre das zweite Problem: Sollen Tanzkapellen einen bei ihrem
Publikum erfolgreichen Stil in eine Richtung ändern, die, nimmt man die
Äußerungen der Musikideologen wörtlich, nur den Weg in eine verstaubte
Vergangenheit weist? Soll sich der Erfolg beim begeisterten Publikum oder
bei der begeisterten Administration einstellen? Und ein zentrales Problem
des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts sollte gleich mit gelöst
werden: die Trennung zwischen »ernster« oder »schwerer« und »leichter«
Musik, die Entfremdung zwischen Komponisten zeitgenössischer Musik und
Volk. Paul Graener hatte in seiner Jubelrede über das Rundfunk-Verbot des
Jazz die deutschen Komponisten aufgefordert, mit ihrer Kompetenz an der
Schaffung der Neuen Deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik mitzuwirken.
Meinte er Tanzmusik von Werner Egk oder Joseph Haas oder Gerhard Frommel?

Das dritte Problem lag im Abstimmungsmodus, der zwar einerseits ein
wenig demokratisch anmutet — Hörer, Zuschauer und ein Preisgericht
ermitteln gemeinsam das Ergebnis —, andererseits jedoch durch den
Zeitverzug der Hörerzuschriften und die abschließende Urteilsfindung durch
das Preisgericht zu Manipulationen Gelegenheit bietet. Damit aber
korrumpiert das Verfahren seinen kreativen Ansatz. Dem »guten« und
»gesunden« Geschmack des Volkes (Paul Graener in RRG, Nr. 483,
31.10.1935, Bl. 4) traut man letztlich doch nicht über den Weg.
Der neue Schriftleiter der Fachzeitschrift Der Artist, Artur von Gizycki-
Arkadjew — ein Kapellmeister, in den 1920er Jahren Musikkritiker in Riga
und Moskau —, meint am 22. November 1935:

»Endlich nun wird die gesunde Musikalität auf dem Gebiete des Gesellschaftstanzes
nicht nur anerkannt, sondern von Reichs wegen gefordert …
Endlich fliegen alle Auswüchse tonlicher, rhythmischer, musikalisch anorganischer
Art über Bord, das dudeljudelquäkbreak sinkt, wie der Hoppeditz am
Aschermittwoch, in sich zusammen, es war Chimäre, Seifenblasen für musikalische
Kinder … manchmal schillerten sie, aufgeblasen, farbig, und wenn sie zerplatzten,
sah man sie hohl, wie wirklich sie aufgeblasen nur gewesen!
[…] …und nun an die Front, deutsche Kapellen, deutsche Musiker! Wir
haben viele talentierte, viele könnende Kapellen, auch unter denen, die selbst
noch heute so machen, als ob … man hat mir von so manchem quasi
ultramodernen Wüterich Hot-Schauermär erzählt … und wenn der Kritikus
hinkam, war es so schön lammfromm gradlinig, und gerade das verhaltene
Temperament vibrierte so reizvoll, und die Technik war so blank und flüssig,
und siehe da, sie konnten auch ›ohne‹ eine tadellose Musik machen …
nachher soll ja wieder der Kalk von der Decke gefallen sein, und die Balken
sich vom musikalischen Lügen gebogen haben … …und grade sie, die großen
und kleinen Angeber, aber auch nur die, welche wirklich was können, sie
sollen, müssen mitmachen … grade sie haben nicht nur Wiedergutmachungs-,
sondern noch viel mehr Aufbaupflichten an unserer neuen gesundenden
deutschen Tanzmusik! … Reiht Euch Ihr alle, die Ihr ein echtes deutsches
Musikantenherz im Leibe schlagen habt, ein in die Front der Garde, deren
Kämpfer nun vor aller Welt bezeugen sollen, dass auch der deutsche
Unterhaltungsmusiker seinen Mann in der großen Kulturschlacht des Dritten
Reiches stellt!« (Der Artist, Nr. 2605, 22.11.1935).


Rein organisatorisch scheint dieser November-Appell durchaus sinnvoll, denn
die Meldefrist für die Wettbewerbsteilnahme ist inzwischen auf den 30.
November verschoben worden (wie es in der gleichen Ausgabe auf derselben
Seite der Zeitschrift auch mitgeteilt wird) und noch nicht gemeldete Kapellen
haben noch Gelegenheit, sich zu bewerben.
Es beteiligen sich immerhin ca. 500 Tanzkapellen. Vom Sender Köln
kommen keine Meldungen zum Wettbewerb.5 Über den Ablauf der Vorentscheidungen
hier nur soviel: Es werden Unregelmäßigkeiten bekannt,
kritische Briefe erreichen den Artist (13.2.36, Kolumne »Kulturpolitische
Wochenschau«) wie auch die Reichssendeleitung. Diese gelobt Besserung für
die Zukunft. Einige Kapellen wählen Titel aus, deren Komponist (z.B. Willy
Richartz) dem Preisgericht angehört. Unter den Titeln finden sich aber auch
solche aus dem geschmähten Westen, aus den USA, etwa Nacio Herb Browns
»You Are My Lucky Star« aus dem Film Broadway Melody of 1936 (USA
1935).(6)

Die Publikumsbeteiligung bei den zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen,
die meist auch im Rundfunk übertragen werden, ist nach Pressemeldungen
enorm. Die Übertragungen bringen vielen der beteiligten Kapellen
oft sofort neue Engagements ein. Im Repertoire scheinen Walzer (sogar alte
aus dem 19. Jahrhundert), Tango und Foxtrott zu dominieren — sowohl bei
den Pflichtstücken wie auch beim Wahlprogramm.
Acht Kapellen schaffen es schließlich in die Endausscheidung, die der
Deutschlandsender am 13. März 1936 in Berlin veranstaltet:

Fred Becher (Breslau), Willy Burkart (Frankfurt), Gustav Geul (Königsberg),
Walter Raatzke (Berlin), Karl Schoedel (München), Erwin Steinbach
(Leipzig), Fritz Weber (Hamburg), Heinz Will (Stuttgart).


Diese Großveranstaltung in den sieben Sälen des Berliner »Zoo« wird von
über 7000 Besuchern umjubelt. Zahlreiche weitere Attraktionen stehen
neben dem eigentlichen Wettbewerb im Programm. Auch ausländische
Hörer und Auslandsdeutsche beteiligen sich an der Abstimmung (wirksam im
Bereich des Reichssenders München und des Olympiasenders Garmisch-
Partenkirchen) (vgl. RRG, Nr. 491, 1936).
Zu Beginn des Abends spielen alle beteiligten Kapellen gemeinsam Franz
Grothes Walzerlied und Pasodoble »Musikanten sind da« (aus dem Film Die
blonde Carmen, 1935) unter der Leitung von Otto Dobrindt. Im folgenden
ersten Teil des Abends absolviert jede Kapelle ihre beiden Pflichtstücke,
unterbrochen von Einlagen anderer Bühnenkünstler wie Erna Berger, Johannes
Heesters, Peter Anders, Kurt Engel, Bruno Fritz, Udo Vietz u.v.a. (vgl.
Die WERAG, H. 10, 8.3.1936). Ab 23 Uhr bis 0 Uhr 55 folgt der wahlfreie
Teil, bei dem jede Kapelle drei Stücke eigener Wahl vorführen kann.

Die Sieger
1. Kapelle Willy Burkart (Frankfurt)
2. Kapelle Walter Raatzke (Berlin)
3. Kapelle Fritz Weber (Hamburg). (7)


Der besagte Kapellenwettbewerb wurde dann auch auf den Etiketten der ersten Raatzke-Platten erwähnt.

[/center]

»Einstimmig vertraten die zuständigen Mitglieder des Preisgerichts die Überzeugung,
daß keine der am Wettbewerb beteiligt gewesenen Kapellen den
Forderungen des Rundfunks, die er an eine vorbildliche Kapelle zu stellen
hat, vollauf gerecht wurde. […] Gerade dieser überall eingerissenen Unarten
wegen sollten sich jetzt die besten Tonsetzer der deutschen Gaue mit leidenschaftlichem
Einsatz ihres ganzen Könnens dieser für unsere deutsche Volksgeselligkeit
lebensnotwendigen Zukunftsaufgabe widmen. Sie müßten uns
als die wirklich berufenen Retter, wenn sie erst mit der leichten Muse auf
dem Duzfuß stehen, aus dem sicherlich bald überwundenen Chaos der
allgemeinen Völkerverjazzung befreien« (RRG, Nr. 493, 25.3.1936).


Das Jurymitglied Rolf Cunz (Pressestelle der Reichssendeleitung) schreibt
eine Veranstaltungskritik für den Artist. Er scheint ein heftiger Jazzgegner
zu sein, allerdings auch zugleich recht ahnungslos hinsichtlich moderner
Tanzmusik. »Fort mit dem kurzatmigen Gekeuche und Geschnatter im
negerhaft synkopierten Chorus!«, so sein fachmännisches Urteil, das sich
möglicherweise auf die Tanzkapelle von Fritz Weber bezieht. Und sicher
nicht auf die KdF-Truppe des Kapellmeisters Geul, dessen neue Besetzungsversuche
im Artist positiv vermerkt werden: eine neuartige Groß-Gitarre,
zwei Kontrabässe, Streicherdominanz, weniger Bläser — insgesamt ein
weicherer Klang (Der Artist, Nr. 2622, 19.3.1936).

Zu Weber schreibt die Berliner Morgenpost: »Den stärksten Beifall konnte
der Hamburger Fritz Weber mit seiner ›Mannschaft‹ erringen. Minutenlang
wurde er nach seiner ›Pflichtübung‹ von Beifallsstürmen umbraust«.
Selbst Der Angriff bestätigt den Weber-Erfolg (vgl. RRG, Nr. 493, 25.3.
1936). Andere Stimmen kritisieren dabei etwas das Publikum: »Es ist zum
großen Teil — und soll das als Vorwurf auffassen — verjazzt« (Der Deutsche
Sender, zit. n. RRG, Nr. 493, 25.3.1936).


Natürlich finden sich auch die üblichen NS-Stilblüten, wie etwa in
Sieben Tage, wo zu lesen steht, dass sich der Berliner »Zoo« in die »Wartburg
des Wettbewerbs um die deutsche Tanzmusik« verwandelt habe. Und
weiter: »Der Niggerjazz hat ausgescherbelt, ausgekreischt.« Auch Auslandsstimmen
werden zitiert: So ein Leserbrief an »World Radio«, in dem eine
gewisser Farquharson aus St. Albans meint, »daß für viele englische Rundfunkhörer
die von den deutschen Rundfunk-Tanzkapellen gebotene Tanzmusik
nach dem von den englischen Tanzorchestern zu Gehör gebrachten
›Zeug‹ geradezu wie ein frischer Luftzug wirke« (RRG, Nr. 494, 1.4.1936;
Der Artist, Nr. 2625, 9.4.1936).

Insgesamt müssen die Veranstalter also einen Misserfolg im Hinblick auf
ihr Grundanliegen hinnehmen, nämlich eine »Neue Deutsche Tanzmusik« aus
der Taufe zu heben. Kritisiert wird dabei nicht nur die Leistung der Kapellen,
sondern auch die Reaktion des Publikums.

In der Fachpresse, besonders in der Zeitschrift Der Artist (bzw. Die
Unterhaltungsmusik, später Podium der Unterhaltungsmusik) wird in fast
jeder Nummer räsoniert über »Jazz«, über »Swing«, über die mögliche
Konzeption einer neuen deutschen Tanzmusik. Es wird gar vom »Deutschen
Jazz« gesprochen, einem Begriff, der die deutsche Anverwandlung der
modernen internationalen Tanzmusik meint. Nicht, dass die Beiträge ein
klares Bild ergäben, sie strotzen vor Widersprüchen. Für die Klangtechnik
der neuen Tanzmusik steht etwa die Konzeption von Barnabas von Géczy.
Seine Besetzung: acht Streicher (3-1-2-2), ein Pianist, zwei Bläser (A- und BKlarinette,
alternativ Saxophon) sowie ein reduziertes Schlagzeug — also ein
insgesamt recht weiches Klangspektrum. Géczy will nicht mit einer Kapelle
arbeiten, »die lärmt«. Nur zwei Monate habe er mit einer modischen Besetzung
gearbeitet und bezeichnet dies jetzt als einen Irrweg — laut Reinmar
von Zweter alias Dr. Fritz Stege in Der Artist, der weiter schreibt:

»Der Hauptgrund aber, weshalb der Prüfungsausschuß seine Stimmen gegen
den Publikumsentscheid geschlossen in die Waagschale warf, war gerade der
Mangel an solchen Vorzügen, die etwa Barnabas von Géczys Kapelle aufzuweisen
hat, nämlich das Fehlen des Streichkörpers. […] Man mag gegen die
Entscheidung manches einzuwenden haben, so steht doch wenigstens fest,
daß die diesmalige Auswahl unter höheren, erzieherischen Gesichtspunkten
geschah und daß in der einstimmigen Verurteilung der ›alten‹ Jazzbesetzung
und der Herausstellung der ›deutschen‹ Tanzkapelle mit der Vorherrschaft
der weichen, klanggesättigten Streicher ein mutiges Bekenntnis zutage tritt«
(Der Artist, Nr. 2627, 23.4.1936).


Auch andere Medien versuchen, die Diskrepanz zwischen dem offiziellen
Endergebnis und der Publikumszustimmung vor Ort zu erläutern: »Da hat die
Berliner Funkzeitschrift Der deutsche Sender den Mut gehabt, noch vor der
Entscheidung des Prüfungsausschusses gegen die am meisten umjubelte
Kapelle vorzugehen und ihr den ersten Preis abzusprechen, weil sie allzu
auffällig dem Jazz huldigte«, stellt Der Artist (Nr. 2633, 4.6.1936) fest. Es
werden auch einschlägige Leserbriefe an diese Zeitschrift veröffentlicht. Ein
»Landbewohner« schreibt: »Unsere Jugend tanzt lieber nach unserer alten
Dorfblasmusik als nach dem ulkigen Takt (!) eurer Orchester. Schickt schöne
Walzer oder Polka durchs Radio, dann freuen wir uns!« Eine Hamburgerin
äußert sich ablehnend: »Webers Tanzkapelle ist für meinen kultivierten Geschmack
viel zu sehr amerikanisiert, effekthaschend, manchmal zu süßlich,
manchmal zu grell…« (ebd.).

Sicherlich können einige Anschlusswettbewerbe als unmittelbare Folge
der nicht zufriedenstellenden Ergebnisse gesehen werden, so der von der
Kurverwaltung Bad Orb ausgeschriebene Wettbewerb für »Wertvolle Unterhaltungsmusik
« unter der Schirmherrschaft von Paul Graener.(8) Auch beim
Reichssender Köln gibt es ein Preisausschreiben für Unterhaltungsmusik:
2000 Einsendungen konkurrieren um Geldpreise und vereinzelte Ankäufe. In
verschiedenen Instrumental- und Vokalkategorien werden Stücke prämiert,
deren Titel von dem neuen Unterhaltungsgeist zeugen: »Spielfolge B-dur für
Bauernmusik«, »Deutsche Bauerntänze«, »Wiegenlied im Industriegebiet«
usw. Hier allerdings urteilt ein Preisrichterkollegium und nicht das Publikum
(vgl. Der Artist, Nr. 2676, 1.4.1937). Von weiteren Wettbewerben ist in der
Fachpresse zu lesen.

Eine andere Reaktion auf den Tanzkapellenwettbewerb findet sich in
den Musikerzeitschriften, die deutlich Front machen gegen eine Ausbreitung
der Je-Ka-Mi-Mode (= »Jeder kann mitmachen«), die in dieser Zeit
wohl ihren Anfang genommen hat. Unterhaltungsbetriebe sehen darin
eine neue Publikumsattraktion, vielleicht beeinflusst durch die großen
Wettbewerbe und deren enormen Publikumszuspruch. Jeder Gast soll
sich in Konkurrenz zu anderen Gästen als Dirigent oder Sänger durchsetzen.
Den professionellen Begleitbands legen die Kommentatoren der
Musikerzeitschriften jedenfalls nahe, sich diesem Klamauk zu verweigern
und sich auf »künstlerisch ernsthafte Arbeit« zu konzentrieren (Der
Artist, Nr. 2680, 28.4.1937).(9)

Insgesamt muss der Versuch der Schaffung einer »Neuen Deutschen
Tanzmusik« als gescheitert betrachtet werden. Nach wie vor orientierten
sich die führenden deutschen Tanzkapellen der NS-Zeit am internationalen
Standard, nach wie vor beklagten die hartgesottenen Funktionäre die lockeren
Synkopenklänge auf dem Tanzparkett. Die Fachzeitschriften rafften sich
zu einer begrifflichen Trennung auf: Jazzmusik und moderne Tanzmusik
seien nicht in einen Topf zu werfen. Vorwürfe an die Funkprogrammgestalter,
zu viel Jazzmusik in ihre Sendungen einzubetten, seien verfehlt. Mit
»moderner Tanzmusik« wird dabei durchaus swingbasierte Tanzmusik verstanden,
so wie sie der Tanzkapellenwettbewerb eigentlich mehrheitlich zu
Gehör brachte. Sogar ein technisch-pragmatisches Kriterium zur Unterscheidung
wurde diskutiert. So äußerte sich Franz Götzfried:

»denn Jazzmusik ist nicht Tanzmusik im zeitbedingten Sinne, das war sie
einmal, als wildgewordene Neger- und Judenkapellen dem Gesicht der Inflations-
und Systemzeitjahre den musikalischen Rahmen gaben. Beim Treffen
in München anläßlich der Woche neuer Unterhaltungsmusik hat Reichsfachschaftsleiter
Pg. Stietz im Kreise gleichgesinnter Berufskameraden und
Musikfreunde vielleicht die beste Definition für diese Musik gegeben. Er
sagte: ›Jazzmusik ist wild improvisierte, d.h. undisziplinierte Musik.‹ Somit
ist eigentlich — genau genommen — jede einwandfreie Wiedergabe notierter
Tanzmusikstücke in diesem Sinne keine Jazzmusik mehr, möge sie auch
rhythmisch noch so extravagant sein« (Podium der Unterhaltungsmusik, Nr.
2934, 30.12.1942).


Eine andere Lösung (von Dietrich Schulz, Erich Trapp, Alfred Baresel in
diversen Artikeln nahe gelegt) sahen die Verfechter der modernen Tanzmusik
darin, »Swing« von »Jazz« zu unterscheiden und jede gute moderne
Tanzkapelle als Swingkapelle zu bezeichnen. Auch um dieses Problem wurde
heftig und kontrovers gestritten (vgl. u.a. Die Unterhaltungsmusik, Nr.
2659, 3.12.1936, und Nr. 2661, 17.12.1936). Das Dilemma des Scheiterns
der reinen neuen NS-Tanzmusik wurde so etwas entschärft. Gleichwohl
gingen die Angriffe gegen »Jazzmusik« in den NS-Medien bis Kriegsende
weiter. Und das heißt: Eine wirksame Unterdrückung dieser Musik gelang
nicht, dies wollten weder das Publikum noch die Musiker.




Literatur


Drechsler, Nanny (1985). Die Funktion der Musik im deutschen Rundfunk 1933-
1945. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft.
Hoffmann, Bernd (2003). Aspekte zur Jazz-Rezeption in Deutschland. Afro-amerikanische
Musik im Spiegel der Musikpresse 1900-1945 (= Jazzforschung/Jazzresearch
35). Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt.
Jockwer, Axel (2005). Unterhaltungsmusik im Dritten Reich. (= Diss. Konstanz
2005). Konstanzer Online-Publikations-System (KOPS), Link - Hier klicken.
de/kops/volltexte/2005/1474.
Kater, Michael (1995). Gewagtes Spiel: Jazz im Nationalsozialismus. Köln: Kiepenheuer
& Witsch [orig. Different Drummers. Jazz in the Culture of Nazi Germany.
New York/Oxford: Oxford University Press 1992].
Koch, Hans-Jörg (2003). Das Wunschkonzert im NS-Rundfunk. Köln: Böhlau.
Leonhard, Joachim-Felix (Hg.) (1997). Programmgeschichte des Hörfunks in der
Weimarer Republik. Bd. 2. München: DTV.
Pfitzner, Hans (1926). Gesammelte Schriften Bd. II. Augsburg: Filser.
Meyer, Michael (1991). The Politics of Music in the Third Reich. New York u.a.:
Peter Lang.
Wicke, Peter (1998). Von Mozart zu Madonna. Eine Kulturgeschichte der Popmusik.
Leipzig: Kiepenheuer.




Fußnoten


1 Vgl. Die Sendung, 1935, H. 36, S. 662; Der Deutsche Rundfunk, 1935, H. 30,
S. 10; Die WERAG. Das Ansageblatt der Westdeutschen Rundfunk AG Köln, Nr.
36, 6.9.1936, und Nr. 37, 13.9.1935; zum Sängerwettstreit vgl. Der Deutsche
Rundfunk, H. 53, 1935, S. 6; zum Hörspielwettbewerb vgl. Die Sendung, H. 8,
23.2.1936, Mitteilungen der Reichsrundfunk-Gesellschaft, Nr. 490, 14.2.1936,
Bl. 14-16; zum Berufswettkampf vgl. Die WERAG, H. 9, 1.3.1936; zum sächsischen
Heimatlied vgl. Die Unterhaltungsmusik (= Nachfolgetitel von Der Artist),
Nr. 2657, Nov. 1936.
2 Es handelte sich um einen internationalen Wettbewerb, zu dem Länder Kompositionen
einreichten. In die deutsche Endausscheidung kamen in den Kategorien
Gesang mit Begleitung Werke von Paul Höffer (Goldmedaille für »Olympischer
Schwur«), Harald Genzmer und Kurt Thomas; bei den Orchesterwerken Werner
Egk mit »Eine olympische Festmusik«. Vgl. Der Artist, der in einer Reihe von
Heften 1935/1936 davon berichtet.
3 In der Literatur gibt es dazu unterschiedlich Brauchbares: Nichts findet sich bei
Meyer (1991), Koch (2003) bringt erstaunlich wenig dazu, Drechsler (1985) stellt
für den Zweck eines Überblicks ausreichend Material zur Verfügung, ebenfalls
Hoffmann (2003). Ausführlicher erörtert Kater (1995) den Vorgang, ähnlich auch
Wicke (1998). Die umfangreichste und überzeugendste Darstellung bringt Jockwer
(2005).
4 Die WERAG, H. 46, 1935. Interessant die personelle Struktur des Prüfungsausschusses:
jeweils ein Vertreter der Reichssendeleitung (Hans Naumann), der
Reichsmusikkammer (Heinz Ihlert), des Berufsstandes deutscher Komponisten
(Hermann Krome), der Reichsjugendführung (Wolfgang Stumme), des Reichsverbandes
Deutscher Rundfunkhörer (Karl Dörfler), des Völkischen Beobachters
(Albert Dreetz), der Zeitschrift NS-Funk (Heinz Beckers) und des Deutschlandsenders
(Willi Stech). Unwahrscheinlich, dass dieser Ausschuss genügend Kompetenz
versammelte, um die gewünschten Aufgaben zu bewältigen.
5 Der Artist, 20.2.1936, S.189; Kater (1995: 114) vermutet, dass der Sender Köln
die dubiosen Machenschaften bei diesem Wettbewerb durchschaut und sich
deshalb nicht beteiligt habe. Das erscheint nicht überzeugend. Vielleicht
spielte es eine Rolle, dass die Tanzkapelle Fritz Weber eigentlich eine Kölner
Kapelle war, jedoch den Hamburger Kreis- und Bezirkswettbewerb für sich entschieden
hatte und man sie deshalb nicht gefährden wollte.
6 Der Film-Kurier bespricht die Berliner Erstaufführung am 26.2.1936, deutsche
Kapellen nehmen das Stück schon vorher auf Schallplatten auf, so Erich Börschel
im Januar 1936.
7 Eine Anmerkung zum Sieger: Ein Bericht in den Mitteilungen der Reichrundfunk-
Gesellschaft (Nr. 491, 1936) über den Regionalwettbewerb in Frankfurt
scheint die besondere Qualität der Kapelle Willy Burkart zu unterstreichen:
»die wenigstens einigermaßen versuchte, der geforderten Tendenz gerecht zu
werden«. Es darf also vermutet werden, dass sie in Berlin mit einer deutlichen
deutsch-konservativen Präsentation aufwartete. Nach dem Wettbewerb verschwand
diese Siegerkapelle aus der überregionalen Musiklandschaft (offenbar
gibt es keine Schallplatten, ein Sammler soll laut Auskunft von Henner Pfau,
4.10.2004, Saarbrücken, eine Schallfolie besitzen). Von Raatzkes und Webers
Kapellen existieren zahlreiche Schallplatten, die sie als moderne Tanzmusik-
Ensembles ausweisen.
8 143 Zusendungen traten in Konkurrenz (davon 90% mögliche Uraufführungen, 71
Werke passierten die Vorzensur). Der Wettbewerb in Bad Orb wird übrigens
1936 erneut unter den gleichen Bedingungen durchgeführt. In den Kategorien 1.
Ernste Unterhaltungsmusik (entspr. dem Salontyp), 2. Leichte Unterhaltungsmusik
(entspr. Tänzen des 19. Jhdts.) und 3. Marsch sollen neue und bislang nur
wenig aufgeführte Kompositionen prämiert werden. Entschieden wird durch
eine schriftliche Publikumsabstimmung. Kompositionsaufträge und Aufführungen
in Bad Orb sowie Unkostenbeiträge gibt es zu gewinnen. Auffallend ist die
vorgeschriebene Besetzung, die wohl dem sinfonischen Kurorchester entspricht,
nicht aber der einer üblichen Tanzkapelle (vgl. Der Artist, Nr. 2676, 1.4.1937).
9 Eine anschauliche Schilderung eines Je-Ka-Mi-Abends ist in Die Unterhaltungsmusik
(Nr. 2714/15, 23.12.1937) von Fritz Stege zu lesen.


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