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Die Harmony Boys (Fidelios)

So meschugge
Die Harmony Boys
von Josef Westner (humoresk)






Das Gymnasium Niederschönhausen war wohl schon lange berühmt für die kreativen Aufführungen beim jährlichen Ball, doch der Abiturjahrgang 1932 hatte sich für seine Abschlussveranstaltung am 2. April 1932 etwas ganz besonderes einfallen lassen: Olaf Meitzner (1. Tenor), Wolfgang Leuschner (2. Tenor), Heinz Raetz (Bariton) und Werner Rössler (Bass) traten am Klavier begleitet von Werner Doege, einem ehemaligen Schüler des Gymnasiums, der inzwischen an der Technischen Hochschule in Berlin studierte, im Stil der Comedian Harmonists auf. Olaf Meitzner war auf die Idee gekommen, dem Abschlussball mit drei Liedern des legendären Gesangsensembles einen ganz besonderen Glanz zu verleihen. „Das ist die Liebe der Matrosen“, „Wenn der Wind weht über das Meer“ und „Hallo, was machst Du heut’, Daisy?“ wurden schließlich zum umjubelten Höhepunkt des Abends.


Als die fünf jungen Männer dann im Sommer Urlaub an der Ostsee machten, war das Geld, das ihnen ihre Eltern für die Reise zur Verfügung gestellt hatten, schnell verbraucht. Was lag da näher, als für Kost und Logis in den Hotels der Ostseebäder aufzutreten? Heinz Raetz war dabei nicht mehr mit von der Partie – er hatte schon nach dem ersten Auftritt die Gruppe verlassen. Seine Eltern waren mit dem Stil der Gruppe keineswegs einverstanden gewesen. Ihr Sohn schien in ihren Augen für höhere Aufgaben bestimmt. Jahre später war er – wie sein Bruder – zu einem engen Vertrauten Artur Axmanns geworden, der im August 1940 die Nachfolge Baldur von Schirachs als Reichsjugendführer antrat. Die Brüder Raetz sollen maßgeblich an der Verfolgung der sogenannten „Hamburger Swingjugend“ beteiligt gewesen sein.




Der mitgereiste Ruderklub-Kollege von Wolfgang Leuschner, Erich Bergau, konnte singen und übernahm den Part des Baritons mühelos. Bei einem Talentwettbewerb – ausgerichtet vom Hotel Atlantic in Heringsdorf – gewannen die Harmony Boys glatt den ersten Preis und damit eine große wertvolle Vase – für einen Transport mit Fahrrädern natürlich völlig ungeeignet. Und doch war es vielleicht der entscheidende Erfolg. Mit dem hatten die Sänger ja nie gerechnet, wie Olaf Meitzner erzählte. Erst jetzt stellte sich ernsthaft die Frage, ob sie studieren oder weiterhin singen sollten. „Dass wir beim Abiturientenball unter Unseresgleichen Erfolg hatten, war nicht ungewöhnlich, aber das wir mit unseren wenigen Liedern die Tage in Heringsdorf finanzieren konnten, war einfach großartig! Wir haben unsere Karriere ja nie geplant, wir sind da einfach hineingeschlittert.“, erinnerte sich Olaf Meitzner.



Durch die Auftritte in Heringsdorf wurden die Harmony Boys auch mit dem Orchester Marion Toews bekannt, mit dem sie in der Folgezeit nicht nur einige Konzerte gaben, sondern auch eine erste Schallplatte veröffentlichten. Zwar waren die Harmony Boys schon im Mai 1932 in einem Aufnahmestudio gewesen, hatten dort aber nur für private Zwecke bei der Firma Draloton eine Platte mit den Liedern „Hallo Daisy“ und „Es führt kein and’rer Weg zur Seligkeit“ besungen. Nun – vier Monate später – standen sie zusammen mit dem Orchester Toews vor dem Aufnahmemikrophon der Firma Artiphon. Laut Wolfgang Leuschner zeichneten sich die Harmony Boys vor allem durch ihre Jugendlichkeit aus, durch die ihr „Vortrag dementsprechend frisch, locker, einfallsreich und durch Gesten, Mimiken und Bewegungen publikumswirksam“ war. „Das Quartett lebte von der Freude am Gesang und das Publikum honorierte diesen kultivierten ‚Leicht-Sinn’ mit großem Beifall.“


Schade, ja wirklich schade
Grammophon master 1971½ BN
Berlin, 27 Februar 1933

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Der eigentliche Durchbruch für die Gruppe, die noch immer nicht so recht an die große Karriere glaubte – alle Mitglieder hatten inzwischen ein Studium begonnen –, kam bei einigen Auftritten in Berlin. Hier hörte sie im Februar 1933 der Aufnahmeleiter der Deutschen Grammophongesellschaft. Die Plattenfirma war schon geraume Zeit auf der Suche nach einer Konkurrenz zu den allgegenwärtigen Comedian Harmonists, die bei der Electrola unter Vertrag waren. Am 20. März wurde ein Ein-Jahres-Vertrag über mindestens 20 Titel abgeschlossen, den die Harmony Boys – wie die Geschichte zeigen sollte – nicht ganz erfüllen sollten. Als die ersten Platten veröffentlicht waren, ging es für die vier Sänger und ihren Pianisten Schlag auf Schlag: Auftrittsanfragen häuften sich, ein Manager wurde eingestellt und ein erster Rundfunkauftritt beim Sender Berlin absolviert. Als die ersten Platten auf dem Markt waren, wurden aus den Harmony Boys auf Bestreben der Plattenfirma die Fidelios. Man wollte auf diese Weise Konflikten mit den nationalsozialistischen Machthabern und der im Aufbau befindlichen Reichskulturkammer entgehen.


Die Harmony Boys im Rundfunkstudio, v.l.n.r.: Werner Doege, Olaf Meitzner, Wolfgang Leuschner, Erich Bergau und Werner Rössler


Am 13. Mai 1933 bekamen die Fidelios einen weichenstellenden Anruf von einem Herrn Bergmann. „Er hat in Berlin unsere erste Schallplatte gehört und ist an unserem Auftritt im Sender AVRO interessiert“, notierte Werner Doege in seinem Tagebuch. Nach einer kurzen Besprechung wurde ein Termin vereinbart und so reiste die Gruppe im Sommer erstmals nach Holland. Am 2. Juli wurde ihr Auftreten live eine halbe Stunde lang aus Hilversum übertragen. Obwohl über die Sendung, die Musikfolge und die Zuhörerreaktionen nichts Näheres mehr bekannt ist, lässt sich der Erfolg allein dadurch erahnen, dass die Fidelios am darauffolgenden Tag für eine Holland-Tournee unter Vertrag genommen wurden. Am 30. September – nach einer Reihe von Konzerten in Deutschland – traten die fünf Herren die Holland-Reise an, die sie zusammen mit dem Orchester Kovacs Lajos unter anderem nach Arnhem, Winterswyk, Enschede, Hengelo, Almelo, Terneuzen, Middelburg, Breda, Eindhoven und Dordrecht führte und einige Überraschungen bereithielt, wie Wolfgang Leuschner zu erzählen wusste: „Zuerst waren wir sehr unsicher wie unser Gesang vom Publikum aufgenommen werden würde. Alle Erwartungen wurden übertroffen. Das Publikum klatschte begeistert Beifall, drängte zur Bühne, forderte mit ständigen rhythmischen Akklamationen immer wieder Zugaben, bis unser Repertoire erschöpft war. Im Sendesaal der AVRO wurden wir mit Herbert Ernst Groh bekannt, der sein Stück ‚Marie-Luise’ probte. In einer Pause stimmten wir unsere Fassung desselben Stückes an und er begleitete uns mit einer so harmonischen Überstimme, dass Werner Doege sie sofort in sein Arrangement aufnahm. In Arnhem war der Auftritt aller Musiker und Sänger besonders eindrucksvoll. Im Konzerthaus war die Bühne mit aufwendigen Aufbauten dekoriert. Stufenförmig wurden die Musiker in ihren grünen Smokings platziert. Farbige Beleuchtungen, Scheinwerferkegel für die Solisten und den Dirigenten Kovacs Lajos. Im Ganzen eine Show, wie sie bisher nicht üblich war. Inmitten des Scheinwerferkegels wurden die Fidelio-Singers – wie wir in Holland genannt wurden – in ihren weiß-grauen Anzügen von den rund 2.000 Zuhörern stürmisch begrüßt. Der Beifall steigerte sich, als wir ‚So meschugge’ und ‚The woman in the shoe’ sangen. Im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung der damaligen Kronprinzessin von Holland in Winterswyk wurde unser Gesang im zweiten Teil im Rundfunk übertragen.“


Die Bass-Stimme zu „Auf Wiederseh’n, Baby“, Arrangement von Werner Doege


Bei diesem Erfolg war klar, dass die Fidelios so bald wie möglich wieder nach Holland kommen sollten. Zunächst aber wurden sie von wichtigen Aufgaben in Berlin erwartet: Konzerte und Rundfunkauftritte standen an, eine neue Platte wurde eingespielt und zwei Filmauftritte absolviert.
Bereits im Sommer 1933 war die Filmbranche auf das Gesangsensemble aufmerksam geworden. In „Der Traum vom Rhein“ von Herbert Selpin sollte es im Juli ihren ersten Filmauftritt absolvieren, der Termin konnte wegen einer Erkrankung Olaf Meitzners jedoch nicht eingehalten werden. Ein heute nicht mehr bekanntes befreundetes Ensemble sprang ein, fiel aber wohl auf Grund mangelnder Qualität dem Schnitt zum Opfer. So wurde die Synchronisation von „Meine Lippen lügen nicht“ Mitte November 1933 zum Filmdebüt der Gruppe, die am folgenden Tag Aufnahmen für Willy Reibers Spielfilm „Die Sonne geht auf“ machte. Aber nicht nur Angenehmes erwartete die Fidelios zu Hause. Dem Ensemble wurde von Seiten des nationalsozialistischen Regimes nahegelegt, den Gruppennamen noch einmal zu ändern. Man sah, so berichtete Olaf Meitzner, „die hehre Oper von Ludwig van Beethoven missbraucht“! Zwar absolvierte die Gruppe zwischenzeitlich einen Rundfunkauftritt unter dem Namen ‚Fünf fidele Jungs’, doch die Deutsche Grammophongesellschaft verhinderte mit Regressforderungen ein Verbot des Namens



Nach einem Auftritt im Berliner „Admiralspalast“ brachen die Fidelios Ende November 1933 erneut zu einer Tournee in die Niederlande auf. Von den Erfolgen der ersten Reise verwöhnt, mussten sie schon beim ersten Konzert eine bittere Erfahrung machen: „In Den Haag war der Raum mit über 2.000 Personen für unsere auf piano eingestellten Stimmen einfach zu groß. Wir konnten nicht bis zum dritten Rang durchdringen. Auch das Mikrofon im zweiten Teil war keine Hilfe. Die Bewegungsfreiheit wurde durch das einzige vorhandene Mikrofon sehr eingeschränkt. Eine Ausgewogenheit des Vortrags war kaum zu erreichen. Jeder Sänger musste seine Stellung zum Mikrofon entsprechend der Verteilung der Stimmen ändern. Ein Handicap, das uns schwer zu schaffen machte“, erklärte Wolfgang Leuschner. Die folgenden Rundfunkauftritte und Konzerte – unter anderem in Utrecht und Amsterdam – verliefen gut, doch schon am 8. Dezember ereignete sich in Rotterdam ein weiterer Zwischenfall, den Werner Doege in seinem Tagebuch beschreibt: „Nach unserem letzten Lied ‚So meschugge’ gibt es einen Kurzschluss, eine Lampe fängt Feuer.“ Zwar kann der Brand gelöscht und eine ausbrechende Massenpanik schnell unterbunden werden, aber die Tournee steht weiterhin unter einem schlechten Stern. Obwohl sich der gewohnte Erfolg zwischenzeitlich wieder einstellte, kam es am ersten Weihnachtsfeiertag 1933 zum letzten Auftritt der Fidelios im Amstel-Hotel in Amsterdam, von dem Wolfgang Leuschner erzählte: „Die Dinner-Gäste, am Abend im großen Saal versammelt, waren während des Gesanges so unaufmerksam und störend im Benehmen, dass es unzumutbar war, weiter zu machen. Es gab nach dem Abgang erregte Debatten mit der Direktion, der Kontaktperson der Fidelios in Holland und auch untereinander.“ Der Streit endete mit der Auflösung der Gruppe. Olaf Meitzner, Erich Bergau und Werner Rössler reisten umgehend zurück nach Berlin. Dort gründeten sie mit Herbert Imlau und Fried Walter die Humoresk Melodios, während Wolfgang Leuschner und Werner Doege zusammen mit Hans von Bachmayr-Heyda, Wolfgang Schmidt und Gerhard Ullrich die Melodisten ins Leben riefen.

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Bei folgenden Zeitzeugen, Sammlerfreunden und Historikern möchte ich mich für die großartige Hilfe bei meinen Recherchen bedanken: Elfriede Bergau, Dieter Doege, Roman Hölzle, Eva Imlau (†), Jutta Lamprecht und Karsten Lehl. Besonderer Dank gebührt den beiden Harmony Boys Olaf Meitzner (†) und Wolfgang Leuschner (†) – ohne ihre Hilfe, die wunderbaren Gespräche und die umfangreiche Korrespondenz wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen!

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Wir danken Herrn Westner ganz herzlich für die Bereitstellung!
Wenn Sie mit dem Autor in Kontakt treten möchten, wenden Sie sich bitte über das Kontaktformular Link - Hier klicken an uns. Mitglieder des Portals können Herrn Westner auch direkt kontaktieren.


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