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Helmut Zacharias

Berlins Hot Geiger Nr. 1
Helmut Zacharias von 1945 bis 1949

Von Lars von der Ohe (Barnabás)

Ein Danke geht an Snookerbee, Jitterbug und den Musikmeister für die Zusammenarbeit und die Überlassung von Infos.






Gleich nach dem Kriegsende stelle der studierte Geiger und nicht mehr ganz unbekannte Helmut Zacharias ein Quartett in Berlin zusammen. Die drei Männer um Zacharias suchten ihr Auskommen im besetzten Berlin mit einer Spielerlaubnis der russischen Militärbehörde. Mit dieser konnten sie auf kleinen Veranstaltungen spielen oder andere Darbietungen begleiten.
Aber die Vorliebe von Helmut Zacharias (Geige) Coco Schumann, (Gitarre) Kurt Grabert (Schlagzeug , Baß)
und Rudi Bohn (Klavier) galt der Jazzmusik. Die vier jungen Männer ließen es sich nicht von den erbärmlichen Lebensumständen in Berlin nehmen, ihre Lebensfreude in der Musik zum Ausdruck zu bringen. Dieser Geist war es, der das Quartett zum Rundfunk brachte und ihnen einige Verträge, Auftritte ermöglichte.

In Berlin bewohnte Zacharias eine kleine Einzimmerwohnung, die er in binnen kürzester Zeit zum Treffpunkt der Jazz –Gemeinde ausbaute. Dieses Zentrum der Kreativität war oft der Ausgangspunkt der aufkommenden „Jam-Sessions“ in der Trümmerhauptstadt.

Anfang 1947 wurden im Berlin allmonatlich ein Zusammenkunft von Musikern organisiert, die sich unter den Titel „Jam-Session“ trafen. Diese Treffen, die von Jazz- Liebhabern und neugierigen Laien besucht wurden sollte eine Erfolgskapitel der Jazz-Geschichte in Berlin werden.
Denn die Musiker spielten ohne festes Programm. Die Musiker brachten eine musikalische Stimmung, ein Einfall mit und aus diesen Grundton wurde ein Jazz-Thema entwickelt.
Dieses freie Konzept wurde bei der Jugend zum Anziehungspunkt Nr. 1 in Berlin.

Ein Berliner Journalist hielt die Stimmung einer jener Abende mit den Worten fest:

„Ein Mann führt sein Glas zum Munde, bevor er aber trinkt springt er wie elektrisiert auf, greift von dem Stuhl neben sich die Geige und stürzt sich mit einen tollen Bogenstrich in das Inferno des soeben begonnenen Chorus. Schräg hängt ihm eine Zigarette aus dem Mundwinkel. Mit seinem Gesicht geht eine seltsame Veränderung vor sich. Die Linie und Flächen bilden sich um, die vollen Lippen werfen sich auf. Es ist Helmut Zacharias.„

„Immer wieder verbindet er alte Formen mit den Rhythmus unserer Tage. Er und seine Spieler scheinen von Dämonen besessen zu sein. Ein blitzschneller Einfall entzündet ein wahres Feuerwerk melodischer Variationen über dem vollendet gut durchgeführte Kontrapunkte seiner Geige und Claus Dillmanns Baß. Dann wieder geigt er in freier Improvisation eine klassische Einleitung zu der schönen alten -Sweet Sue-„


Wenn man sich für ein paar Augenblicke diese Eindrücke des Journalisten auf sich wirken läßt, dann ist es leicht zu verstehen, wie Helmut Zacharias in Berlin zu dem Beinamen „ Hot-Geiger Nr. 1“ gekommen ist, kommen mußte.



(Kurt Dillmann der Jazzer am Bass. Das Bild ist einer Szene aus den Berliner „Jam-Session“ entnommen)



(Coco Schumann, der Mann an der Gitarre. Das Bild ist bei einer Schallplattenaufnahme entstanden.)



(Rudi Bohne, der Taktgeber am Klavier. Auch dieses Bild entstand bei einer Schallplattenaufnahme im Jahr 1948.)


Über diese musikalischen Zusammenkünfte, der „Jam-Session“ entwickelte sich eine neue Popularität um das Quartett und ihren Leader. Eine alte bekannte Kausalität in der Musikwirtschaft lautet, daß eine ausgeprägte Popularität sich für den Verkauf von Schallplatten gut auszahlte. So trat die Odeon 1947 ein zweites mal an Zacharias heran und bot ihm zwei Aufnahmen an. (Erster Odeon Schallplattenvertrag von 1942 bis 43) Diese wurden mit der Stimme der ebenfalls in Berlin sehr bekannten grich. Sängerin Nina Konsta gekoppelt. So konnten Jazzfreunde und Kleinkunstliebhaber gleichzeitig kostengünstig bedient werden.
Am 16. Juni 1947 trafen Zacharias und seine Musiker im Gemeinde Haus von Berlin Charlottenburg im Saal des Gemeindehauses der evangelischen Epiphanien-Kirche Berlin-Charlottenburg, Knobelsdorffstrasse 74.auf Nina Konsta um unter der Leitung des Odeon Aufnahmeleiters Lampe zwei Titel einzuspielen.

Nach diesen Arbeiten konnte sich Zacharias ein Engagement in der britischen Zone erkämpfen und bekam eine Reiseerlaubnis für die Nordseeinsel Sylt. In Westerland spielte er im Unterhaltungslokal „Trocadero“ wieder sein unglaublichen „Geigen-Jazz“.
Für diese Auftritte verstärkte Zacharias sein Quartett mit den Saxophonisten Eugen Henkels.
Nach seiner Rückkehr nach Berlin trat die unter russ. Verwaltung stehende Schallplattenfirma Amiga an ihn Zacharias und bot ihm ebenfalls einen Schallplattenvertrag an.
Im Frühjahr 1948 kam es zu ersten Testaufnahmen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf den 30/31.Mai festzulegen sind.
Der Hintergrund der Testaufnahmen und dem Schallplattenvertrag allgemein, war sicher die schon beschriebene lokale Popularität, die aus den „Jam-Session´s“ erwuchs. Eine Vielzahl vom Musiker die bei diesen Veranstaltungen auftraten wurde bei der Amiga zu der „Amiga All-Star-Band“ zusammengefaßt.
Unter ihnen waren
Hans Berry, - Trompete
Macky Kasper - Trompete
Walter Dobschinski - Posaune
Omar Lamparter - Klarinette
Detlev Lais - Tenorsaxophon
Erwin Lehn - Klavier
Teddy Lenz - Baß
Ilja Glusgal – Schlagzeug.
Die Amiga gewährte Zacharias den geliebten Jazz in allen seinen Ausprägungen zuspielen. Die Firma sicherte Zacharias die langvermissten Instrumentalaufnahmen zu.
Am 21. Juni 1948 stand das Quartett im Studio und spielte die Titel
AM 1031 Be-Bop Nr. 2 - Amiga 1151
AM 1032 Armer Gigolo - Amiga 1151
AM 1033 St. Louis Blues - Amiga 1152
AM 1034 Re-Bop Nr. 1 (Test unveröffentlicht, im Wachs 1033 durchgestrichen)
AM 1034 Be-Bop Nr. 1 ((Test unveröffentlicht, im Wachs 1034 I)
AM 1034 Be-Bop ? (im Wachs 1034 II) - Amiga 1152
erfolgreich ein.



(Helmut Zacharias und Nina Konsta in einer Aufnahme vom 16. Juni 1947.
Der Song Ti-Pi-Tin war der Erfolgstitel von Rosita Serrano bei der Telefunken in den 30er Jahren.)




(Das Stück Alla en el Rancho Grande war voll auf den Gesang von Nina Konst abgestimmt. Das Zacharias Quartett konnte hier nicht ihren Stil durchsetzten.




(Bei der Firma Amiga wurde Zacharias die Möglichkeit gegeben, seinen Jazz so zu spielen, wie er ihn im Jahr 1948 verstand.Was ist Be-Bop? Eine Frage die Zacharias musikalisch sehr gut beantwortete.Das Intro der Platte ist mit einer Ansprache des Geiger versehen.)


Zacharias folgte gleich nach diesen Aufnahmen einen Gastspielvertrag nach Hamburg.
Hier fesselte das Quartett in gekonnter Manier das jugendliche Publikum mit dem Geigen-Jazz.
Zacharias wurde auch hier von der Jugend gefeiert.
Doch holten die politischen Spannungen zwischen Ost und Westpolitik Helmut Zacharias und die Seinigen schnell auf den Boden der harten Realitäten zurück.
Drei Tage nach seinen Plattenaufnahmen in Berlin wurde ihm die Rückreise in seine Heimatstadt unmöglich gemacht. Der Höhepunkt in der Hauptstadtfrage war die Verhängung einer Blockade um Berlin herum. Am 24. Juni 1948 wurde die sogenannte Berlinblockade in Kraft gesetzt. (24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949)
In dieser verhängnisvollen Situation bot der NWDR dem Musikern ein Vertrag in ihrem Funkhaus an.
Dieses Angebot konnten die Männer aus verständlichen Gründen nicht ausschlagen.
In ihrem eigenen Sendeblocks spielte das Quartett den Jazz bis auf die Spitze ihres Könnens.
Mit Franz Thon und Gerhard Gregor entwickelte sich daraus eine professionelle musikalische Zusammenarbeit.

Die Hambuger Zeitschrift Hör Zu interviewte den Geiger zu diesem Anlaß im Funkhaus und stelle die Frage der Jazzmusik in den Raum. Zacharias antwortete:

„Ich habe sehr großes Interesse an dieser Musik unserer Zeit. Und es ist mein Wunsch, durch ernste Arbeit das Niveau des Jazz in Deutschland zu heben. Die Welt hat viele bedeutende Violinen Virtuosen, jedoch nur wenige große Jazz-Geiger.“



(Helmut Zacharias wird zum Vorreiter des Geigen-Jazz in Deutschland.
Der NWDR gab ihm ein Vertrag mit eigener Sendung.)


Im Oktober 1948 gab die Zacharias-Gruppe im Hamburg ein großes Jazz-Konzert. Als Ort der Szenerie wurde die Hamburger Musikhalle festgelegt. Wieder war diese Sitzung ein gewaltiger Erfolg für den Jazz.
Doch kamen Anfang des Jahres 1949 erste Stimmen des Widerstandes im Hambuger Funkhaus auf.
Die verantwortlichen Männer des Senders waren der Meinung:

„Helmut Zacharias spielte viel zu heiß. Das sei reiner Jazz, und den wolle das deutsche Publikum nicht hören.“

Die Folgen dieser Feststellung blieben nicht aus und der Vertrag mit dem Quartett wurde nicht verlängert.
Nach diesem Einschnitt in seine Kreativität schloß die Gruppe den Tourneevorbereitungen von Theo Lingen, Iska Geri und Gerd Fröbe an. Bis in den April 1949 spielte sich die Tournee-Gemeinschaft durch „Westdeutschland“.
Es folgte ein Angebot der deutschen Grammophon, die Zacharias für die Labels Polydor und Brunswick verpflichten wollten.
Mit diesen Schritt wurde der große Kurzwechsel in der Karriere des Helmut Zacharias eingeleitet.
Das Konzept der Polydor legte einen neuen Stil an den Geiger an, mit dem er zum Massengeschmack übergeleitet werden sollte. Der Zacharias Geigen-Jazz wurde zum Auslaufprodukt und zur Geburtsstunde des „Lachenden Geigers mit der Zauberfidel“
In dieser Meteromorphose entstanden noch einige beachtliche Aufnahmen für die Brunswick, aber Zacharias hatte sich schon für seine zweite Karriere entschieden.
Der Millionenerfolg der Polydor, der 50er Jahre wartete bereits auf ihn.



(Helmut Zacharias 1947 in Hamburg. Sein Spiel überzeugte die Jugend der Stadt.)



(Ab dem Führjahr 1949 spielte der Geiger für das Unterlabel Brunswick einige Schallplatten ein.)








Weitere Informationen und Bilder auch im Diskussionsportal Link - Hier klicken


Quelle: Hör Zu Nr. 35/1948, Melodie Nr. 04/1948, Deutsche Jazz Discographie, Der Spiegel 2/1950


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