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Whispering Jack Smith



JACK SMITH - Der flüsternde Bariton


in Berlin (1928)



Da sitzt er nun vor uns — ein schlanker, hübscher junger Mann mit lachenden blauen Augen, sitzt am Flügel, eigenartig in seiner Haltung, eigenartig in seiner Art, mit dem Publikum sich zu unterhalten. Trotz dieser Eigenart wirkt alles natürlich, selbstverständlich, und trotz der Neuheit und Ungewohntheit des Vortrages hat jeder der zahlreichen Zuhörer das Gefühl, einem alten lieben Bekannten zuzuhören, der nur für ihn „flüstert"! Das ist das Geheimnisvolle, Faszinierende von Jack Smith, dessen tönende Visitenkarte ihn längst so populär gemacht hat, daß er trotz seines erstmaligen Besuches wie ein guter alter Bekannter begrüßt wird. Was er flüstert, ist eigentlich gleichgültig — das „Wie" entscheidet seinen Sieg.

Chansons heiteren Inhalts wechseln in seinem Repertoire mit solchen ernsten Charakters. Jack Smith trifft immer den richtigen Ton, der zu Herzen geht und hinreißt. Eine zwar kleine, aber selten sympathische Stimme mit der gewissen Träne, die selbst den großen Meister Richard Tauber, Elisabeth van Endert, Blandine Ebinger und viele andere Künstler, die in der ersten Reihe zu seinen Füßen sitzen, sichtlich gefesselt hat, zeugt von großer Musikalität. Jack Smith hält sich nicht starr an ein vorgedrucktes Programm, sondern „flüstert" alles nach Wünschen, die ihm das Publikum zuruft. The song is ended — Cecilia — My blue heaven — When day is done — rufen die jungen Damen aus dem Parkett und den Logen, und mit freundlichem Lächeln erfüllt dieser liebenswürdigste, charmanteste aller „flüsternden" Chansonniers alle Wünsche, die nur aufs neue beweisen, wie populär seine Electrola-Platten sind, die ja allein sein Repertoire im fremden Land so schnell bekannt gemacht haben.

Es wird einem ordentlich schwer, zu entscheiden : sind die Platten wahrheitsgetreue Wiedergaben von Jack Smith oder ist dieser eine Kopie der so populären „Jack-Smith"-Platten? Jack Smith selbst fordert zu diesem Vergleich heraus, da ein „Electrola"-Instrument seine „Cecilia" singt, Jack Smith im Duett mit dem Instrument die zweite Strophe „flüstert" und mit einem liebenswürdigen „Thank you" der Maschine freundlich für die Begleitung dankt. Dann orkanartiger Beifall, über den er mit einem „Danke schön" quittiert mit verschmitztem, vielversprechendem, unnachahmlichem Lächeln seiner lachenden Augen und mit der Aufforderung, den Refrain „mitzuflüstern", einer Aufforderung, der das Publikum willig und begeistert nachkommt! Jack Smith kennt sein Publikum und weiß es zu fassen, ohne starke Mittel zu verwenden. Alles nicht neu in der Idee, aber neu in seinem unwiderstehlichen Charme. Jack Smith verbeugt sich, und der Vorhang fällt, um immer und immer wieder hochzugehen, weil das Publikum nicht geht, und Jack in Geberlaune Chanson auf Chanson folgen läßt, um die scheinbar nimmer satten Zuhörer zufrieden zu stellen.

Jack Smith ist 30 Jahre alt, geborener Amerikaner, seit 12 Jahren beim Varieté, wo er zumeist seriöse Sachen —Balladen — mit viel Stimme sang. Eines Tages war er furchtbar erkältet und mußte trotzdem für den Rundfunk vor dem Mikrophon singen. Jack Smith glaubte, die Zuhörer würden enttäuscht sein, und war nicht wenig erstaunt, festzustellen, daß von allen Seiten Anfragen bei der Sendestation einliefen —wer der bisher nie gehörte ,Flüsterer" sei. Kismet! Seit 4½ Jahren kennt die ganze alte und neue Welt Jack Smith, den flüsternden Bariton, dem wir so viele frohe Stunden anregendster Unterhaltungen zu verdanken haben.






Mikrophon

Art Gillham
Kein "Crooner" (umgs. Schnulzensänger) ohne Mikrophon. Erst durch Verstärker im Rundfunk konnten sich langsam die leisen, intimen Stimmen in der populären Musik durchsetzen. Gerade erst durch das "Spiel" mit dem Mikrophon kam der neue, sanfte und weiche Gesangsstil richtig zur Geltung.

Einer der ersten Sänger (in den USA), die mit diesem Stil berühmt wurden, war > Art Gillham <, "The whispering pianist" - der flüsternde Pianist. Sicherlich nahm sich Jack Smith - der flüsternde Bariton - Gillham als Vorbild. Beiden gemeinsam: Ohne das Mikrophon in der Aufnahmetechnik der Schallplatte, hätten sie niemals die Popularität ihrer Zeit erreicht.




Anlässlich seiner Tournee, aber auch wegen des großen Erfolges in Deutschland, spielte Jack Smith den berühmten Schlager "Ich küsse ihre Hand, Madame" zweisprachig ein: Zunächst in Englisch, dann den zweiten Teil in Deutsch.


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Während seines Aufenthalt in Europa entstanden in London und Berlin circa 15 Titel.


Nach dem längeren Gastspiel in Berlin, ging es im November 1928 weiter nach Österreich. Hier trat Jack Smith unter anderem im großen Konzertsaal in Wien auf. Das Publikum, vor allem die weiblichen Fans, waren wieder hingerissenen - Der geneigte Kritiker, der sonst höhere Weihen in dem ehrwürdigen Konzerthaus gewohnt war, leidlich irritiert....



Jack Smith
„Der flüsternde Bariton“


Im allgemeinen gibt es zweierlei Kategorien von Konzertbesuchern, solche, die die Kunst um ihrer selbst willen besuchen und solche, die künstlerische Sensationen (Stars u. dgl.) erleben wollen. In dieser Veranstaltung aber kam keiner von beiden Teilen auf seine Rechnung. Es gab weder Kunst noch Sensation. Sensationell war nur die werbende Wirkung des raffiniert gewählten Schlagwortes: „Der flüsternde Bariton“. Der Riesenraum des Konzerthaussaales war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt und die Umgebung des Hauses bot nicht genug Raum für die zahllosen eleganten Privatautomobile, bezeichnend genug für eine Zeit, in der wirkliche, ernste Kunst vor leeren Sälen zu Wort kommt.

Was nun in dieser Vorstellung geboten wurde, mußten alle, welche die Hoffnung, etwas ernstes zu hören, hergeführt hatte, als Frozzelei empfinden. Schon das zirkusmäßig drapierte Podium mit den roten Vorhängen und verschiedenen Scheinwerferanlagen machten etwas mißtrauisch. Die Darbietung selber aber übertrafen die schlimmsten Erwartungen. Die Fräulein Daubers spielten Originalfoxtrotts und wüste Jazzverbalhornungen ernster Musik. Anton Kuh gab sich schweißtriefende Anstrengungen, die Spannung auf das Auftreten des Wundermannes Jack Smith, des „flüsternden Baritons“, zu erhöhen.

Und nun kam „Er“, setzte sich ans Klavier und betrachtete wohlgefällig ein Publikum, dessen Barphysiognomie ihm einen leichten Sieg garantierte. Im Saal trat Totenstille ein, denn man machte sich ja auf ein Flüstern gefasst, von dem man sich keine Nuance entgehen lassen wollte. Wo aber blieb das Flüstern? Es bestand aus einem mittelmäßig lauten, in der Tiefe rauh klingenden, vollständig ausdruckslosen Sprechen und ein paar sentimentalen Falsettönen, die wahrscheinlich den Zorn eines jeden Gesangslehrers erregt hätten. Wir bezweifeln sehr, ob die alten Griechen die Schöpfungen ihres großen Homers ausgehalten hätten, falls sie, wie der Conferencier meinte, in dieser Manier vorgetragen worden wären. In der Pause wurde verschiedentlich die Ansicht laut: „Ein unerhörter Aussitzer“. Und dies mit Recht! Die ganze Produktion hätte man sich im Varieté oder einer Bar gefallen lassen können. In diese Räume passte sie nicht.

Am Schluß sang Smith Lieder nach Wahl des Publikums, das auf seine Aufforderungen hin nicht nur mitsang, sondern auch mitpfiff. Es war klar, daß es den Charakter des Hauses vergessen hatte und der Ansicht war, sich in gewohnter Umgebung zu befinden. Darob war der „Künstler“ sichtlich erfreut und fühlte sich beim Abschied verpflichtet, seinen englisch gesprochenen Dank ein paar deutsche Worte einzufügen. Von der Wahrheit seines Aufrufes: „I am schrecklich happy“ sind wir überzeugt; leider ohne einem ähnlichen Glücksgefühl Ausdruck geben zu können.
Wien, Reichspost 9. November 1928





Einflüsse


Der Erfolg von Jack Smith, aber auch sein intimer Gesangsstil, beeinflussten in nicht unerheblichen Ausmaß die populäre Unterhaltungskultur, wie auch die Kleinkunst-Szene im Berlin der späten 1920er Jahre. Nicht wenige Sänger nahmen sich seinen Stil zum Vorbild, neben frühen Aufnahmen von Oskar Karlweis, dürfte der bekannteste Vertreter des flüsternden Sängers > Austin Egen < gewesen sein, der fast seinen gesamten Stil nach Smith modulierte. Daneben waren aber auch Einspielungen von "intimen" oder "flüsternden" (Begleit-) Orchestern sehr populär.

Im Januar 1929 nahm der Sänger > Paul O'Montis < sogar eine "Jack Smith Parodie" für Odeon auf.


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Im Januar 1929 beendete Jack Smith seine lange Europa - Tournee in den Niederlanden. Hier trat er, unter anderem, in Rotterdam und Amsterdam in > Hecks´s Lunchroom < auf.

******


Jack Smith wurde am 30. Mai 1898 in New York als jüngstes Kind deutscher Einwanderer geboren. Entsprechend war sein Geburtsname Jacob Schmidt. Ungefähr zu Beginn des ersten Weltkrieg begann er seine Karriere, nun als Jack Smith, im Vaudeville und als Sänger in kleineren Broadway-Produktionen. Bei seiner Musterung zum Soldaten gab er als Beruf "Theatrical singer - Traveling in Theatres" an. Sinngemäß einfacher Sänger ohne feste Anstellung.

Während des Einsatzes in Europa soll Jack Smith bei einem Giftgasangriff in Frankreich verletzt worden sein; seine Stimmbänder bleibend in Mitleidenschaft gezogen - er sollte nicht mehr den vollen (lauten) Stimmumfang wie zuvor erlangen. Ob dies tatsächlich stimmt oder ob die Geschichte "Marketing" war, ließ sich noch nicht ermitteln.

Ab 1918 war er "Song Plugger" im großen Musikverlag von Irving Berlin. Hier spielte (am Klavier) und sang er Kunden die neuesten Schlager vor, um sie zum Kauf der Notenblätter zu "motivieren". Regelmäßiges, und besseres, Einkommen fand er ab etwa 1922/23 an den ersten Rundfunkstationen. Das junge Radio in Amerika hatte einen großen Bedarf an "neuen Stimmen", mit seiner intimen Stimme wurde Jack Smith schnell im ganzen Land bekannt, seine Karriere verlagerte sich fast gänzlich aufs Radio.

Neben einem frühen Tonfilm (Vitaphone, c. Dezember 1926) und Rundfunk wurde Smith vor allem durch seine Platteneinspielungen Mitte der 1920er Jahre weltweit bekannt. Im August 1925 entstanden für die Victor die ersten beiden, unveröffentlichten, Probeaufnahmen (Alone at last & My sweetie turned me down) bei denen er sich selbst am Klavier begleitete. Am 15. September 1925 dann die erste veröffentlichte Schallplatte (Cecilia & I care for her and she cares for me). Bis zum 28. Oktober 1927 entstanden, allesamt für die Victor, rund 45 Titel.

Jack Smith 1933
Seine Platten verkauften sich vor allem in Europa auf HMV und Electrola sehr erfolgreich - In der alten Heimat seiner Eltern war der Name "Jack Smith" auf Platte populärer als in den USA. Im November 1927 reiste Smith nach England und begann, basierend auf dem Erfolg seiner Schallplatten, eine ausgedehnte Tournee quer durch Europa welche bis Anfang 1929 dauern sollte.

So groß sein Erfolg hier bei uns auch war, bedingt durch die starke Konkurrenz in Amerika und seiner "langen" Abwesenheit, konnte Jack Smith nach der Rückkehr nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. Zwischen dem 13. Februar und 25. Oktober 1929 entstanden, wieder für die Victor, nur noch zwölf veröffentlichte Aufnahmen; 1930 nur noch fünf Titel - damit war seine Plattenkarriere quasi beendet. Die Victor verlängerte seinen Vertrag nicht mehr. Möglicherweise stand dies auch mit seiner Alkoholerkrankung in Verbindung.

Ende 1930, Anfang 1931 besuchte Smith ein weiteres mal Europa und Deutschland. Am 13. Januar 1931 entstanden für die Ultraphon vier Titel, die Begleitung möglicherweise vom Orchester Billy Barton

Jack Smith mit flüsterndem Orchester
15995 Oh, Fräulein Grete Ultraphon A 792
15996 Swingin' in a hammock Ultraphon A 793
15997 Schön wie Lisette Ultraphon A 792
15998 When you look in my eyes Ultraphon A 793


Neben einem kleinen Filmauftritt 1929 und einer Handvoll Aufnahmen 1931 für die Plaza Company und Banner in den USA, verlagerte Jack Smith seine Karriere wieder auf den Rundfunk - dies jedoch zunächst sehr erfolgreich. Bis Ende der 1930er Jahre war er regelmäßig Landesweit zu hören, auch eine eigene "Radio - Show" belegt seine Popularität. Während sein intimer Gesangsstil noch gut zum sentimentalen Publikumsgeschmack der ausgehenden Weltwirtschaftskrise passte, verdrängte ihn jedoch die einsetzende Swing-Welle und neue Stars wie Bing Crosby oder auch der mitreißende Stil von Fats Waller zusehends in den Rundfunksendungen.

Ende der 1940er Jahre bemühte sich Jack Smith um ein Comeback in Rundfunk und auch Schallplatte (Decca Label, 1940), jedoch war der "Whispering Baritone" beim Publikum in Vergessenheit geraten. Am 13. Mai 1950 starb Jack Smith in New York an den Folgen einer Herzattacke.



DER FLÜSTERNDE BARITON
von
Hans Siemsen

(November 1927)


Sammlung Richard Herfeld

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Jack Smith in London von einer Droschke überfahren und tot? Da waren wir alle sehr traurig. Aber nun ist es gar nicht wahr. Er lebt. Und wir freuen uns. Wer ist „wir"? Nun, wir alle, die wir ihn mal gehört haben. „The whispering Baritone" heißt er. Der „flüsternde Bariton". Und er singt in den ganz feinen Hotels in London, wenn die ganz feinen Leute ihren Tee trinken und zwischendurch ein bißchen tanzen. Er singt zwischendurch ein bißchen.

Und das ist so: Ein hübscher, schlanker, junger Mann mit einem unwahrscheinlich gut sitzendem Frack & eine große weiße Nelke im Knopfloch, setzt sich gleich an den Flügel. Was will er da? Ist er hier für sowas angestellt? Ach, — kaum! Er will wohl bloß ein bißchen Klavier spielen. Weil er grade Lust dazu hat. Ganz leise klimpert er ein bißchen vor sich hin. Ganz leise. Um die Leute nicht zu stören, die hier ihren Tee trinken. Singen tut er nicht. Oder doch? Nein, er klimpert bloß. Es ist ihm da so eine kleine Melodie eingefallen, eine hübsche, melodiöse kleine Melodie. Ob er alles richtig wieder zusammenbringt? Wie ging doch die Melodie? War es nicht so? Ja! So war es wohl. Richtig! Es ist ihm wieder eingefallen. Und nun kann er auch ruhig ein bißchen lauter spielen. Nun fängt er doch an zu singen? Nein, „singen" nicht. — Aber er hat doch was gesagt? Ja, gesagt hat er was. Er hat gesagt: „Es war mal ein kleiner Junge". — Und dabei sieht er zu den feinen Leuten hinüber, die alle aufgehört haben, Tee zu trinken, und bereit sind, ihm zuzuhören, weil er so nett Klavier spielen kann.





Vielleicht kann er auch etwas singen? Das ist wohl möglich. Aber einstweilen singt er noch nicht, einstweilen erzählt er lieber. Er sagt: „Es war mal ein kleiner Junge. Und ein kleines Mädchen. Der Junge liebte — aber das Mädchen — na, das wollte nicht so recht. Es war gar nicht ein bißchen nett zu dem kleinen Jungen. Aber der ließ sich nicht abweisen. Was ist denn schon dabei? sagte er, was ist denn schon dabei? Gib mir doch einen kleinen Kuß! Willst Du? Ja?" Und während er das erzählt, spielen seine Hände immer weiter, ganz leise, die hübsche, kleine Melodie. Was er da erzählt, das ist der Text zu dieser Melodie. Und — sehen Sie was habe ich gesagt? Nun fängt er doch an, zu singen! „Give me a little Kiss !" das ist sozusagen der Refrain des Liedes. Und da gefällt ihm die hübsche, kleine Melodie so gut, daß er vom Erzählen unversehens ins Singen hinüber-gleitet. — Und sieh mal an, was für eine schöne, sympathische Stimme er hat! Ganz leise singt er vor sich hin. Denn das Publikum, dem er diese Geschichte erzählen wollte, das hat er inzwischen schon wieder ganz vergessen. Er ist ganz vertieft in sein Klavier und seine Melodie und seine Geschichte, Manchmal spricht er bloß so vor sich hin und dann singt er wieder ein paar Takte und dann spricht er wieder. Und währenddessen spielt er leise Klavier und spielt so allerlei kleine Schnörkeleien — läßt was aus, fügt was hinzu — und singt so zauberhaft begabt. Ganz für sich, ganz zu seinem eigenen Pläsir, so, als wäre er in das Klavier und die Melodie und das Lied und auch in seine Stimme ein bißchen verliebt. Und dann lacht er leise vor sich hin und sagt „oh boyl" oder „yes Sir !" — und ist gewiß ganz erstaunt, daß nun, wie er zu Ende ist, mit einemmal die feinen Leute ganz furchtbar zu applaudieren anfangen. Und, wenn er nicht erstaunt ist, dann wird er so tun, als ob er es wäre.

Denn was er da gemacht hat, das ist alles „Theater", und genau so begabt wie er ist, so geschickt und klug und gerissen ist er. Und nun muß er ja wohl noch etwas „zum Besten geben" ? Was denn? „Poor Papa" oder „I am telling the birds" ? „Poor Papa" ist das tragische Lied von dem armen amerikanischen Papa, der für die ganze Familie und besonders für „Mamma" schaffen und Geschenke und Essen und Perlen und Auto heranschaffen muß und er „gets not hing at all" — auf deutsch: „und er guckt durch die Röhre". — „I am telling the birds" dagegen ist eine wunderschöne, freundliche, luftige Liebeshymne. Was er nämlich „felling" ist, was er den Vögeln, den Blumen, den Bäumen und „everybody" erzählen will, das ist: love you" — „Ich liebe Dich!" Kind wie bezaubernd er beides singt und erzählt! „Poor Papa" — da lacht er so stillvergnügt und resignierend in sich hinein, als ob er selber der arme, ausgenutzte „Papa" wäre. So gutmütig und so freundlich! —

Und das Liebeslied, das „I love you", das singt er so luftig, so strahlend vergnügt, wie ein ganz junger, eben zum erstenmal verliebter Junge. Er kann sich nicht verkneifen, an das geliebte „you" einen kleinen Jodler anzuhängen. Immer vergnügter und ausführlicher wird dieser Jodler, bis er zum letzten mal dies geliebte „you" wieder ganz schlicht und einfach und ohne Jodler, bloß so ganz einfach verliebt dahin singt.

Ein reizender Kerl ist er, dieser Jack Smith! Er kann so liebenswürdig, lustig lachen und lächeln, wie ein kleiner Junge.. Er kann so fabelhaft Klavier spielen, daß er bloß anzudeuten braucht. Er kann so gut singen, daß er sein ganzes Können nie hervorzuholen braucht. Alles, was er macht, erscheint so simpel, so einfach, daß einem gar nicht klar wird, wie schwer das ist. Er macht den Eindruck eines begabten Dilettanten — und ist ein großer Künstler. Und nun glauben Sie, ich hätte Jack Smith in dem feinen Hotel in London gesehen und gehört? Nein, nein! Ich hab ihn nie gesehen. Ich war nie in London. Ich kenne ihn nur von den „Electrola"-Platten. Aber ich weiß so ziemlich sicher, daß er so ist und sich so benimmt, wie ich versucht habe, ihn zu schildern. Wollen Sie ihn auch kennen-lernen? Das ist sehr leicht. Sie brauchen sich bloß eine Platte von ihm zu kaufen! — Aber nehmen Sie eine recht leise Nadel! Er brüllt nicht, er flüstert.

Und nun mit einem mal, nur ein paar Wochen später, haben wir Jack Smith doch noch persönlich gesehen und gehört. Auf der Durchreise in Berlin gab er auf Wunsch der Electrola-Gesellschaft seinen Berliner Freunden ein kleines Konzert. — Und genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten, genau so war es und war er. Und seine Berliner Freunde waren denn auch nicht schlecht begeistert! Mit solchem Beifall ist wohl selten ein Sänger in Berlin begrüßt worden. Sonderbare Zeit, in der ein Sänger bei einem fremden Publikum, das ihn nie gesehen, nie selbst gehört hat, so beliebt, so populär sein kann, daß er, wenn er selbst erscheint, von der ersten Minute an wie ein guter, alter Bekannter begrüßt wird.

Das ist das Verdienst der Sprechmaschine. Hier bei diesem Jack-Smith - Konzert konnte man nun einmal vergleichen, wie weit die Technik der Schallplatten ist, wieviel die Platten von der Stimme, der Art, dem Wesen eines Sängers wiedergeben kann. In diesem Falle muß man sagen: Der Jack Smith der „Electrola "-Platten ist ganz genau derselbe, der da persönlich sang und spielte. Diese Platten vermitteln nicht nur sein Klavierspiel, seinen Gesang, seine Stimme, sie geben noch mehr als das, sie geben etwas von seinem Wesen und seiner Persönlichkeit.


Ulrich Biller



Quellen u.a.:
  • Electrola - Skizzen 1927 & 1928

  • Births Manhattan, New York, New York, United States. New York Municipal Archives, New York

  • Discography of American Historical Recordings, Santa Barbara University of California

  • Reichspost Wien, 9. November 1928, Nr. 818

  • Whispering Jack Smith Collection 1925-1932, Archive.org

  • Nieuwe Rotterdamsche Courant, 29.1.1929

  • Berliner Volkszeitung, 31.7.1928

  • Hamburger Nachrichten, 4.12.1928

  • Radio Digest 1933

  • Elmira´s Star-Gazette, New York, May 17, 1950


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