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Georgi Vintilescu - der "Ragtime König" vom Palais de Danse, Berlin

Die Einspielungen von Georgi Vintilescu mit seinem Orchester vom Palais de Danse (Berlin) ab 1911 stehen für ihre Zeit recht einzigartig da. Tanzmusik wurde zuvor fast immer von vollbesetzten Blaskapellen oder Militärorchestern aufgenommen.


THE GABY GLIDE
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Tanzpalast-Orchester (Palais de Danse)
Kapellmeister George Vintilesco, Berlin
1912


Vintilescu nahm 1911 (als einer der ersten auf Schallplatte) mit einer Salon-Besetzung auf. Damals auch „Pariser Besetzung“ genannt, wirkte der Klangkörper aus Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie Klavier und Schlagzeug vergleichsweise sehr modern und „weich“. Quasi die „Urform“ der modernen Tanzorchester. Zwar gab es gelegentlich auch andere Orchester-Einspielungen mit ähnlicher Besetzung und der Violine als Stimmführung, keines war aber so erfolgreich wie das Orchester vom Palais de Danse. Diese Besetzung wurde selbst in den USA (auf Schallplatte) erst ab den Jahren 1916/17 durch den Orchesterleiter Joseph C. Smith populär – der Geiger Vintilescu war hier in Europa einige Jahre voraus…


Typisches Studioorchester bei einer Aufnahme um 1904. Mit solchen Besetzungen entstanden längere Zeit auch die schon damals beliebten Tanzaufnahmen wie Walzer, "Steps" und Co.

Zum Vergleich: Ein Two-Step aus dem Jahr 1912 in der damals üblichen, von Blechbläsern dominierten Studiobesetzung wie oben auf dem Photo.
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Aber auch die Einspielungen waren für die Zeit in Deutschland und Europa sehr modern, bestanden sie fast ausschließlich aus modernen Tänzen wie One- und Twosteps, Ragtime, Tangos, Boston-Walzer und so fort. Dazu viele aktuelle amerikanische Ragtime-Kompositionen wie den Turkey-trot, denn Horse-trot - direkte Vorläufer des später so populären Foxtrotts. Kein anderes Orchester in Europa hinterließ in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg ein derartig mondänes Repertoire. Entsprechend wurden die Aufnahmen von Georgi Vintilescu, sehr erfolgreich, fast in ganz Europa verkauft; seine Platten finden sich auch heute noch von den Ländern der ehemaligen k.u.k Monarchie über Deutschland, Frankreich und England bis hinauf zu Schweden und Norwegen.


Tanzorchester um 1915


Wer aber war der erste „König des Ragtime“, der Musiker Georgi Vintilescu? Lange Jahre wirkte er fast wie ein Phantom, welches vor dem Krieg in Berlin auftauchte, hunderte von Schallplatten machte, um dann wieder zu verschwinden. Neuere Forschungen machen den Lebensweg von Vintilescu nun greifbarer.

Georgi Vintilescu


(* 17. October 1880 in Galați (Galatz) - Rumänien; † ?)
Violine, Kapellmeister, Komponist


Georgi wurde als Sohn von Jamandi Alexandru Vintila (Der Name der Mutter ist nicht bekannt) in der Provinzstadt Galati (Galatz) im Nord-Osten von Rumänien geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Ebenso wenig wann genau sein jüngerer Bruder Constantin geboren wurde.

Berlin I (1906/07)


Die beiden Brüder gingen ihren musikalischen Weg immer wieder gemeinsam. Um 1906 kam mindestens Georgi, möglicherweise auch Constantin Vintilescu nach Berlin. Die Zeitschrift „Der Artist“ schreibt über Georgi Vintilescu im September 1907:

„Auch im Theater-Café des Westens war dieses Ensemble ein Jahr lang mit bedeutendem Erfolg engagiert.“



„Theater des Westens“, Kantstraße – Charlottenburg


Chronologisch richtig wird Vintilescu, in Berlin, allerdings erstmals im Januar 1907 erwähnt. Er spielt im „Café Braun“:
„Café Braun: „Echte Rumänische Künstler-Royal-Capelle, Carmen Sylva. Dir. George Vintilescu. Großes Repertoir, neueste und modernste Lieder. Besetzung: 2. I. Geigen, Cello, Bass, Bratsche, Cymbal, Klavier.“
(Ab 1908 sollte hier eine ebenfalls „junge“ Kapelle in Berlin spielen: Die von Gabriel Formiggini…)


Was aber hatte es sich mit dem Namen der Salon-Kapelle Carmen Sylva auf sich? Es handelte sich hierbei um das Pseudonym der rumänischen Königin Elisabeth I (Elisabeth zu Wied). Unter dem Namen Carmen Sylva veröffentlichte die rumänische Königin als Schriftstellerin Gedichte und Kurzgeschichten. Die königliche Schriftstellerin war um diese Zeit in aller Munde - und ebenso oft in der Tages- und Klatschpresse vertreten. Carmen Sylva stand schon fast als Pseudonym für rumänische "Upperclass" und anspruchsvolle Unterhaltung. Georgi Vintilescu gab mit der Wahl des Namens für sein Orchester diesem schon fast einen königlichen Anstrich - zumindest wählte er einen damals sehr populären Namen mit Wiedererkennungswert für rumänische Kultur.

Vom 1. Februar bis 30. März 1907 trat Vintilescu mit der Kapelle Carmen Sylva in Berlin im "Café Skandinavia" auf. Vom 15. bis 31. April 1907 in Danzig (Ostpreußen) im "Deutschen Haus" (heute Gdańsk, Polen). Im Sommer 1907 (Mai bis September) war Vintilescu zurück in Berlin. Einer Anzeige zufolge bestand die Kapelle aus: 3 Violinen, Viola, Klavier, (Streich) Bass und ungarischem Cymbal.

Möglicherweise war sein jüngerer Bruder Constantin während dieser Zeit ebenfalls Mitglied des Orchesters. Von Oktober bis Dezember 1907 war die Kapelle wieder im "Café Skandinavia" zu hören. In "Der Artist" erscheint dazu wieder eine Notiz:

„Erste, echte rumänische Salon-Kapelle ‚Carmen Sylva’. 8 Herren - Direktion: George Vintilescu - 8 Herren / 8 Herren in rumänischer National-Tracht oder Salon-Toilette/Besetzung: 3 I. Geigen, Viola, Cello, Bass u. grosses ungar. Cymbal. Grosses modernes und klassisches Repertoir. Zur Zeit zum zweiten Mal mit grossem Erfolg: Café Skandinavia, Berlin / Frei 1. Januar 1908. Privat-Adresse: George Vintilescu, Berlin W., Wilhelmstr. 25, II.“
Der Artist, 15.12.1907

(Anm.: Bei der Privat-Adresse dürfte es sich um Untermiete gehandelt haben. In der Wilhelmstr. 25 waren verschiedene Privatpersonen gemeldet, jedoch kein Vintilescu.)






Stockholm I (1908 - 1910)


Frei 1. Januar 1908... Ab 1908 spielte Vintilescu jedoch nicht mehr in Berlin. Vielleicht knüpfte er im "Café Skandinavia" neue Kontakte: Ab Anfang 1908 sind wieder Auftritte der Kapelle Carmen Sylva belegt - in Schweden! Im Februar 1908 wird in dem damals sehr bekannten Vergnügungspalast "Berns Salonger" in Stockholm eine neue, rumänische Hofkapelle (!) angekündigt. Der Name des Orchesters: Carmen Sylva...

Die Meldung, dass Vintilescu die rumänische Hofkapelle leitet (Aftonbladet1908-02-01), erschien jedoch nur ein einziges mal in der schwedischen Presse. Fast durchgängig bis Juli 1910 trat Vintilescu nun fast täglich in "Berns Salonger" in Stockholm auf. Die Popularität des Orchester damals zeigt sich auch dadurch, dass es nahezu täglich in der Tagespresse beworben wurde.

Stockholm 1908
Berns Salonger


"Berns Salonger" war vor dem ersten Weltkrieg die No.1, wenn man in Stockholm essen, tanzen und Spaß haben wollte. Mehr zu diesem berühmten, schwedischen Unterhaltungsetablissement auf >Wikipedia<


Das Engagement in Schweden wurde nur durch einen kurzen Gastauftritt in Helsinki, Finnland unterbrochen. Von Mai bis August 1909 war Vintilescu mit der Kapelle "Carmen Sylva" in dem Unterhaltungsetablissement "Klippan", auf einer kleinen Insel vor Helsinki, zu hören. Auch in Finnland nahm die Tagespresse regen Anteil an den Auftritten. Wenn auch kein Photo, wurde zumindest eine Zeichnung von Georgi Vintilescu an der Geige veröffentlicht.

Helsinki, Finland
1909


(Leider geht der Text zu der Zeichnung Vintilescus fast ausschließlich auf die Qualität des Restaurants und des Essens ein…)


Bis Juli 1910 spiele Vintilescu (den Anzeigen in der Presse folgend) wieder in Stockholm in "Berns Salonger". Danach ging es zurück auf den Kontinent: Berlin!

Berlin II (1911 - 1914)


Ab dem 1. Februar 1911 sind die Auftritte des Orchesters Georgi Vintilescu im Berliner "Palais de Danse" belegt (Der Artist, 12.02.1911). Die Besetzung des Orchesters hat sich geändert, auch der Name "Carmen Sylva" taucht nicht mehr auf. Holz- und Blechbläser, sowie ein Schlagzeug, erweitern nun das Klangspektrum des Orchesters. Thematisch legt sich Vintilescu quasi auf "moderne Tänze" fest. Zu der Modernität der Kapelle passt auch der neue, mondäne Auftrittsort in Berlin: Das...



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Nach der Jahrhundertwende und vor dem ersten Weltkrieg erlebte der Gesellschaftstanz (in der Öffentlichkeit) seine erste, große Welle an Popularität. Entsprechend entstanden neue, luxuriöse „Tanzpaläste“. Gerade erst 1910 eröffnet, war das Palais de Danse zu dieser Zeit eines der beliebtesten in Berlin. Und sein neues Orchester, unter Leitung von Vintilescu, wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem der begehrtesten in der Hauptstadt.

Neben den täglichen Auftritten im Palais de Danse, wurde das Orchester auch für private Veranstaltungen und „Tanzlustbarkeiten“ gebucht.

„5 o’clock teas. Vintilescu, der schwarzhaarige Kapellmeister mit dem Balkantemperament, lockte an der Spitze seiner rotbefrackten Musiker mit süssen Weisen in den Saal.“
[„Kunst und Mode“, Das Theater, II, 16. April 1911]




Das Orchester Vintilescu auf der Orchester-Empore des Palais de Danse, 1912





um 1910/14 (?)


Bis November 1912 spielte das Orchester im Palais, nur kurz unterbrochen von einem Engament im « Cafe Kerkau ».

Berlin, Café Kerkau: „... das Ensemble Vintilescu, bekannt als jene Kapelle, die bisher als Ballorchester im Palais de Danse wirkte.“
[Der Artist, 10.11.1912].


Im Dezember 1913 widmete die Zeitschrift « Der Artist » dem Orchester einen längeren Artikel, in welchem auch intensiver auf die musikalischen Qualitäten (von dem damaligen Standpunkt betrachtet) eingegangen wurde :

Berlin, Palais de Danse:
"Mit Ausnahme von einigen wenigen Ballhausorchestern bestehen nunmehr fast alle Berliner derartigen Ballhausorchester aus Künstlerkapellen, d.h. sie sind so besetzt wie jedes reguläre Salon-orchester. ... Ausser den hervorragendsten Berliner Ballhausorchestern ... denen ich das des Herrn Kapellmeister Litschauer im Rattenschloss voranstellte, haben wir vorerst die Brüder Vintilescu. Der ältere der Brüder leitet das Ballorchester im Palais de Danse, und er hat sich, ebenso wie sein jüngerer Bruder im Admiralscasino zur Verwendung von Musikern aufgeschwungen, die eben Ensemblemusiker waren und sind. Demzufolge ist auch die Qualität dieser in den Etablissements gemachten Ballmusik hervorragend gut, doch besitzt sie, wie einige andere Ballorchester einen Mangel, der dem Musiker unangenehm auffällt. Die Geigen sind überall recht dürftig besetzt, wenn gleich sie gut ausgestattet sind. Es ist dieser Brauch gewiss auch eine Folge der immer mehr überhandnehmenden Modetänze amerikanischen und südamerikanischen Ursprungs. Der Walzer erfordert, wie bekannt, ein unbedingtes Hervorheben der Melodieführung während erstere Tänze bloss eine kräftige Unterstreichung des Rhythmus benötigen. War es ferner schon zur Zeit des Walzerregimes ein schaden, dass die Obligatgeige und die Bratsche als nebensächlich betrachtet wurden, so haben One Step, Two Step etc. hier erst recht keine Besserung, sondern eher eine noch stärkere Vernachlässigung dieser Füll-Streich-Instrumente mit im Gefolge gehabt. Der Tango jedoch, dieser vielumstrittene Tanz, er sollte unsere Ballorchester wieder daran erinnern, dass es auch im Tanz eine Melodie gibt, die den Tanzenden seliger macht, als der allein seligmachende Rhythmus. Tatsächlich strotzen auch alle bisher bekanntgewordenen Tangos von Melodien und bei dieser Gelegenheit sei auch darauf hingewiesen, dass ja die Ausführung der einzelnen Figuren im Tango nicht vom Rhythmus abhängig ist, auch nicht vom Belieben des Tanzpaares, sondern dass die melodische Figur auch die Tanzfigur vorschreibt. Aus diesem Grunde werden die Ballorchester es sich angelegen sein müssen, auf eine komplette Besetzung der Streichinstrumente nebst Obligatgeige und Bratschen zu dringen und dem Schlagzeug wieder die untergeordnete Rolle zuzuweisen. - Für den Musiker ist der Dienst in keinem der genannten Ballhäuser ein leichter. es wird fast überall ‚durchgespielt’ und mit Rücksicht auf den immerwährenden Wechsel im Geschmack der Tanzenden erfordert die Leitung der Ballorchester eine ruhige, sichere und geübte Hand. Dem jüngeren der beiden Brüder Vintilescu wäre mit Rücksicht auf den Raum eine grössere Diskretion anzuempfehlen, um so mehr, als auch hier die Streichinstrumente zumeist von den Holzbläsern übertönt werden."
[Der Artist, 21.12.1913].




Neben Arrangements für das Orchester, schrieb Vintilescu in dieser Zeit auch einige Kompositionen. Die meisten wurden im Max Roehr-Verlag, Berlin veröffentlicht.

  • La Sonrisa Tango argentino

  • Palais de Danse (Glückliche Träume) Valse Boston

  • La Graciosa Tango argentino

  • Souvenir du Palais de Danse Valse Boston

  • The Ragtime Girl One or Two Step

  • Waldesrauschen Walzer

  • Isabel Maxixe Bresilienne

  • Wo man singt, wo man trinkt! Walzer

  • Palais de Danse Two Step

  • L'Orchidee Valse-Intermezzo



Mit dem Musikverlag Jerome H. Remick in New York schließt Roehr ab 1905 Rahmenverträge auf jeweils zwei Jahre ab, die sowohl den Vertrieb als auch den Subverlag für zahlreiche europäische Länder umfassen. So werden nicht nur die Kompositionen von Vintilescu international verlegt - der Kapellmeister hat durch die Zusammenarbeit mit Roehr auch Zugang zu den aktuellen Notenblättern moderner Tanzmusik aus den USA. Auch auf vielen seiner Einspielungen findet man den Verlag Roehr. Möglicherweise hatte Roehr so etwas wie das "Management" des Vintilescu-Orchesters in Berlin.

Schallplatten



Mit dem folgenden Link einige
>>> Aufnahmen <<<

des Orchesters in Deutschland zwischen 1911 und 1914


Januar 1913


Wie schon erwähnt, wurde um 1910 der moderne Gesellschaftstanz immer beliebter - nicht nur in den "besseren Kreisen". Entsprechend der Nachfrage versuchte auch die Schallplattenindustrie dem nachzukommen. So erstaunt es nicht, dass man sehr schnell auf das beliebte Orchester im "Palais de Danse" aufmerksam wurde. Anfang November 1911 entstanden die ersten Aufnahmen mit dem Orchester (Deutsche Grammophon).

Zwar dürfte das ein oder andere Studioorchester, in dieser Zeit, rein zahlenmäßig mehr Aufnahmen gemacht haben - als öffentlich (live) auftretendes Ensemble hat aber Vintilescu zwischen 1911 und 1914 die meisten Platten hinterlassen. Grob geschätzt dirigierte der Kapellmeister über 350 Titel bei Aufnahmesitzungen. Beendet wurde diese rege Aufnahmetätigkeit erst durch den Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 und dem damit einhergehenden, allgemeinen Tanzverbot.

Deutsche Grammophon: Auf dieser Marke dürfte der Sammler auch heute noch die meisten Aufnahmen von Vintilescu finden. Zwischen November 1911 und September 1913 entstanden für die Schwesterfirma der HMV gut 200 Titel. Diese erschienen nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern, in denen die HMV Platten vertrieb. So findet man Vintilescu auch häufig in den Plattenkatalogen aus England, Schweden, Österreich (k.u.k.) usw. Anscheinend stand er aber nicht exklusiv unter Vertrag.

Anker & Da-Capo: Ende 1912 auch einige Aufnahmen für DaCapo-Record. Ob das Orchester hier unter Leitung von Vintilescu oder Rudolf Hoffmann stand, ist nicht gesichert. Etwa im Sommer 1913 auch einige (unbekannte Anzahl) Aufnahmen für Anker.





Applaudano: Im Herbst 1913 sicherte sich diese Firma die alleinigen Aufnahmerechte des Orchesters vom Palais de Danse.


Die rund 90 Neuaufnahmen erschienen auch auf dem dafür eigens geschaffenen Etikett "Palais de Danse-Special-Record"


Lindström: Bereits ab Februar 1912 nahm das Orchester für Lindström (Beka, Parlophone, Coliseum, Ariel, Scala-Record, Grand-Gala, Arrow, Lyceum, ABC-Grand-Record, Albion...) auf. Auch diese Schallplatten erschienen (teils unter Pseudonym) im Ausland. Eine Aufnahmesitzung im Januar 1913 (master 14758 - master 14765) für BEKA stand unter Leitung von Rudolf Hoffmann. Vintilescu spielte zu dieser Zeit im Kerkau-Palast und nicht im Palais de Danse.

Nachdem anscheinend der Vertrag mit der Applaudano nicht erneuert wurde, nahm Vintilescu in zwei Sitzungen im Juni und Juli 1914 erneut für die Lindström auf. Für den Konzern entstanden etwa 60 Aufnahmen.

Zeitgenössische Plattenbesprechungen






Constantin Vintilescu


Leider ist über den Bruder Constantin noch weniger bekannt. Einzig, dass er jünger als Georgi und ebenfalls Geiger war. Möglicherweise war er zunächst Mitglied im Orchester seines Bruders. Auch ist es nicht immer ganz einfach in den zeitgenössischen Berichten die beiden Brüder zu unterscheiden, da öfter nur die Rede ist von "Orchester Vintilescu". Georgi? Constantin?...

Der Bruder Constantin?


Zur Eröffnung des Admiral-Casinos (im Admirals-Palast) im Oktober 1912 spielt dort zunächst eine "ungarische Streichkapelle... mit ihren grellroten Röcken" (Berliner Börsenzeitung, 8.10.1912). Ob es sich dabei schon um das eigene Orchester von Constantin handelt, ist nicht bekannt. Namentlich wird er erstmals im Mai 1913 erwähnt: "Das Admirals-Casino:... bei den flotten Klängen der Vintilescu-Kapelle..." (Berliner Tageblatt, 30. Mai 1913).

Das Admiral-Casino im Admiralspalast veranstaltet am Mittwoch, den 16. Februar (1914)... seinen ersten "The Dansant". Das Orchester steht unter Leitung von Constantin Vintilescu.
Berliner Tageblatt, Februar 1914


Im Herbst 1913 nahm Vintilescu für die Grammophon auch eigne Titel mit seinem eigenen Orchester auf. Wie bei seinem Bruder, überwiegend moderne Tänze wie Tangos, Twostep usw. In den Aufnahmebüchern der HMV wurde dazu vermerkt: ADMIRALS KASINO ORCHESTER - CONSTANTIN VINTILESCU.


Bis ins Jahr 1914 wechselte sich Constantin im Admiral-Casino mit dem Orchester von Max Tauber ab. Tauber übernahm dann nach dem Krieg dessen Position. Weiter "belegbares" gibt es zu Constantin Vintilescu leider nicht.

Krieg



Der Kriegsausbruch im Sommer 1914 beendete quasi die erfolgreiche Karriere der Brüder Vintilescu in Berlin. Das „Palais de Danse“ wurde noch im August 1914 in „Tanz-Palast“ umbenannt. Wesentlich schwerwiegender war jedoch das allgemeine Tanzverbot (Tanzlustbarkeiten) in der Öffentlichkeit. Dies entzog vielen (Unterhaltungs-) Musikern die finanzielle Lebensgrundlage. Für die beiden Brüder gab es kaum noch Auftrittsmöglichkeiten.

Neue Schallplatten entstanden vermutlich nicht mehr. Ältere Einspielungen wurden zwar noch weiter gepresst und verkauft, jedoch wurde auch auf den Etiketten nun „Tanz-Palast“ gedruckt. Teilweise wurde der Name Vintilescu weg gelassen.

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Kriegspressung, aber bereits 1911 aufgenommen


Einer der letzten Vermerke in der Tagespresse findet sich im Dezember 1914. Die „Concert –Kapelle Vintilesco“ spielt zur Eröffnung des Kabaretts „Fledermaus“. Auch hier ist unklar, ob es sich um Georgi oder Constantin handelt.


1915 werden sie gar nicht mehr namentlich erwähnt:

„In Berlin musizieren viele rumänische Staatsangehörige, in dieser Zeit ausser einigen Holländern, die einzigen Fremden ... Die Rumänen machen jedoch von ihren in der Öffentlichkeit früher meist sehr bekannten Namen keinen Gebraucht.“
[Der Artist, 12.09.1915].



Ab c. 1917 spielte im Tanz-Palast (ehemals Palais de Danse) der Kapellmeister Carl Rosenthal. Ab Kriegsende auch Cziko Grünberg. Beide machten für Beka und Parlophon ab 1919 Aufnahmen. Ob Constantin noch eine Zeit lang in Berlin blieb, ist ungeklärt. Georgi Vintilescu verließ Deutschland bereits im Herbst 1915.

Stockholm II (1915 - 1919)


Zu Beginn des Krieges hatte Vintilescu noch die rumänische Staatsbürgerschaft. Ab Sommer 1915 zeichnete sich jedoch ab, dass Rumänien seine Neutralität aufgeben wird. Die Zeiten für rumänische Staatsangehörige in Deutschland wurden zunehmend „kälter“ (Im Sommer 1916 erklärte dann Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg). Neben dem Verlust der Auftrittsmöglichkeiten in Berlin, könnte auch dies ein Grund gewesen sein, warum Vintilescu Deutschland verließ. Schweden blieb im Krieg neutral – Auch „kannte“ Vintilescu das Land schon von seinen früheren Auftritten 1908-1910. Er kehrte nach Stockholm zurück.

Trotz seiner Neutralität unterhielt Schweden im Krieg weiter gute Beziehungen zu Deutschland. Ein ehemaliger „Star aus Berlin“ war willkommen. Am 12. November 1915 meldete die Zeitung „Aftonbladet“, das der auf dem ganzen Kontinent bekannte Kapellmeister Vintilescu vom Palais de Danse ab nun in Stockholm spielen werde.


Bis etwa Ende August 1916 trat Vintilescu durchgängig im Grand Hotel Saltsjöbaden auf einer Insel vor Stockholm auf. Die genaue Orchestergröße ist nicht bekannt. Auch mit dem Zusatz „vom Palais…“ wurde häufig geworben. Danach war der neue Auftrittsort das „Restaurant Kastenhof“, Wahrendorffsgatan 4-6 in Stockholm (eröffnet 1915). Zeitweise nannte sich das Lokal auch „Quick Lunch Diner“ (1917/18). Mal war in den Anzeigen die Rede vom „Quartett Vintilescu“, mal vom „Orchester“.

Kastenhof, Stockholm


Gelegentlich suchte Vintilescu Musiker für seine Kapelle und annoncierte in den Tageszeitungen. Privatadressen waren unter anderem: „Pensionatet Smith, Stockholm“ (1917) und Styckjunkaregat. 7, Stockholm (Februar 1918). Namentlich wird er letztmals am 28. Januar 1919 im Restaurant Kastenhof erwähnt. Nach den Unterlagen der Familie verließ Georgi Schweden, und reiste im Frühjahr 1919 nach...

Argentinien (1919 - 1921)

Ab Mai 1919 spielte der Kapellmeister in Buenos Aires im noblen Kaufhaus "Harrods" der argentinischen Hauptstadt. Im November 1920 veranstaltete der argentinische Automobil-Club in der Hauptstadt seine jährliche Leistungs-Show. Für die reichen Gäste spielte das Orchester Vintilescu zum Tanz auf. Das Engagement im Kaufhaus Harrods dauerte bis Mai 1921; danach ging es zurück nach....

Europa (1921/23)


Von nun an sind die Reisewege des Musikers oft nur noch schwer nachzuvollziehen. Im Juni 1921 war er zurück in Europa. Schweden? Rumänien? Deutschland? Die Unterlagen der Familie geben darüber keine genaue Auskunft. Am 9. August 1922 lässt Vintilescu seine Geburtsurkunde ins Schwedische übersetzen. Ebenfalls in Schweden (?) lernt er Elina (Elena) kennen, welche aber noch verheiratet ist. Im Herbst 1922 wird Elena schwanger. Im November 1922 schreibt sie Georgi einen Brief – dieser hält sich zu der Zeit in BERLIN auf!

Ende 1922 (beworben in der Liste der Neuerscheinungen März 1923) nimmt ein „Tanz-Orchester“ Vintilescu“ für die junge Schallplattenfirma VOX in Berlin vier Titel auf:

VOX 01308
One Kiss
Ty Tee

VOX 01309
Wabash Blues
Anything Is Nice That Comes From Dixieland


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Auch hier ist nicht bekannt, ob es sich ein Orchester unter Leitung von Georgi (zurück in Berlin) oder Constantin handelt. Vom letzteren fehlt (namentlich) jede Spur seit Ende 1914. Von einem etwas moderneren „Schlagwerk“ abgesehen, erinnern die Aufnahmen stilistisch jedoch stark an die Kapelle vom Palais aus der Zeit um 1913.

"Kapellmeister Vintilescu hat hier neue Proben seiner faszinierenden Kunst gegeben. Die Auswahl aus dem großen Reichtum der Spezialliteratur läßt den sicheren musikalischen Instinkt für das Aparte erkennen"
VOX-Neuerscheinungen, 1923


Und wieder Schweden... (1923 - 1926)


Erst 1923 wird der Kapellmeister wieder „greifbarer“. Er heiratet Elena Vintilescu am 12. April 1923 (in Schweden). 1923 wird in Stockholm sein Sohn Jan(ica) Vintilescu geboren. 1925 kommt ein zweiter Sohn zur Welt: Georgi Vintilescu Jr. Von Mai bis Oktober 1923 tritt der Musiker wieder im Restaurant Kastenhof in Stockholm auf. Ende 1923 folgt ein kurzes Engament im „Dramatiska teaterns restaurang“ (ebenfalls Stockholm). Irgendetwas lief hier jedoch schief. Nach einer kurzen Zeitungsnotiz (Januar 1924) wurde Vintilescu nicht bezahlt (und konnte auch seine Musiker nicht bezahlen). Es entstand ihm ein Schaden von 3645.- Kronen! Im Mai 1924 folgten noch Auftritte in „Lorensbergs Restaurant“, Göteborg.


An seine früheren Erfolge als Musiker kann er jedoch nicht mehr anknüpfen. Im März 1926 wirbt er in der Zeitung „Dagens Nyheter“ für sich und sein kleines Orchester ("6 Personen mit ungarischem Cymbal oder Klavier"). Die Privatadresse ist zu dieser Zeit Riddarevägen 14, ein kleines Häuschen in Stockholm.



???


Kurz danach verlässt Vintilescu Schweden und seine Familie - diesmal wohl für immer. Der Musiker geht zurück nach Bukarest, Rumänien. Im Dezember 1926 schreibt er seiner Frau Elena in Stockholm einen Brief: Er arbeite tagsüber in einer Schule, abends in einem Orchester. Sie möge ihm doch bitte folgen; sie hätten in Bukarest das gleiche Leben, wie zuvor in Schweden. Er würde außerdem gerne seinen zweiten Sohn Georgi kennen lernen, den er noch nicht gesehen hat.

Elena Vintilescu kam die nächsten Jahre wohl häufiger nach Deutschland - möglicherweise um sich mit Georgi zu treffen. Nach Bukarest folgte sie (mit den Kindern) nie. Die Söhne wurden von ihr alleine erzogen, einer wurde später selber ein in Schweden angesehener Musiker und Künstler. Über das weitere Schicksal des Musikers ist auch der Familie nichts bekannt.

Bukarest, Juli 1927

Sinngemäß: Das Schulorchester unter Leitung von Vintilescu...


Eine letzte Spur? 1937 spielte Radio Bukarest (Rumänien) zwei Kompositionen eines gewissen Vintilescu ("Der letzte Kuß" - Tango & "Das Glück" - Slow Fox). Georgi? Constantin? Oder ein ganz anderer Vintilescu? Wir wissen es nicht...



Ulrich Biller



Herzlichen Dank an die Familie Vintilescu in Schweden für ihre Geduld mit all meinen Fragen zu ihrem Vorfahren! Ebenso an Herrn Dr. Rainer Lotz für die virtuellen Einblicke in sein Archiv und die Hilfe.

  • Eine detailierte Auflistung der Aufnahmen des Orchester vom „Palais de Danse“ findet sich von Hr. Lotz in „Discographie der deutschen Tanzmusik, Band 2“: Link - Hier klicken


Quellen u.a.:
  • Schallplattenetiketten & Überspielungen aus den Sammlungen von: Wolfgang Hirschenberger, Musikmeister, Krammofon, Norman Bruderhofer

  • Abbildung "Tanzorchester um 1915": Ryan Barna, phonostalgia.com

  • Phonographische Zeitschrift 1911 - 1914

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