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Foren > Musik, Tanz, Theater und Tonfilm > Jazz, Swing und Ragtime
Jazz & Tanzmusik in der NS-Zeit - Zeitzeugenberichte
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Limania, DGAG, Der_Designer
Autor Eintrag
Formiggini
Fr Jul 08 2011, 22:16 Druck Ansicht


Dabei seit: Di Dez 28 2010, 19:20
Einträge: 1759
In Bezug auf diesen thread: Link - Hier klicken


Ich mache mal den Anfang, bitte fügt selber eure bereits bestehenden Berichte hier weiter ein.

Formiggini
Meine Großtante, Jahrgang 1911 studierte in den 30´er Jahren in Berlin. Sie war ein großer Louis Armstrong Fan. Eine ihrer Lieblingsplatten war der "St. Louis Blues".

Sie erzählte mir mal, das sie um die Hausherrin (Sie hatte ein Zimmer in einer Pension) nicht zu verärgern, beim abspielen des St. Louis Blues auf die Grammophonnadel ein Stückchen Radiergummi steckte. In dieses wurde wieder eine Nadel gesteckt.

So spielte Armstrong ein ganzes Stück leiser.
Dies war wohl nötig, da die gestrenge Hausdame wohl regelmäßig Tobsuchtsanfälle bekam, wenn in ihrer Pension "Negermusik" die Gänge entlang schallte...

Gast

Ja, und die Hausdame muß nicht mal zwingend eine alte "Nazitante" gewesen sein.

In den 20/30er Jahren mochte der ganz überwiegende Teil der bürgerlichen Gesellschaft nicht unbedingt "Negermusik", also die sehr moderne Tanzmusik. Das merkt man ja noch heute daran, welche Platten häufig auf dem Flohmarkt auftauchen.

Formiggini
Da gebe ich dir Recht, Nazi war die Dame mit Sicherheit nicht.
Selbst meine Großmutter - eine sehr liberale und weltoffene Dame, konnte mit den Jazzkapellen die sie um 1931/32 in Dresden hörte nichts anfangen.
Jazz blieb für sie Zeit ihres Lebens eine Suspekte Sache.
Dafür konnte sie tolle Küchenlieder singen... ;)

[ Bearbeitet Mi Jan 24 2018, 17:43 ]
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Gast
Sa Jul 09 2011, 07:57
Gast
Gestern abend habe ich mit dem Zeitzeugen telefoniert, den ich hier schon manchmal erwähnt habe.

Der alte Herr ist zwar vor ein paar Wochen 98 Jahre alt geworden, hat aber noch eine völlig lockere Sicht auf die Dinge und ein Gedächtnis, wie ich es mir jetzt schon wünschen würde...

Der alte Herr hat sich ab 1932 sporadisch Platten gekauft, regelmäßig in den enddreißiger Jahren bis Kriegsende. Vor Kriegsausbruch auch mal Benny Goodman auf Electrola, oder eine Duke Ellington auf Brunswick und so weiter.

Er war in den Jahren Stabsapotheker, also durchaus auch politisch engagiert - die Beurteilung dessen soll aber jetzt nicht das Thema sein.

Als ich ihn nun fragte, wie das mit dem öffentlichen Hören von Schallplatten in den Kriegsjahren war, äußerte er sich wie folgt: er kann sich vorstellen, daß ein heimlicher Anschwärzer es wohl schwer gehabt hätte. Schon allein, wie sollte so eine Person denn unterscheiden, ob da "Mitternacht am Kongo" mit Benny de Weille spielt, oder das Benny Goodman Quartett ?
Wir können das heute natürlich leicht als Fans unterscheiden, aber so gut hat sich die normale Bevölkerung damit einfach nicht ausgekannt. Die allermeisten Deutschen kannten nicht einmal den Namen Benny Goodman, geschweigedenn eine Aufnahme von ihm.

Der alte Herr bestätigte hier eindeutig: viele Menschen waren im Krieg sehr dünnhäutig und ganz einfach etwas allergisch, wenn andere womöglich ausgelassen feierten und mit lauter Tanzmusik die Ruhe störten.

Er machte mir einen weiteren Aspekt klar, den ich noch gar nicht so bedacht hatte. Er selbst vermied es, in den Kriegsjahren (so ab 43) Platten mit englischem Gesang aufzulegen.
Und zwar mit Rücksicht auf Nachbarn. England hatte im Sommer 1943 den großen Angriff auf Hamburg geflogen, bei dem über 40.000 Menschen umkamen.
Der Zeitzeuge sagt hier eindeutig, daß auch er es einfach "instinktlos" gefunden hätte, nach diesem Angriff öffentlich am Badestrand etc Schlagerplatten mit englischem Gesang zu spielen.

Man muß kein Nazi sein, um nachzuvollziehen, daß sich Leute sehr provoziert gefühlt haben, wenn Jugendliche englischsprachige Schallpaltten öffentlich spielten und die Bevölkerung nachts zitternd im Bunker sitzt und von den Engländern die Häuser zertrümmert bekommt.

Heute haben wir eine andere Sicht auf die Ereignisse gelehrt bekommen, das ist ja auch gut, aber zu einem wirklichen Urteil der Lebensrealtät- und mentalität dieser Kriegsjahre reicht die "aufgeklärte" Sicht meiner Meinung nach nicht ganz aus.

Ich habe übrigens extra nochmal nachgefragt, aber dem alten Herren ist es nicht bekannt, daß es offiziell verboten war, die Platten im Krieg zu spielen, die man sich 39 ja noch kaufen konnte.

Warum er es trotzdem nicht getan hat, das habe ich ja schon geschrieben.

Gruß, Nils

Gekauft 1936/37 in Potsdam

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[ Bearbeitet Sa Jul 09 2011, 08:59 ]
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Swingfan
Di Jun 25 2019, 18:05
Dabei seit: So Mai 19 2019, 16:11
Wohnort: Berlin
Einträge: 43
Eine kleine Episode zum Thema Zeitzeugenberichte möchte ich an dieser Stelle auch gerne erzählen, bevor es tatsächlich in Vergessenheit gerät:

Meine Mutter erblickte im Dezember 1923 das Licht der Welt und war deshalb in den frühen vierziger Jahren zwischen 18 und 20 Jahre alt. Ihre Ausbildung zur Buchhalterin hatte sie bereits hinter sich und verdiente nun nicht viel aber doch genug eigenes Geld um am damaligen Berliner Leben teilhaben zu können. Und so erzählte sie mir einmal von ihrer Zeit bei der Berliner Swingjugend.

Da sie in Moabit wohnte, traf sie sich mit weiteren Freundinnen und Freunde aus ihrer Nachbarschaft so gut wie jedes Wochenende erst einmal im Cafe Dorett in der Turmstraße/ Ecke Stromstraße um in die richtige Stimmung zu kommen. Dort wurde schon gute Musik gespielt. Einmal war sogar das Orchester von Günther Herzog dort und als das Orchester mit dem Tiger Rag so richtig Fahrt aufgenommen hatte, sprang Günther Herzog kurzer Hand auf das Piano und legte mit seiner Trompete so richtig los. Doch das Cafe Dorett war ja erst das Vorspiel, danach ging es - natürlich - zum Delphipalast in die Hardenbergstraße. Sie erlebte dort die drei belgischen Orchester Fud Candrix, Ernst van't Hoff und Jean Omer - ich muss mich berichtigen: Ernst van't Hoff kam mit seinem Orchester aus Holland zu uns. Die Musik von van't Hoff war ja schon von den Platten her bekannt und als es dann hieß, er käme nach Berlin, flüsterte man hinter vorgehaltener Hand " hast' de schon gehört? Ernst van't Hoff kommt nach Berlin!". Sie fand seine Musik einfach die beste von den dreien und war damals sehr traurig darüber, dass zu dieser Zeit Tanzverbot bestand. Als dann mit fortschreitender Abendszeit langsam die Lokale schließen, setzte man sich in die U-Bahn und fuhr zur Friedrichstraße, zur Imperator-Diele. Bei Kutte Widmann war immer was los, die Bude war immer gerammelt voll und da konnte man dann auch tanzen. Was sie hingegen sehr traurig fand, dass mit dem Anfang des Krieges immer mehr Tanzpartner mit Ausgeh-Uniformen erschienen und je weiter der Krieg dauerte, die Jungens immer weniger wurden. "Ach Mensch", sagte sie, " wo sind all die schönen Männer geblieben".

Das ist meine kleine Episode. Ich möchte an dieser Stelle auch eine Ansichtskarte vom Delphi-Palast einstellen. Nicht des Bildes wegen, das kennen wohl einige. Interessant ist, was die unbekannte Schreiberin dort hinterlassen hatte.Bis dahin,

Gruß, Michael



[ Bearbeitet Di Jul 09 2019, 19:20 ]
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Swingfan
So Jun 30 2019, 12:38
Dabei seit: So Mai 19 2019, 16:11
Wohnort: Berlin
Einträge: 43
Hier nun die von mir angekündigte Ansichtskarte vom Delphi-Palast und eine weitere, doch dazu später.








"Berlin 20.5.1942
Meine liebe Gerti!
Dieses Haus kennst Du doch wohl?? Und dort gibt's Musik wie wir sie noch nie gehört haben. Fud Candrix Brüssel spielt. Gerti, das wäre etwas für Dich, warum bist Du nicht hier. Wir sind toll begeistert! Und wer schreibt dieses?? Rätst Du es?? Erika wird es nun verraten..."

Hier zeige ich auch den Innenraum vom Delphi-Palast





Auch auf dieser Karte fand ich eine nette Anekdote, doch lest selbst:









"Berlin 29.1.1936
Sehr geehrter, lieber Herr Moll!
Berlin ist so schön, daß ich nur mit Schrecken an die Heimfahrt denke. Berlin habe ich mir nie so interessant vorgestellt.

Aus Theater, Varietés und Vergnügungslokalen komme ich überhaupt nicht mehr raus.

Viele herzl. Grüße..."

---

Ich komme an dieser Stelle noch einmal zu der kleinen Erzählung meiner Mutter zurück. Vielleicht gibt es ja auch noch den einen oder anderen aus dieser Moabiter Gruppe. Meine Mutter hieß mit Vornamen Ursula, kurz Ursl. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Bei der Gelegenheit sehen wir hier noch das obengenannte Tanzcafe Dorett im Ufa-Haus Turm-/ Ecke Stromstraße. Also, im hinteren Teil, vorne war das Kino. Der Besitzer war schon bemüht renommierte Musiker in seinem Cafe spielen zu lassen. Auch Heinz Burzynski, den wir ja von den Tempo-Platten her kennen, spielte hier 1944 bis Anfang 1945 mit seinen Solisten. Einen von meinen vier Zetteln habe ich fotografiert. Datumsangabe 13. Februar 1945.









Nur ein Monat später gab es über den Stadtteil Moabit einen amerikanischen Luftangriff, wo mehrere Häuser ausgebombt wurden. Nicht nur das Haus, wo meine Großeltern wohnten, Birkenstraße 22a (heute steht auf dem Gelände das Parkhaus von Edeka MoaBogen) wurde zerstört, auch das genannte Ufa-Haus. Meine Mutter bekam das Gott sei Dank nicht mit, sie war zu dieser Zeit nicht in Berlin. Die Firma, in der sie tätig war , ist frühzeitig zu einer Zweigstelle in einer dörflichen Umgebung in Sachsen umgezogen. Wo, weiß ich aber leider nicht. Aber gut, das soll erstmal genügen.

Gruß, Michael

[ Bearbeitet So Jun 30 2019, 16:50 ]
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