Foren
Foren > Künstler > Sänger und Sängerinnen - Populäre Musik
Edith Fischerovás Schicksal aufgeklärt (?)
Moderatoren:SchellackFreak, berauscht, GrammophonTeam, Charleston1966, DGAG, Der_Designer, LoopingLoui
Autor Eintrag
GustavDietrich
Sa Jan 03 2026, 17:56 Druck Ansicht
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Dez 16 2025, 10:55
Wohnort: Berlin
Beiträge: 1
Edith Fischerová - eine Theorie


Guten Abend Zusammen!

Mein Name ist Leon und ich bin seit längerer Zeit großer Fan dieses Forums. Was hier mittlerweile an Informationen über all die Künstler, die auch ich so liebe, zusammengetragen wurde, ist einfach fantastisch!

Ich las mit großem Interesse z.B. die Recherche des Forums zum Thema Paul Dorn und dessen lange unbekanntes Schicksal. Mit einem ähnlichen Fall wende ich mich also nun das allererste mal an das Forum, vor allem aber an diejenigen, die genauso für den europäischen Jazz der 30er und 40er Jahre blühen wie ich.

Nun möchte ich endlich aber konkreter werden und zum Thema kommen, das zugegeben natürlich recht nieschig ist und es mich daher nicht verwundert, dass evtl. noch keiner hier einen Zusammenhang geknüpft hat, nichts desto trotz aber hochinteressant ist.

Ich bin ein großer R.A. Dvorsky Verehrer und zu einer meiner absoluten Lieblingsstücke von ihm und seinen Melodie Boys zählt die Aufnahme mit dem Titel „Text Selhal“. Vielleicht ist die Aufnahme manchen von euch schon bekannt, falls nicht, kann ich nur empfehlen sie anzuhören, eine fabelhafte Platte!

Zunächst zur Platte selbst:

(Angeblich)
ULTRAPHON 11864, Mat. 41868
Aufgenommen am 6. Mai 1938 in Prag

(Diese Informationen stammen aus einem nun schon 14 Jahre altem YouTube Video, welches neben dem Lied selbst einige Bilder und Informationen liefert)

Link: Link - Hier klicken

Gesungen wird jener Titel von einer Sängerin namens Edith Fischerová.

Die andere Seite der Platte enthält den Titel „Melancholie (Blues)“. Ebenfalls wieder mit Edith Fischerová als Sängerin.

Von diesem Titel gibt es genau einen YouTube Upload vor 4 Jahren, außerdem vom gleichen Account auch nochmal „Text Selhal“.

Links zu beiden Titeln vom selben Account:

Link - Hier klicken

Link - Hier klicken

Jener Account gibt als Information zur Nummer allerdings folgendes an:

ULTRAPHON Z 11854

…und da man in diesem Video auch ein Foto des eigentlichen Labels sieht und relativ klar zu erkennen ist, dass dort 11854 und nicht 11864 steht, gehe ich jetzt mal davon aus, dass sich der der Uploader das ersten Videos wahrscheinlich vertippt haben muss und die Nummer also somit Z 11854 ist.

…nun aber weiter im Thema:

Ich fragte mich also, ob ich noch mehr Informationen zur Sängern Edith Fischerová finden könnte und begann im Internet zu recherchieren. Da waren zunächst also drei Fotos aus dem „alten“ YouTube Video von „Text Selhal“.

Nochmals der Link: Link - Hier klicken

Schaut man sich also nun das Video an, sieht man im ersten Foto die Sängerin selbst (man beachte die Zeitschrift/das Buch in ihrer Hand mit Duke Ellington auf dem Cover).





Das zweite Foto zeigt sie umgeben von einer Gruppe von Herren (vermutlich Musiker eines Orchesters?) und im dritten Foto sieht man sie auf auf einer Bühne gemeinsam mit einem Orchester. Den Mann, der direkt links neben ihr steht, würde ich ziemlich eindeutig als den Sänger Arnošt Kavka identifizieren. Bei dem Orchester müsste es sich anhand der Initialen auf den Pulten (BM) um das „Blue Music“ Orchester unter der Leitung von Karel Slavik handeln.





Mehr informationen zum Orchester fand ich auf der Website: Link - Hier klicken

Dort heißt es (übersetzt aus dem Tschechischen):

Die erste Formation dieses Jazzensembles ging aus Arnošt Kafkas Studentenensemble „Schwarz und Weiß“ (1935) hervor. Es wurde von J. Verberger und J. Rychlík geleitet, und auch K. Vlach, der später die Gruppe „Blaue Jungs“ gründete, spielte dort. Das neu gegründete Ensemble „Blaue Musik“ (1936) wurde von K. Slavík geleitet und umfasste unter anderem K. Běhounek, L. Habart, K. Ptáček und J. Rychlík. Die Sängerin war Duca Fischerová(!!!!), und der schwarze Pianist und Sänger Joe Turner wirkte im Orchester mit. Das Ensemble spielte in den Nachtclubs Metro, Femina und Alhambra. 1940 benannte sich das Ensemble in Karel Slavík mit Orchester um. Das Ensemble, dessen Musiker auch im Gramoklub-Orchester und im Orchester des Befreiten Theaters mitwirkten, hatte als Gramoklub-Orchester einen langfristigen Schwerpunkt. Das Ensemble organisierte Jazzkonzerte (zum Beispiel „Swing To You – Hot Jazz Evening“ am 11. März 1937), stilistisch orientierte es sich am frühen Swing, und aufgrund der kleineren Besetzung spielte die Improvisation eine größere Rolle. Das Ensemble war von erheblicher Bedeutung für die Entwicklung des tschechischen Jazz, wobei J. Verberger die prägendste Persönlichkeit war.

Zusätzlich zu den Bildern liefert das Video in der Beschreibung (neben den bereits genannten Angaben zur Platte selbst) folgende Informationen: einmal, dass Edith Fischerová anscheinend auch unter den Namen Ruth oder Duca Fischerová bekannt war bzw. gelistet wurde und außerdem…

(Aus dem tschechischen übersetzt):

Eines von zwei Liedern („Melancholie“), die die Sängerin mit dem Orchester von R. A. Dvorský aufgenommen hat. Über ihr Schicksal nach der Besetzung durch Hitlerdeutschland ist nichts Zuverlässiges bekannt.

Unter dem anderen Upload des gleichen Songs findet man folgende Informationen in der Beschreibung

Zunächst nochmal der Link zum Video: Link - Hier klicken

(Aus dem tschechischen übersetzt):

Nur zwei Lieder – „Melancholie“ und „Text selhal“ – sang die talentierte Sängerin Edita Fischerová auf Schallplatte für das Label Ultraphon ein.
Das begleitende Orchester von R. A. Dvorský wandte sich für einen Moment vom üblichen Tanz-Pop ab und griff zum Rhythmus des Blues und des orthodoxen Swing – in einem großartigen Arrangement von B. Kerten, das absolut fabelhaft klingt.

Der hervorragende Vortrag von Edita Fischerová, die die Musik selbst komponierte, überrascht, und man fragt sich, warum es bei nur zwei Aufnahmen geblieben ist.

Außerdem ist diese Sängerin in ein Gewand des Geheimnisses gehüllt – über sie ist nichts bekannt. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie jüdischer Herkunft war und dass ihr Talent mit dem Beginn der dunklen Zeit des Protektorats ein jähes Ende fand.
Vielleicht wurde sie sogar ein Opfer des Holocausts – das würde erklären, warum wir später nichts Weiteres über sie erfahren.

Den sehr kultivierten Text zu beiden Liedern schrieb J. Moravec.
Das Stück „Melancholie“ wurde in zwei Versionen aufgenommen. Die zweite Aufnahme wurde offiziell nicht veröffentlicht und nur in kleiner Auflage direkt von der ersten Matrize (Shell) gepresst.


…beide Quellen geben also im Kern an, dass über das Schicksal von Edith Fischerová nach diesen Aufnahmen nichts weiter bekannt ist, dass sich um die Sängerin „Geheimnisse hüllen“ würden und sie vermutlich sogar dem Holocaust zum Opfer gefallen ist.

Mit diesen wenigen Informationen wollte ich mich allerdings noch nicht zufrieden geben, recherchierte weiter und nun ging die Reise los.

Gibt man zunächst ihren Namen in der Google Suchleiste ein, stößt man schnell auf die Website „holocaust.cz" die eine „Edita Fischerová“ auflistet, welche im Jahre 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde. Da beim Geburtsjahr der Person allerdings 1935 angegeben ist und die Sängerin Edith Fischerová zum Zeitpunkt der Aufnahmen (1938) unmöglich 3 Jahre alt sein konnte, habe ich geschlussfolgert, dass es sich hierbei in keinem Fall um jene Sängerin handeln kann.

Nach einiger Zeit stieß ich dann aber auf einen Personeneintrag auf der Website „FamilySearch“ einer „Dana Edita Fischerová“

Link: Link - Hier klicken

Als Geburtstag wird der 4. Mai 1921 angegeben, Sterbedatum 29. Juni 1961. Der Informationstext sagt:

(Aus dem Englischen übersetzt)

Dana Edita Fischerová wurde am 4. Mai 1921 in Banská Bystrica, Tschechoslowakei, als Tochter von Alfréd Fischer und Markéta Fuksová geboren. Sie heiratete Alberto Diego Diaz de Lope-Díaz Lardies am 30. März 1944 in Madrid, Madrid, Spanien. Sie wanderte 1953 nach São Paulo, São Paulo, Brasilien aus. Sie starb am 29. Juni 1961 im Alter von 40 Jahren in Rio Claro, Rio de Janeiro, Brasilien.

Zusätzlich liefert die Website einige Bilder von jener Person.

Zunächst überlegte ich:

„…angenommen es handelt sich hierbei um jene Sängerin und die vorausgegangenen Informationen stimmen, dann müsste sie zum Zeitpunkt der Aufnahmen mit Dvorsky 17 Jahre alt gewesen sein…“

Für mich wäre das jedenfalls ziemlich realistisch. Viele Sängerinnen wahren damals noch sehr jung und auch auf den Bildern des YouTube Videos, welche sie zeigen, sieht sie, wie ich finde, durchaus noch sehr jung aus.

Richtig interessant wurde es für mich aber, als ich die Bilder der Familien-Website mit dem Bild aus dem YouTube Video verglich. Die Ähnlichkeit verblüfte mich. Die Augenpartie, die relativ schmale Oberlippe und vor allem das Grübchen am Kinn ließen in mir sofort den Verdacht aufkommen: „handelt es sich hier um etwa um dieselbe Person???“.









Dann fand ich heraus, dass sie nach einer Heirat den Namen „de Teffé“ angenommen hatte und googelt man nun Dana de Teffé, erschlägt es einen förmlich - aber wie kann das sein?!

Das Verschwinden bzw. der Mordfall der Dana de Teffé scheint in Brasilien bis zu diesem Tag berühmt berüchtigt zu sein. Aus diversen brasilianischen Websites, Wikipedia und durch verschiedene brasilianische YouTube Videos konnte ich (so kurz wie möglich) folgende Informationen extrahieren:

Dana de Teffé wurde als Dana Edita Fischerova am 4. Mai 1921 in eine wohlhabende jüdische Familie aus Prag geboren. 1941 floh sie nach Italien, nachdem ihre Schwester und Eltern nach der Invasion der Tschechoslowakei verhaftet, in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet wurden.

Schon zu dem Zeitpunkt sprach sie 6 Sprachen und tourte in Italien als Sängerin und Ballerina. Auf einer dieser Touren lernte sie den italienischen Faschisten Ettore Mutti kennen, welcher zu diesem Zeitpunkt ein sehr hohes Amt in Mussolinis Machtapparat bekleidete und hoch angesehen war. Die beiden heirateten kurz darauf, jedoch wurde Mutti 1943 von Partisanen vor Danas Augen ermordet.

Durch einen Freund, der in der spanischen Botschaft in Rom arbeitete, konnte sie Italien mit dem letzen Diplomatenzug in Richtung Madrid verlassen. Dort angekommen, lernte sie schließlich den renommierten Zahnarzt Alberto Díaz kennen, welchen sie sodann am 30. März 1944 heiratete. Die beiden waren anschließend vier Jahre lang verheiratet und am 15. September 1948 verließ Dana Spanien per Schiff in Richtung Mexiko. Laut Alberto wog ihr Gepäck 1200 kg, darunter viel Schmuck, Porzellan, goldene Vasen, Pelzmäntel und allerhand weiterer Luxus im Überfluss.

In Mexiko heiratete sie dann im November des selben Jahres den Journalisten Carlos Denegri und, wer hätte es gedacht, verließ sie auch diesen wieder nach zwei Jahren.

Am 30. Oktober 1951 kam sie schließlich nach Brasilien und lernte dort den Diplomaten und Rennfahrer Manuel de Teffé kennen, welchen sie schließlich auch heiratete und dessen Namen übernahm. Sie lebten anschließend wieder in Mexiko, wo Manuel de Teffé als Diplomat in der brasilianischen Botschaft arbeitete. Die beiden kamen 1958 zurück nach Brasilien und ließen sich 1960 oder 1961 scheiden. Auch diese (vierte) Ehe blieb kinderlos.

Nach der Trennung des Paares beauftragte Dana den Anwalt Leopoldo Heitor de Andrade Mendes mit der Wahrung ihrer Interessen. Angeblich unterhielten die beiden auch eine Liebesbeziehung. Jener Anwalt hatte bereits zu dieser Zeit einen recht zwielichtigen Ruf, da sein Name bereits 1952 in Polizeiberichten bei einem Mordfall am 6. April jenes Jahres auf der Ladeira do Sacopã in Rio de Janeiro erwähnt wurde.

Auch zu diesem seltsamen Fall gäbe es noch viel mehr zu erzählen, das würde allerdings hier den Rahmen sprengen und zu sehr vom Thema ablenken.

Jedenfalls war der Anwalt 1957 wieder in den Schlagzeilen, als er der Veruntreuung beschuldigt wurde. Er floh mit seiner Frau nach Argentinien, wo er bis zur Aufhebung des Urteils im Jahr 1960 blieb.

Auch Dana waren all diese Angelegenheiten bekannt und trotzdem ließ sie sich voll und ganz auf Leopoldo ein und die beiden kamen sich näher. Als dann schließlich die Verhältnisse zwischen Dana und ihrem (Ex)-Mann Manuel de Teffé geregelt wurden, kam Dana nicht gerade schlecht von der Trennung weg und verfügte nun unter anderem über ein großes luxuriöses Apartment (auch hierbei lasse ich wieder viele kleinere Details weg under versuche wirklich nur das wesentliche zusammenzufassen, wen es interessieret kann kann natürlich selbst nochmal recherchieren). So heißt es nun also (übersetzt aus dem portugiesischen Wikipedia Artikel):

Am 29. Juni 1961 verschwand Dana de Teffé während einer Fahrt auf der Via Dutra in Richtung São Paulo in Begleitung von Leopoldo Heitor. Der Anwalt wurde verhaftet, angeklagt und wegen Mordes verurteilt. Er gab drei völlig unterschiedliche Versionen von Danas Verschwinden an. Leopoldo Heitor, der über eine Vollmacht verfügte, beschlagnahmte kurz nach ihrem Verschwinden Danas Vermögen. Leopoldo Heitor gelang die Flucht aus dem Gefängnis, und er wurde erst Jahre später wieder gefasst. Das Urteil aus dem ersten Prozess wurde aufgehoben, und in einem zweiten Prozess wurde er freigesprochen. Grund dafür war das Fehlen einer Leiche. Tatsächlich wurde Danas Leiche nie gefunden.

Über den verbleib von Dana de Teffé gibt es seit dem zahlreiche Spekulationen. Ich habe im Internet alles mögliche gelesen von ihrer Zusammenarbeit mit diversen Geheimdiensten bis hin zur Theorie das Dana de Teffé die „Isdal Frau“ ist. Am wahrscheinlichsten ist jedoch logischerweise die Theorie, dass sie von ihrem Anwalt Leopoldo Heitor aus Habgier ermordet wurde und immer noch irgendwo auf der Strecke zwischen Rio de Janeiro und São Paulo verbuddelt ist.

Um also zum Fazit zu kommen: Das Schicksal der Sängerin Edith Fischerová wäre hiermit für mich geklärt. Edith Fischerová und Dana de Teffé sind ein- und dieselbe Person. Ihre bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf Bildern und die Überschneidung gewisser Daten und Ereignisse lassen für mich keinen Zweifel.

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er meiner Theorie Glauben schenkt oder nicht. Eure Meinung zum Thema interessiert mich selbstverständlich sehr, sonst hätte ich mir nicht die Mühe gemacht und diesen Beitrag verfasst.

Ich freue mich sehr auf all eure Rückmeldungen und darauf, evtl. gemeinsam mit euch noch mehr zu dem Schicksal der Sängerin Edith Fischerová herauszufinden. Vielleicht gibt es ja einen/eine unter euch, der/die doch noch neue oder andere Informationen hat, die bisher unbekannt sind.


Ich sende allerbeste Grüße,

Leon

Nach oben
shellackotto
Mo Jan 05 2026, 01:19
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
Wohnort: USA
Beiträge: 122
Was für eine wahnsinnige Geschichte! Könnte ich mir gut als Filmstoff vorstellen.
Nach oben
 

Forum:     Nach oben

Über Uns

Wir sind mehr als ein Forum! Als eingetragener Verein arbeiten wir an der Beständigkeit unserer Leidenschaft.

Über uns

Wir suchen Dich!

Du schreibst Artikel, möchtest im Forum als Moderator aktiv werden? Dir liegt Social Media. Bewahre Wissen! Wir warten auf dich.

Schreib uns

Tipps

Einsteiger-Ratschläge für optimale Nutzung und wichtige Aspekte beim Grammophon und Schellackplatten-Kauf.

Zu den Informationen