Automatic translation in English

‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾

‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾

‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾

‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾


Grammophone in BildernGrammophongalerie


Ragtime in der K.u.K Monarchie





Schöne Beispiele für Ragtime in sehr bodenständiger, typisch europäischer Musizierweise liefern die Aufnahmen der Schrammelorchester und der ungarischen Zigeunerkapellen.



Aufgeschlossen für die Adaption immer wieder neuen Musikmaterials, geübt in der Interpretation synkopierter Tanzmusik (sicherlich auch wegen des Csárdás), übernahmen diese Formationen schon bald nach der Jahrhundertwende eine beträchtliche Anzahl von Ragtime oder Ragtimeverwandten Musikstücken in ihr Programm.



Ähnlich wie etwa die Wiener Schrammelorchester mauserten sich die Zigeunerkapellen somit von folkloristisch eingespielten Ensembles schnell zu einer Art typisch ungarischer Salon- und Unterhaltungsorchester.

Der mit Abstand bedeutendste Zigeunerprimas Österreich-Ungarns, gleichzeitig früher Schallplattenstar, war Béla Berkes (*1888 – †1950), hier zu hören mit Willy Engel-Bergers Onestep „Budenzauber“. Willy Engel-Berger (*Bonn 1890, †Wien 1946) war eigentlich ursprünglich Deutscher. Seine Tätigkeit als Berufsmusiker und Komponist übte er aber hauptsächlich in Wien aus, wie er seine Werke auch vorwiegend bei Wiener Musikverlagen unterbrachte. Als Leiter einer eigenen Tanzkapelle auf Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie hatte Engel-Berger jede Menge Gelegenheit, Erfahrung und Ideen zu sammeln, wenn es um internationale Tanz- und Unterhaltungsmusik ging. Auch der synkopierte Foxtrot „Texas-Fee“ stammt von Engel-Berger, gleichfalls gespielt von einer Zigeunerkapelle, nämlich der des nicht minder renommierten Antal Koczé Jr. (*1895, †1959). Allem Anschein empfand man es in Österreich noch nach dem Ersten Weltkrieg als nichts Ungewöhnliches, wenn moderne, synkopierte Tanzmusiknummern österreichischer Komponisten in Zigeuner-Aufnahmen erschienen. Die CD „Gypsy Ragtime From Hungary“ (Pannon Jazz PJ1054) ist übrigens ausschließlich zeitgenössischen Aufnahmen des „Zigeuner-Ragtime“ gewidmet.

Die „Original Wiener-Prater-Schrammeln“, wahrscheinlich eine reine Studioformation, präsentieren indessen einen Titel des rein deutschen Operetten- und Revuekomponisten Walter Kollo: „Nigger Girl“ ist ein leicht synkopierter Two-Step, der heutzutage allerdings schon alleine wegen seines dubiosen Titels wohl alles andere als Hitverdächtigkeit wecken dürfte. Im Gegensatz zu seinem ursprünglichen Wortgebrauch in den USA hatte der Ausdruck „Nigger“ im deutschen Sprachraum damals aber einen weitaus weniger aggressiven rassistischen Beigeschmack. Der Name des Stückchens erschien den damaligen deutschen und österreichischen Zeitgenossen sicherlich ziemlich harmlos, der diffamierende Unterton fiel koketter und viel beiläufiger aus als in den USA. Wie ja überhaupt der dunkelhäutige Mensch in der selbstgefälligen Vorstellung des damaligen bürgerlichen Mitteleuropäers in den Topf „Neger“ geworfen wurde, ganz gleichgültig, ob nun Amerikaner oder Afrikaner gemeint waren. Die typisch wienerische Schrammelbesetzung wurzelt übrigens keineswegs in der “reinen Volksmusik“ der K. und K. Hauptstadt. Der Begründer dieser Musikgattung, Johann Schrammel (*Wien 1850, †Wien 1893), hatte seine musikalische Laufbahn in Salon- und Theaterorchestern begonnen, ehe er 1879 eine eigene Art entwickelte, volkstümliche Wiener Musik zu spielen. Wenn auch zum überwiegenden Teil stets folkloristisch geprägtes Lied- und Tanzgut im Schrammelsound erklang, so gehörte von allem Anfang an immer wieder auch Internationales zum Repertoire: Operettenpotpourris, Salon- und Charakterstücke, später bisweilen auch Tangos und nicht zuletzt Ragtime. Heutige Schrammelensembles wie z. B. die Philharmonia-Schrammeln sind sich dieser Tradition durchaus bewusst: Sie spielen ab und zu immer noch bzw. wieder Ragtimes, und augenzwinkernd gelegentlich auch mal ältere und neuere Schlager.

__________


Im Gegensatz zu Musikern wie den Geigerbuam dürfte der Wiener Volksgeiger Julius Schmidt kaum allzu intensiv mit Ragtime in Berührung gekommen sein. Im Duett mit dem Wiener Salon- und Kaffeehauspianisten Rudolf Tichy meistert er schlicht synkopierte Stücke („Sami Sami“) noch recht gut, während die Aufnahme „Das Puppenmädel“ (= „Oh You Beautiful Doll“) ein Beweisstück für Schmidts Unsicherheiten ist, sobald es um die saubere Interpretation von rhythmisch etwas komplexerem Ragtime geht. Kurios mag heute freilich anmuten, dass sich dieses ziemlich bodenständige Duett überhaupt an eine amerikanische Tanzmusiknummer herangewagt hat, denn von ihr sind zwar viele zeitgenössische Aufnahmen bekannt (amerikanische und auch europäische, etwa vom „Palais de Danse Orchester“). Keine davon aber in dieser seltsamen, etwas einfältigen Instrumentierung. Als Komponist trug zumindest Rudolf Tichy ein bisschen zur Bereicherung des Schrammelmusik-Repertoires bei. Man ist heute dabei, so manchen seiner Altwiener Tänze wieder auszugraben.

__________


Um 1920 waren mehr oder minder „scharf“ synkopierte Rag-Songproduktionen rein österreichisch-ungarisch-tschechischer Provenienz schon längst nichts allzu Außergewöhnliches mehr: Robert Stolz, René Richard Schmal, Adorján Ötvös und viele andere bereicherten den Tanzmusik- und Schlagermarkt mit teils erstaunlich originellen Eigenkompositionen. „O Magdalene“ gehört zu diesem Typus der sehr zeittypischen österreichischen Ragtime-Songs – in doppelter Hinsicht: Erstens ist das Lied nicht bloß ein Gesangs-, sondern auch ein Tanzschlager. Der (fast ganz) durchgehende Rhythmus mit seiner frechen Synkopierung animiert zum Tanzen: Onestep oder – dem letzten Schrei um 1920 folgend – Foxtrot.
Zweitens handelt es sich um eine österreichisch-ungarische Koproduktion. Die Musik schrieb der ungarischstämmige Tanzmusik- und spätere Filmmusikkomponist Karl Hajos (*Budapest 1889, †Los Angeles 1950). Der Text stammt von dem österreichischen Textdichter und Musikverleger Ernst Wengraf (späterer Eigentümer des Berliner Monopol-Liederverlages).
Die Tradition österreichisch-ungarisch-tschechischer Zusammenarbeit bei (populären) Musikproduktionen jeglicher Art erlosch nämlich keineswegs nach dem Ersten Weltkrieg! Verbindungen zwischen den einzelnen Musikverlagen bzw. Künstleragenturen der neuen, nun unabhängigen Länder bestanden weiterhin. Und nicht zuletzt waren es wohl auch persönliche Freundschaften zwischen den Musikschaffenden, die fortgesetzt für ergiebigen Austausch - und damit für kreative unterhaltungsmusikalische Novitäten „made in Austria“ sorgten. Dem entsprechend erschienen sehr viele dieser Songs in Österreich, Ungarn und Tschechien in verschiedenen Sprachversionen, zusätzlich oft aber auch als reine Tanzmusiknummern in textlosen Orchester- und Klavierfassungen.
Mancher österreichische Schlager schaffte schon damals den Aufstieg zum internationalen Evergreen, wenn es sich dabei auch nicht unbedingt immer um wirkliche Ragtime-Songs handelte: man denke an Robert Stolz’ unsterblichen Welthit „Salome“, der ebenfalls genau um 1920 entstand. Zum Sänger: Karl Ujvari (bzw. Újvári Károly, *Wien 1877, †Wien 1958) war wie kaum ein anderer Plattenkünstler dazu auserkoren, moderne Ragtime-Songs sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch vorzutragen. In Budapest hatte er eine sehr fundierte Ausbildung zum Sänger und Choreographen absolviert. An die Schallplattenerfolge eines Jacques Rotter konnte er jedoch kaum anknüpfen. Als Interpret zeitgenössischer, synkopierter Schlagermusik zeigt er sich hier aber von seiner besten Seite.

__________


Der deutlich Ragtimebeeinflusste frühe Foxtrot „The Dandy“ ist zwar eine deutsche Aufnahme, eingespielt 1920 in Berlin von Kapellmeister Stern mit seiner Künstlerkapelle vom Hotel Adlon. Bei der Komponistenangabe auf dem Label („Fred Rackwood“) handelt es sich aber um ein Pseudonym für einen österreichischen U-Musik-Komponisten, nämlich Fritz Recktenwald (*Wien 1876, †Badgastein 1963). Recktenwald absolvierte vor 1900 eine Ausbildung am Wiener Konservatorium und erlangte ab 1923 regionale Bekanntheit als Kurkapellmeister im Salzburger Erholungsort Badgastein. Gelegentlich zu hören sind heute noch einige von Recktenwalds Liedern (Unterm Kirschbaum), sein Raketen-Galopp und das Blaufuchs-Intermezzo. „The Dandy“ gehört heute zweifellos zu seinen nahezu völlig vergessenen Gelegenheitskompositionen. Interessanterweise brachte René Richard Schmal, ebenfalls Österreicher, zur selben Zeit einen Onestep gleichen Titels auf den Markt.

__________


Als Freizeitkomponist spezialisierte sich der junge Wiener Kunsthändler und Pianist René Richard Schmal (*Wien 1897, †?) unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg auf „mondäne Tänze“, wie es in der Werbung seines Musikverlegers Ludwig Doblinger hieß. Mondäne Tänze ― dazu gehörten für ein Publikum mit mondänem Selbstverständnis zu dieser Zeit auch in Wien bereits ganz klar Ragtimes und (synkopierte) Foxtrots. Schmal war Teil einer Riege junger, aufgeschlossener österreichischer Nachkriegsmusiker.

Die immer wiederkehrenden rhythmischen Eigenschaften und die strukturellen Merkmale des Ragtime der Vorkriegszeit waren ihnen längst aufgegangen. Zumindest jene des tanzbaren Ragtime der „zweiten Generation“, der New Yorker Schule, die ja schon alleine wegen ihrer Nähe zum eben entstehenden globalen Musikbusiness immer mehr oder weniger kommerziell eingefärbt war. Genau Ihre Produkte waren es ja, die schon lange vor 1914 durch Notenmaterial ständig nach Europa exportiert worden waren und an denen die Europäer Ragtime kennen- und selbst komponieren lernten (im Gegensatz zu den kaum in Europa verbreiteten „klassischen Rags“ des US-Mittelwestens). Zu den bekanntesten Beispielen des anspruchsvolleren New Yorker Ragtime gehörten etwa George Botsfords „Black And White Rag“ oder Henry Lodges „Temptation Rag“.

Schmal konnte die typischen Attribute dieser Rags kompositorisch schon recht gut nachahmen und zählt neben Hans May, Willy Engel-Berger oder Ralph Erwin zu den begabten österreichischen Komponisten synkopierter Tanzmusik. 1994 hat die Budapester Bohém Ragtime Jazz Band Schmals originellen Ragtime „The Star“ mit einer stilgerechten Neuaufnahme vor vollkommener Vergessenheit bewahrt (Tandem Records TR-HSJR 2004 CD).

„Kitty-Foxtrot“ ist demgegenüber vielleicht nicht gerade Schmals beste Komposition, dafür aber seine weitaus erfolgreichste. Mit ihren außerordentlich hohen Verkaufszahlen (Klaviernoten inklusive Tanzanleitung) trug sie zumindest in Wien wohl einiges zur Popularisierung des Foxtrot bei. Zu jazziger Begleitmusik sollten Foxtrot und Slowfox wenig später für viele Jahrzehnte die gängigsten Tanzschritte werden. Wir hören diesen frühen Foxtrot aber noch in einer vergleichsweise antiquierten Instrumentierung. Mit Alfred Himmels Kapelle erklingt eine Art von Salonorchestern, die zum Zeitpunkt der Aufnahme (1919) langsam begannen, stereotyp zu wirken.

__________




Auch das Columbia-Studioorchester mit seiner Aufnahme des Engel-Berger-Schlagers „Lou královna Foxtrottu“ (= „Lou, die Foxtrottkönigin“) macht 1920 bereits einen eher schwerfälligen Eindruck, wo es doch schon im Titel um die Propagierung angeblich hochmoderner Tanzrhythmen geht. All diese Orchester sollten den Taktstock schon sehr bald an völlig neuartige Tanzensembles abgeben: An Kapellen, die sich fortan „Bands“ zu nennen pflegten. An Tanzorchester, besetzt mit modernisiertem Schlagzeug, Saxophonen und schließlich „hot“ improvisierenden Solisten. Der Jazz versetzte bald darauf Wien und im weiteren ganz Österreich in den Rhythmus einer neuen Ära.



Copyright Wolfgang Hirschenberger© 2006
Textquelle: Jazzkutatás Link - Hier klicken

Bewusst sind nicht alle angeführten Tondokumente hier "hörbar" gemacht.
Ein teil wird zukünftig im Klingenden Ragtimebuch Link - Hier klicken vorgestellt.
Wechsle zur Seite   <<      


Die neuesten Beiträge
Schellackplatten Blog
in: '
in: '

Folge uns auf...facebook .

Willkommen

Benutzername:

Passwort:


Cookie setzen

[ ]