Fuchstänze und Negerpfeifen



1924 – Das goldene Jahr des Jazz




Deutschland ist ein blühendes Jazzland. Die Inflation geht zu Ende, die Rentenmark ist eingeführt, die erste echte US-Jazzband gastiert in Berlin (die Ohio Lido Venice Band), immer mehr Jazzplatten aus dem Ausland tauchen auf, die Zahl der Rundfunkteilnehmer verzehnfacht sich gegenüber dem Vorjahr. Deutschlands Berufsmusiker bilden „Kombinations-Kapellen“, die je nach Bedarf Jazz-, Salon- oder Stimmungsmusik spielen und in ihrer Bühnenkleidung zwischen „Schwarz, Dress und Sammetgarderobe“ wechseln. Die „Jazz-Band Rudel-Jerochnik“ brilliert sogar in acht verschiedenen Kostümierungen und kann sowohl dezent wie exzentrisch. Die „4 Harrysohns“ bestehen aus vier Stimmungskanonen, ihr Trapp-Drummer ist ein „unkopierbares Genie“, und nebenbei bieten sie auf Wunsch auch Wiener Schrammelmusik. Die „Original Bayr. Oberlandler-Kapelle Hans’l Schirmer“ hat 25 Einlagen im Programm, darunter Schuhplattler und Saxophonquartett. Und dann das „Damen-Jazzband-Stimmungs-Orchester“: „Am Jazzband: Else, die beste routinierteste Jazzerin der Gegenwart, fesche Erscheinung, schöne Stimme. Humoristische Einlagen mit Tierköpfen: kein Klamauk!“?


Der Jazz holt immer neue Instrumente aus seinem Zaubersack: „Bonjo“ (Banjo), „Haiwai“ (Steel Guitar), Tubaphon, Stahl-Xylophon, Metallklarinette, Octavin, Aluminiphon, elektrisches Glockenspiel, musikalisches Sofa usw. Die Singende Säge (ein mit dem Cellobogen gestrichener „Fuchsschwanz“) oder die Trichtergeige (Jazz-Violine, Violophon) erleichtern dem gelernten Streicher den Einstieg ins Exzentrische.





Besondere Aufmerksamkeit erregt das Saxophon, das neue „Clownelement im Klangverein“. Ein deutscher Fachmann schreibt: „Der richtige Jazz-Saxophonist bringt Wirkungen von erschütternder Komik hervor, eine Art näselndes, unzufriedenes, schimpfendes, weinendes, philisterhafter Parlando.“ Der Prager Komponist Erwin Schulhoff, völlig von der „Leidenschaft zum mondänen Tanz“ gepackt, feiert das Saxophon, weil es „nur Karikatur ist und mit charmantester Liebenswürdigkeit seinerseits jedes Sentiment gänzlich negiert.“ Eine echte amerikanische Jazzband, weiß Schulhoff, setzt sich aus Negern, Mestizen und Kaukasiern zusammen und besteht aus mindestens zwei Saxophonen, mindestens zwei Banjos sowie Xylophon und Schlagwerk „in fantastischen Ausmaßen“.



Deutsches Tanz-Sport-Orchester "Wenskat" - Blue Hoosier (Blues)
Anfang/Mitte 1924



Tanzorchester José Melzak - Uncle Joe
Dezember 1924



Eric Borchard - THE HEAVEST KIND OF BLUES
Februar 1925



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