Comedian Harmonists
„Können Sie sich vorstellen, wie das ist: fast jeden Abend ins Theater gehen. Die Stadt hat etwa dreißig Bühnen. Und wenn jede von ihnen im Monat nur eine Premiere hat, ist schon jeder Abend ausgefüllt. An manchen Tagen verstopft sich das Programm geradezu! Dann liegen für drei und vier Theater Billets auf meinem Schreibtisch“! Erich Kästner schrieb diese Zeilen. 1929. Er berichtete als Korrespondent für das Feuilleton der „Neuen Leipziger Zeitung“. Aus Berlin. In der schillernden Metropole pulsierte das Leben. Man hatte ein Stammcafé, ging zum Pferderennen, ins Kino, zum Boxkampf, ins Varieté, zum Avusrennen, in die Oper. Fritzi Massary und Richard Tauber, Hans Albers und Claire Waldoff, Trude Hesterberg und Emil Jannings, Heinrich Schlusnus und Adele Sandrock, Conrad Veidt und Henny Porten waren die Stars in der kulturellen Blüte der Republikhauptstadt. Ein „Kessel am Überkochen“, schrieb George Grosz in seinen Erinnerungen. In dem aber eine Zutat fehlte, wie es schien: Als die Platten der Revelers ab 1926 in Berlin populär wurden, war es nur eine Frage der Zeit, dass jemand auf die glorreiche Idee kam, hierzulande ein vergleichbares Ensemble ins Leben zu rufen. Harry Frommermann hatte den Gedanken als erster. Und seither gibt es im a-capella-Gesang einen Maßstab: Die Comedian Harmonists.
Die „Zwanziger Jahre, die späterhin sehr oft und völlig danebengehend als die goldenen bezeichneten wurden, diese Zwanziger Jahre waren nichts weniger denn golden“, so Comedian-Harmonists-Bass Robert Biberti in einem Rundfunkinterview 1985. Dass der Begriff der Goldenen Zwanziger Jahre bei Zeitzeugen wie Historikern Widerspruch hervorruft, mag in erster Linie an der Diskrepanz zwischen kultureller Blüte und vorherrschenden Lebensbedingungen liegen. Obwohl die Weimarer Republik in Relation zu ihren Anfangsjahren ab 1923 politisch und wirtschaftlich stabilisiert schien, blieb der konjunkturelle Aufschwung gering. Führte die fortschreitende Technisierung und die mit ihr einhergehende Rationalisierung einerseits zu steigender Arbeitslosigkeit, war sie gleichermaßen für die Entstehung einer Art Vergnügungsindustrie von entscheidender Bedeutung. Man könnte diese Entwicklung als eine Vorform der Globalisierung umschreiben: Die neuen Medien – insbesondere Schallplatten – boten verschiedenen Kulturen und Nationen eine bis dahin unerreichte Fülle an Austauschmöglichkeiten und damit gegenseitiger Vermengung. Die Comedian Harmonists können als ein Paradebeispiel für diese Entwicklung gelten, wurden sie doch aus Begeisterung für eine amerikanische Gesangsgruppe gegründet.
Die späteren Mitglieder der Comedian Harmonists hatten zum Zeitpunkt der Gruppengründung mit großen wirtschaftlichen Nöten zu kämpfen. Zwar war der Schauspiel-Eleve Harry Frommermann an der Berliner Volksbühne engagiert, doch die Monatsgage reichte kaum, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. In dieser prekären Lage hörte Frommermann erstmals die Revelers und begann hellauf begeistert Partituren in diesem neuartigen Gesangsstil für ein deutsches Pendant zu schreiben, das noch gar nicht existierte. Als „ich fünfzehn auf’n Tisch zu liegen hatte, gab ich eine Annonce auf im Berliner Lokal-Anzeiger mit meinen letzten zwölf Mark fünfzig, die ich in der Tasche hatte“, so Frommermann 1973. Gemeinsam mit einem Jugendfreund, Theodor Steiner, der der Gruppe sowohl Pianist als auch Bariton sein sollte, erwartete er die Bewerber in seiner Wohnung in der Berliner Stubenrauchstraße 47: „Was dann passierte, das wagte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen vorzustellen, aber es war 1927, es gab viele Arbeitslose und es kamen Scharen von Menschen. Die bildeten eine Schlange von der fünften Etage hinunter durchs Treppenhaus bis auf die Straße – und es war traurig anzuhören. Was sich da als Sänger ausgab! Viele hatten keine musikalischen Kenntnisse, konnten weder Noten vom Blatt lesen noch singen, manche waren Statisten, die ’mal so im Chor mitgebrüllt hatten, aber für das, was wir wollten – nix zu machen.“ Diese Schilderung mag überzogen klingen, ist aber durch weitere Aussagen belegt. Eindeutig zu widerlegen ist hingegen die Behauptung, unter den Bewerbern habe sich auch Johannes Heesters befunden – Heesters kam erst 1935 nach Deutschland. Möglicherweise liegt hier eine Verwechslung (oder bewusste Vertauschung) des niederländischen mit dem niederschlesischen Schauspieler Victor Colani vor, der vermutlich eines der beiden bislang nicht näher bekannten Gründungsmitglieder war. Bei dem zweiten handelte es sich um Louis Kaliger, der zu dieser Zeit gemeinsam mit Robert Biberti im Chor des Großen Schauspielhauses sang. Biberti blieb als einziger Bewerber der Idee gewogen, obwohl die Gruppe auch auf längere Sicht keine Einnahmen erwarten durfte – zunächst musste geprobt, ein Stil gefunden und ein ausreichendes Repertoire einstudiert werden. Während dieser Zeit mussten die Ensemblemitglieder in ihren alten Anstellungen bleiben und als Chorsänger ihren Lebensunterhalt erwirtschaften.
Bass Robert Biberti konnte seine Kollegen vom Großen Schauspielhaus Ari Leschnikoff, den nachmaligen ersten Tenor der Comedian Harmonists, und Walter Nußbaum als zweiten Tenor gewinnen. Am 16. Januar 1928 fand die erste Probe der „Melody Makers“ – wie die Gruppe im Einladungsschreiben an Biberti genannt wird – in Frommermanns Wohnung statt. Dieser sollte zunächst nicht mitsingen, wurde dann aber für besondere Effekte eingefügt und ergänzte das Quartett ähnlich wie Pianist Ed Smalle bei den Revelers. Die Vorbilder waren bei den Proben Inspiration und Anleitung für das eigene Arbeiten, wie Biberti gegenüber Eberhard Fechner erzählte: „Wir haben diese Platten auf unseren Proben gehört und waren des öfteren manchmal sehr gedrückt, ja ich möchte sagen, verzweifelt, weil wir einfach fühlten, weil wir wussten: Das, was wir hier machen, ist noch himmelweit von dem entfernt, was auf diesen Platten ist.“ Theoder Steiner war den hohen Anforderungen nicht gewachsen – für ihn kamen Anfang Mai 1928 über Biberti bzw. Leschnikoff Roman Cycowski als Bariton und Erwin Bootz als Pianist ins Ensemble. Obwohl mit Bootz ein weiterer Arrangeur zur Gruppe stieß, der sich Frommermanns Partituren annahm und sie verbesserte, waren die folgenden Wochen und Monate von weiteren Rückschlägen geprägt. Eine erste Testaufnahme für die Deutsche Grammophon-Gesellschaft vom 10. Mai 1928 verschwand in der Schublade, die Schallplattenfirma war mit der Qualität nicht zufrieden und sah keine Zukunft für das Ensemble.
Obwohl sich die Probenbedingungen besserten, als man in der Wohnung des Stummfilm-Stars Asta Nielsen üben durfte – Harry Frommermann hatte eine Liaison mit ihrer Tochter –, stellten sich die erhofften Erfolge nicht ein. Ein Vorsingen in dem Berliner Varieté „Scala“ im Juni 1928 endete mit dem Rausschmiss der Gruppe, neue Hoffnungen auf einen Aufnahmevertrag – diesmal mit der Adler Phonograph AG – zerschlugen sich im September 1928, angeblich wegen „exorbitanter Forderungen“ der Künstler. Rat und Unterstützung fanden die Melody Makers schließlich in einem Verwandten Frommermanns, dem Konzertagenten Bruno Levy. Er vermittelte ein Vorsingen bei Erik Charell vom Großen Schauspielhaus, der die Gruppe nach trickreichen Verhandlungen für die Operetten-Revue „Casanova“ unter Vertrag nahm. So gaben die Comedian Harmonists am 22. September 1928 ihren ersten öffentlichen Auftritt. Auf Betreiben Charells hatte sich das Ensemble umbenannt, die Autoren Rudolf Schanzer und Ernst Welisch, die auch für das Libretto von „Casanova“ verantwortlich zeichneten, hatten die zündende Idee. Das holprige Englisch sollte erst auf internationalem Parkett für einige Verwirrung sorgen, zunächst hatten sich die Sänger in bescheidenerem Rahmen zu beweisen und als böhmische, spanische und venezianische Musikanten die eigentlich als Orchesterstücke gedachten Intermezzi zu singen.
Die Comedian Harmonists im Programmheft zur Revue „Casanova“ – obere Reihe (v.l.n.r.): Erwin Bootz (Piano), Asparuch Leschnikoff (1. Tenor) und Harry Frommermann (3. Tenor); untere Reihe: Roman Cycowski (Bariton), Robert Biberti (Bass) und Walter Nußbaum (2. Tenor)
Auch der Traum vom Plattengeschäft ging für die Comedian Harmonists noch 1928 in Erfüllung: Am 22. Oktober unterzeichneten sie für das Odeon-Label einen Exklusivvertrag, der den Künstlern dreißig Aufnahmen im ersten Jahr garantierte, pro Einspielung 200 Reichsmark bot (zuzüglich 50 Mark für das jeweilige Arrangement) und auf zwei Jahre angelegt war. Noch während der Probenphase für „Casanova“ machte auch die Electrola GmbH Platten mit der Gruppe – während das „Italienische“ und das „Spanische Intermezzo“ in den Handel kamen, wurde eine weitere Einspielung, die wohl im Hinblick auf einen möglichen langfristigen Vertrag mit der Electrola entstand, nicht publiziert.
Das Aufnahmerepertoire der folgenden Monate lässt weiterhin eine gewisse Amerika-Begeisterung erahnen: „My blue heaven“ wird als „Mein blauer Himmel“ eingespielt, „Sunshine“ als „Ausgerechnet Du“, „That’s my weakness now“ wird zu „Scheinbar liebst du mich“, „Miss Annabelle Lee“ zu „Wie wundervoll küsst Annemarie“ und „Roses of yesterday“ zu „Spiel mir mein Lieblingslied“. Aus heutiger Sicht ist schwer zu entscheiden, wer für die Auswahl der aufgenommenen Titel letztlich verantwortlich war – die Odeon konnte laut Vertrag auch Lieder fordern, die nicht im Repertoire der Gruppe waren und gesondert einstudiert werden mussten. Erwin Bootz jedenfalls war bereits wenig später mit den Leistungen des Ensembles nicht mehr zufrieden und Roman Cycowski resümierte später: „Wir haben die Platten fabriziert, weil wir hungrig auf Geld“ waren. Die Revue „Casanova“ brachte die Comedian Harmonists auch erstmals vor eine Kamera: Am 27. und 28. Dezember 1928 filmten sie gemeinsam mit der Tänzerin La Jana und dem Sänger Karl Hammes ihr „Spanisches Intermezzo“ für einen gleichnamigen TOBIS-Kurzfilm. Resonanzen auf diesen ersten Filmauftritt sind – wie der Film selbst – nicht erhalten.
18.Aug.1928
Aus ihrer allerersten Aufnahmesitzung für das Odeon-Label
Mit dem Abschluss der „Casanova“-Auftritte fand auch Walter Nußbaums Tätigkeit bei den Comedian Harmonists am 28. Februar 1929 aus unbekannten Gründen ihr abruptes Ende. Nach einem kurzen Intermezzo eines nicht näher bekannten Willi Steiner stieß Erich Collin zur Gruppe. Einer zweimonatigen Probenphase in der neuen Besetzung folgten Engagements im Groß-Köln in der Rheinmetropole, der Scala in Berlin und weiteren Varietés.
Am 5. September 1929 hatte im Berliner Theater eine weitere Revue mit den Comedian Harmonists Premiere: In dem musikalischen Lustspiel „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky wirkten Hans Albers, Rosa Valetti und Marlene Dietrich mit, die Comedian Harmonists traten als Passagiere oder Gäste in Nebenrollen in Erscheinung und sangen eigens für sie komponierte Zwischenmusiken. Nach einhelliger Meinung verschiedener Historiker schaffte die Gruppe mit dieser Revue den Durchbruch, zumal die Comedian Harmonists nach dem Erfolg der Berliner Fassung für eine Inszenierung ans Schauspielhaus Leipzig verpflichtet wurden, wo das Stück am 26. Dezember 1929 Premiere hatte und das Publikum der Gesangsgruppe, so die Leipziger Neuesten Nachrichten, „mit Stürmen des Beifalls immer neue Zugaben abzwang“.
In der Leipziger Inszenierung der Revue „Zwei Krawatten“ – mit dem neuen 2. Tenor Erich Abraham-Collin (fünfter von rechts)
Auch der florierende Rundfunk klopfte in dieser Phase bei den Comedian Harmonists an. Erstmals am 19. Oktober 1929 standen die fünf Sänger und ihr Pianist vor den Mikrofonen der Funk-Stunde AG, Rundfunkauftritte wurden fortan zur Gewohnheit der Gruppe.
Von all diesen Erfolgen beflügelt, beschloss das Ensemble einen weiteren Schritt in Richtung Selbstständigkeit zu wagen: Der Traum vom eigenen, abendfüllenden Konzert schien zum Greifen nahe. Vorerst wollte man sich aber noch nicht ausschließlich auf den eigenen Namen verlassen und engagierte für das Programm „Tempo-Varieté“ unter anderem Fred Colman als Conferencier, die Diseuse Lu Basler sowie den Stepptänzer Charlie d’Argonie. Die überwiegende Programmzeit war dem Vortrag der Comedian Harmonists zugedacht, zwischendurch traten die Gäste auf oder wurden kleine Szenen gespielt. Liest man die vorliegenden Schilderungen, muss der Erfolg der Premiere, am 26. Januar 1930 um 11.30 Uhr im Schauspielhaus Leipzig für Akteure und Publikum gleichermaßen überwältigend gewesen sein. Der Leipziger Aufführung folgten Gastspiele unter anderem in Gera, Weimar, Mannheim, Frankfurt am Main und Baden-Baden. Die zahlreichen und vielfältigen Bühnenauftritte der Comedian Harmonists in ihrer Gesamtheit aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. Erwähnt seien hier nur die entscheidenden Wegmarken: Am Leipziger Schauspielhaus war das Ensemble im Spätsommer 1930 letztmalig in einer Revue, „Wie werde ich reich und glücklich?“, wiederum mit Kompositionen von Mischa Spoliansky zu erleben. Weitere Engagements für Theateraufführungen dieser Art erübrigten sich angesichts des Erfolges und der höheren Einnahmen, die konzertante Auftritte der Gruppe einbrachten. Von Agenturen umworben und vom Publikum gefeiert, waren die Künstler nicht länger auf Gaststars angewiesen, sondern gaben mehr und mehr eigene Konzertabende – und nicht nur im Inland. Im November 1930 reisten sie erstmals zu einem Auslandsgastspiel ins Amsterdamer Kabarett La Gaîté. Tourneen führten sie in den Folgejahren nach Frankreich, in die Niederlande, nach Dänemark und in die skandinavischen Länder. Zur regen Konzerttätigkeit der Gruppe in Deutschland meinte Erwin Bootz später: „Da gab es keine oder kaum eine Stadt, wo wir noch nicht waren.“ Hervorzuheben ist von den vielen Auftritten hierzulande das erste Konzert in der Berliner Philharmonie am 21. Januar 1932, das einer Erhebung in den musikalischen Adelsstand gleichkam.
Auch die übrigen Betätigungsfelder der Comedian Harmonists entwickelten sich glänzend. Zwar hatte die Lindström AG den Aufnahmevertrag vorzeitig zum 22. Oktober 1929 gelöst, aber schon am 31. Oktober war mit der Electrola GmbH ein neuer Plattenverlag gefunden. Das garantierte Honorar blieb dem vormaligen Lindström-Verlag entsprechend, darüber hinaus aber wurden die Künstler mit fünf Prozent am Umsatz beteiligt. „Hahn im Korbe“ seien sie dort laut Harry Frommermann gewesen, was angesichts der stetig steigenden Verkaufszahlen durchaus verständlich erscheint – allein 1931 gingen mehr als 120.000 Platten der Gruppe über den Ladentisch! Von den vielen Erfolgsschlagern seien an dieser Stelle nur die langlebigsten und bestverkauften aufgezählt: „Ich hab’ für dich ’nen Blumentopf bestellt“ „Veronika, der Lenz ist da“, „Wochenend und Sonnenschein“ (alle 1930), „Hunderttausendmal“, „Hallo, was machst Du heut’, Daisy?“ (1931), „Schöne Isabella von Kastilien“, „Heute Nacht oder nie“ (beide 1932). Einen hohen Anteil an den Verkaufszahlen dürften die eingespielten Filmschlager gehabt haben, die bis heute zu den häufigsten Platten des Ensembles zählen.
Die Drei von der Tankstelle
Die Gruppe singt die Harmonien - den eigentlichen Gesangspart übernimmt der bekannte Refrainsänger Leo Monosson
Nach einem Film 1929 liefen 1930 drei Streifen mit den Comedian Harmonists in den deutschen Kinos an, im darauffolgenden Spitzenjahr waren es zehn. Neben Kurzfilmen war die Gruppe in einer ganzen Reihe von abendfüllenden Kassenschlagern des frühen deutschen Tonfilms zu sehen. „Die Drei von der Tankstelle“ mit Willy Fritsch, Lilian Harvey, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann – im Urteil Goebbels’ „öder Kitsch“ – machte hier den Anfang, begründete die langjährige Zusammenarbeit mit dem Komponisten Werner Richard Heymann und enthielt mit „Ein Freund, ein guter Freund“ und „Liebling mein Herz lässt dich grüßen“ die ersten Filmhits der Comedian Harmonists. Sie sangen im Film selbst zwar nur letzteren Titel, bannten aber auch den zweiten auf Platte. Die erfolgreiche Verwertung ähnlicher Filmschlager sollte auch in den kommenden Jahren sehr einträglich für die Gruppe sein, am besten verkauften sich in Deutschland „Marie, Marie“ und „Hof-Serenade“ aus dem Film „Gassenhauer“. Da die UFA-Produktionen mehrsprachig gedreht wurden, waren die Comedian Harmonists auch an weiteren Versionen beteiligt und gingen mit den fremdsprachigen Liedern ins Studio. So existieren von „Das ist die Liebe der Matrosen“ neben der deutschen eine englische und französische Fassung, wobei letztere zum vermutlich größten Verkaufserfolg der Comedian Harmonists überhaupt wurde: 135.726 Exemplare dieser Platte wurden allein in Frankreich verkauft, wie der Comedian-Harmonists-Diskograph Andreas Schmauder anhand der erhaltenen, detaillierten Buchführung der französischen Verlagsfiliale rekonstruieren konnte.
„Ich weiß, ich hab’ versteuert 60.000 Mark im Jahr – jeder einzelne von uns“, so Roman Cycowski über die Glanzzeit der Comedian Harmonists. In der Weltwirtschaftskrise waren sie zu Großverdienern geworden und am Höhepunkt ihrer Popularität angekommen. Wie sehr insbesondere das Einkommen auf das Gruppenklima wirkte, bestätigen die Mitglieder nicht nur in späteren Interviews, es wird auch an Entscheidungen, die in dieser Zeit fielen, deutlich: Dass Erwin Bootz dem Ensemble nach Streitigkeiten den Rücken kehrte, um wenige Wochen später reumütig zurückzukehren, ist wohl kaum durch ein verändertes, besseres Gruppenklima, sondern vielmehr durch die finanziellen Erfolge zu erklären. Sie schweißten die Comedian Harmonists – aus wirtschaftlicher Not erwachsen – zusammen und machten sie zu einer nach außen hin geschlossenen Einheit, so Robert Biberti: „Der Zusammenhalt der Truppe, der war garantiert durch das unerhörte wirtschaftliche Niveau jedes Einzelnen, gar kein Zweifel. Wenn jetzt einer ausgestiegen wäre – schön, er hätte weitermachen können, aber keinesfalls auf dem Niveau dessen, was war. Das war eine Klammer, die uns zusammenhielt.“ Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme und ihren weitreichenden Folgen begann diese Fassade zu bröckeln.
Von nationalsozialistischer Rassenideologie geprägte Maßnahmen bekam die Gruppe zunächst allerdings kaum zu spüren, die Folgen der NS-Kulturpolitik waren nicht sofort absehbar oder wurden von den Mitgliedern zumindest nicht wahrgenommen, wie Roman Cycowski beschrieb: „Also, wenn ich ehrlich sein soll, ich hab’ sehr wenig gemerkt. Ich persönlich hab’ sehr wenig darunter gelitten, fast gar nicht, bin genau so frei herumgefahren, im Ausland gegangen, zurückgekommen, Geld reingebracht“. Kontinuität statt Zäsur war das bestimmende Gefühl, obwohl die Tätigkeit der Gruppe schon frühzeitig eingeschränkt wurde. Dies – und das könnte die Wahrnehmung entscheidend beeinflusst haben – betraf aber zunächst ein finanziell eher unbedeutendes Betätigungsfeld, den Film. Die erfolgreichen Auftritte vor der Kamera – 1932 waren die Comedian Harmonists an drei Spielfilmen beteiligt – wurden 1933 nicht mehr fortgesetzt, die Filmindustrie war frühzeitig und in vorauseilendem Gehorsam auf die rassischen Vorstellungen der Nationalsozialisten eingegangen. Der zügige Aufbau einer vorläufigen Filmkammer im Juli 1933 machte offensichtlich, wie wichtig den neuen Machthabern das junge Medium war. Bei der Uraufführung von „Kleiner Mann – was nun?“ am 3. August 1933 – dem letzten Spielfilm, an dem die Comedian Harmonists mitwirkten – waren die Szenen mit der Gruppe nicht mehr zu sehen, lediglich im Vorspann war sie noch mit dem Titellied zu hören. Ein Kurzfilm – „Die Comedian Harmonists singen Volkslieder“ – entstand noch im Februar 1934 unter der Regie von Helmut Schreiber. In romantisch-verklärten Szenen spielten Darsteller die Volkslieder nach, die die Comedian Harmonists sangen. Wie es dazu kam, dass das Ensemble für diese plumpe Volkstümelei engagiert wurde, ist nicht mehr durch Archivunterlagen zu klären.
Am 24. November 1933 in der Berliner Philharmonie
Einen ähnlichen Stellenwert wie dem Film räumten die nationalsozialistischen Machthaber dem Medium Rundfunk ein, das den Comedian Harmonists ebenfalls mehr und mehr verschlossen wurde: Die letzte belegte Radiosendung mit ihnen fand im Frühjahr 1934 im Deutschlandsender statt, allerdings eine reine Plattensendung. Im völligen Gegensatz dazu boomte das Plattengeschäft unvermindert weiter: Die Electrola GmbH verlängerte den Vertrag mit den Comedian Harmonists 1933 und 1934, erhöhte sogar die Gewinnbeteiligung. Dies mag daran liegen, dass der international agierende Verlag nicht dem gleichen staatlichen Druck ausgesetzt war wie die Ufa, ist aber wohl auch auf die beachtlichen Verkaufszahlen der Comedian-Harmonists-Platten zurückzuführen, die jedoch 1932 ihren Zenit überschritten.
Die Konzerte liefen zunächst unbehelligt weiter, auch weil der Öffentlichkeit die so genannte nichtarische Abstammung dreier Mitglieder der Gruppe weitestgehend unbekannt war und die Comedian Harmonists auf Anfeindungen und Kritik offensiv reagierten. Mehrten sich 1933 die Mäkeleien am Namen und Stil des Ensembles merklich, konterte die Gruppe mit Erläuterungen in den Programmheften: Die Comedian Harmonists „gründeten sich zu einer Zeit, da in Amerika die Revellers Wegbereiter einer neuartigen Gesangspolyphonie waren und einen Stil pflegten, der zwar äußerlich von den Comedian Harmonists übernommen, von ihnen aber in einer Weise weiterentwickelt wurde, die von dem englischen Ursprung nicht mehr als den Namen übrig ließ. Dieser Name ist eine Erfindung ihres ersten Direktors und seit fünf Jahren als Schallplattenmarke so bekannt, daß an eine Änderung, so gerne sie schon längst vorgenommen worden wäre, nur schwer zu denken ist.“ Diese Formulierungen, insbesondere der letzte Satz werden in einer ganzen Reihe von Presseberichten nahezu wörtlich übernommen, potentiellen Kritikern wird so bereits im Vorfeld entgegengetreten. Lanciert werden auch Mitteilungen über die deutsche Abstammung der Sänger und die Offizierslaufbahn des Verbündeten Leschnikoff: „Im übrigen sind die Mitglieder des Ensembles alles Deutsche, bis auf den 1. Tenor, der vor seiner Sängerlaufbahn bulgarischer Offizier war und den Weltkrieg in der Heeresgruppe Mackensen mitgemacht hat“. Eine weitere Stellungnahme findet sich ebenfalls in mehreren Presseberichten: „Es ist selbstverständlich, daß im neuen Staat die Comedian Harmonists ihre Programme nach den Forderungen der nationalen Regierung auf musikalischen Gebiet gleichschalten und in erweitertem Umfange ihre vornehmste Aufgabe darin erblicken werden, für das Deutschtum im Auslande Propaganda zu treiben.“ Die Comedian Harmonists bedienten sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit offenbar des nationalsozialistischen Wortschatzes, was kaum mit einer tatsächlichen Verbundenheit dem neuen Regime gegenüber zu erklären, sondern als Taktik, möglichen Widerständen vorzubeugen, zu werten ist. Sie versuchten dabei – wie sich an verschiedenen Beispielen belegen lässt –, regimetreue Redakteure mit ihren eigenen nationalen Waffen zu schlagen.
Ernsthafte Konzessionen an den Zeitgeist habe es nicht gegeben, beteuerte Erwin Bootz später im Interview mit Eberhard Fechner, was der Wahrheit aus heutiger Sicht nicht ganz entsprochen haben dürfte. Zwar änderte sich das Repertoire der Gruppe nicht grundlegend – aktuelle Schlager blieben der Hauptbestandteil –, aber einzelne Anpassungsversuche sind doch zu verzeichnen: So stieg die Zahl der aufgenommen Volkslieder – sechs Einspielungen zwischen 1933 und 1935 – wie auch ihre Aufführung in Konzerten an, was vordergründig der nationalsozialistischen Betonung der Volkskunst geschuldet gewesen sein dürfte. Mindestens ein weiteres Lied muss als Anklang an die nationale Bewegung gewertet werden. Alle Spekulationen über die Urheberschaft des Stücks können nicht über seine vom Marschrhythmus getragene nationale Grundstimmung hinwegtäuschen:
- Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen schöner noch, wie’s einmal war.
Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen, alles wird so wunderbar.
Und man wird wieder das Lied der Arbeit singen, g’rade so, wie’s einmal war.
Es geht im Schritt und im Tritt auch das Herz wieder mit
und dann fängt ein neuer Frühling an.
Mit diesen oberflächlichen und tatsächlichen Zugeständnissen schien man den Erfolg zunächst sichern zu können – selbst ein weiteres Konzert in der Berliner Philharmonie durfte, wenn auch zum „Besten des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes“, absolviert werden. Allen Widerständen konnte man so auf lange Sicht allerdings nicht entgehen: Nach ersten Störungen von Auftritten verschärfte sich die Situation im Frühjahr 1934 durch eine Pressenotiz: „Amtlich wird mitgeteilt: Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda hat an die Landesregierungen folgendes Ersuchen gerichtet: In zunehmendem Maße wird beobachtet, daß Nichtarier, die bereits verschwunden und größtenteils offenbar ins Ausland geflüchtet waren, in Theatern, Varietés, Kabaretts usw. wieder auftreten. Ich weise darauf hin, daß das Auftreten auf deutschen Bühnen von der Zugehörigkeit zu einem der Fachverbände der Reichstheaterkammer abhängig ist und daß Nichtariern die Aufnahme in diese Verbände regelmäßig verweigert wird. Ich bitte deshalb, die Polizeibehörden anzuweisen, den Nachweis der Verbandszugehörigkeit zu verlangen und, wenn er nicht erbracht werden kann, das Auftreten zu verhindern“. Die Comedian Harmonists, die ihre Aufnahme in die Reichsmusikkammer am 8. Dezember 1933 beantragt, aber bislang keinen abschließenden Bescheid erhalten hatten, erwarteten aufgrund dieser Pressemeldung – wenn sie sich auch auf die Reichstheaterkammer bezog – Probleme für ihr Auftreten, so dass sie sich an Gustav Havemann von der Reichsmusikerfachschaft wandten, um die Aufnahme voranzutreiben: Sie argumentierten mit ihrer großen Popularität, ihrer Repertoireauswahl, die das Volkslied und den deutschen Walzer leichteren Kompositionen gegenüberstelle und somit „ein gutes Stück musikalischer Erziehungsarbeit“ leiste, und damit, dass „ein Austausch einzelner Mitglieder aus künstlerischen Gründen“ eine „auch für die arischen Mitglieder des Ensembles unbillige Härte bedeuten würde“. Das Ergebnis war eine befristete Genehmigung, „unter Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs, Ihre bereits abgeschlossenen Konzerte zu absolvieren. Mit dem 1. Mai 1934 läuft diese Erlaubnis ab“. Als ab dem 24. März die Aufnahme von so bezeichneten Nichtariern in die Reichskulturkammer und ihre Unterabteilungen untersagt wurde, war das endgültige Aus für die Comedian Harmonists nur noch eine Frage der Zeit.
Waren Konzerte in den vorangegangenen Wochen behördlicherseits behindert oder – in seltenen Fällen – ganz verboten worden, hatten nun die Auftraggeber trotz der bis Ende April 1934 geltenden Sonderregelung kein Interesse mehr an einem Auftreten der Gruppe. Nach einem letzten Konzert in Deutschland, das am 25. März in Hannover stattfand, verlegte man die Haupttätigkeit des Ensembles ins Ausland. Der Entschluss gegen eine sofortige Trennung der Gruppe war zweifellos nicht auf dem Fundament unverrückbarer Freundschaft gefällt worden, sondern sollte vielmehr die wirtschaftliche Prosperität der Ensemblemitglieder sichern. Die Argumentation in dem bereits zitierten Schreiben an Gustav Havemann entsprach dem tatsächlichen Selbstverständnis der Gruppe: „Der Erfolg des Ensembles ergibt sich eben durch die Tatsache einer jahrelangen, ununterbrochenen Zusammenarbeit“. Das musikalische Niveau, das sich die Comedian Harmonists in den vorangegangen sechs Jahren erarbeitet hatten, war tatsächlich ein gewachsenes: Die künstlerische Weiterentwicklung von den ersten dürftigen Einspielungen bis zu den noch heute für Gesangsgruppen vorbildlichen Aufnahmen hatte den Sängern eine enorme Probentätigkeit abverlangt. Es ist anzunehmen – so ist auch das obige Zitat zu deuten –, dass die Sänger von einer Trennung einen Rückschritt in musikalischer Hinsicht erwartet hätten (was sich im Hinblick auf die Nachfolgegruppen später durchaus als zutreffend erwies).
Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe schwand mit den Einnahmen, die aufgrund der gestiegenen Reisekosten sanken. Am 4. April 1934 saßen sich Biberti „zugleich als Vertreter der Herren Bootz und Leschnikoff“ und Collin „zugleich als Vertreter der Herren Frommermann und Cycowski“ im Notariat von Dr. Helmut Ellerholz gegenüber, der beauftragt war, den entstandenen Streit zu schlichten: „Jeder der Erschienenen äussert seinen Standpunkt, wie folgt Herr Biberti: Jedes Mitglied des Ensembles habe unter Einsatz seiner persönlichen und finanziellen Kräfte zu Gunsten des Ensembles diejenigen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die in seiner Person, z.B. nichtarischer Abstammung, verursacht sind. Da die arischen Mitglieder infolge der heute bestehenden Gesetzgebung in Deutschland jede Verdienstmöglichkeit auch dann hätten, wenn sie sich von den nichtarischen Mitgliedern trennen würden, so sei daraus eindeutig das wirtschaftliche Interesse der nichtarischen Mitglieder des Ensembles zu folgern, dass nämlich die Nichtarier die eben erwähnten, mit ihrer Person verbundenen, Schwierigkeiten auf eigene Kosten zu beseitigen hätten.“ Collin, Cycowski und Frommermann sollten demnach finanziell schlechter gestellt und für die Auftrittsschwierigkeiten in Regresspflicht genommen werden. Verlief dieser Streit auch im Sande – Ellerholz riet, den Gesellschaftervertrag unverändert fortzuführen –, offenbart er doch einerseits, wie tief die Gräben zwischen den beiden Ensemblehälften bereits waren, andererseits aber auch das naiv-strategische Denken von Biberti, Bootz und Leschnikoff, die – wie Biberti es im zitierten Gespräch mit Ellerholz offen aussprach – nicht mit Behinderungen von Seiten der nationalsozialistischen Politik rechneten, würden sie nur ohne die jüdischen Kollegen auftreten.
Die Auslandskonzerte waren demnach nicht mehr als ein letzter Versuch, die ursprüngliche Formation zu erhalten. Nach einem Gastspiel in Dänemark reiste die Gruppe zu einer Reihe von Radiokonzerten in die USA. Diese erzielten zwar eine enorme Beachtung, wie unter anderem begeisterte Hörerzuschriften belegen, bildeten jedoch keine hinreichende Grundlage, um an einen längerfristigen Verbleib oder gar eine Emigration in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu denken. An einer laut Vertragsklausel möglichen Verlängerung des Kontrakts zeigte die National Broadcasting Company kein Interesse. Nach zweifellos eindrucksvollen Erfahrungen wie dem legendären Auftritt auf dem Flugzeugträger Saratoga kehrte das Ensemble nach Deutschland zurück, von wo aus es zu weiteren Konzertreisen nach Italien und Norwegen aufbrach. Dort gaben die Comedian Harmonists am 21. Januar 1935 in Fredrikstad ihr letztes umjubeltes Konzert: „Comedian Harmonists eroberten gestern Fredrikstad. So einen Erfolg erlebt man nicht jeden Tag! Das Publikum war schon vorher gut ‚präpariert’, um das weltberühmte Ensemble zu empfangen. Es kennt es von vielfältigen Grammophonplatten, vom Radio – und von einer überschwänglichen Oslo-Kritik. Es musste viel geschehen, um die Erwartungen im Konzertsaal zu erfüllen. Aber das schafften sie – mit Glanz. Es war ein Fest, ihnen zuzuhören. Der zündende Rhythmus, die schöne Klangfülle und der herrlich ansteckende Humor und die gute Laune. Man kann nur sagen: Auf ein baldiges Wiedersehen.“
Die erste Seite der Originalpartitur von „Liebesleid – Die Liebe kommt, die Liebe geht“ im Arrangement von Erwin Bootz
Das erwünschte Wiedersehen konnten die Comedian Harmonists nicht erfüllen, das Sondieren neuer Märkte war nicht zur Zufriedenheit von Biberti, Bootz und Leschnikoff verlaufen: „Die Einnahmen, die sanken natürlich doch in einem beträchtlichen Maße um 30, 40 Prozent“, so die Beobachtung Bibertis. Nach dem faktischen Verbot der Comedian Harmonists konnten sich nur Collin, Cycowski und Frommermann zur Emigration entschließen, die so genannten arischen Mitglieder waren dazu nicht bereit. Einvernehmlich – so die Schilderung der Gruppenmitglieder – wurde die Trennung beschlossen und besprochen. Während Collin, Cycowski und Frommermann in Österreich ein neues Ensemble gründen wollten, das sich auf den ausländischen Markt beschränken sollte, würde die deutsche Neubesetzung um Biberti, Bootz und Leschnikoff nur im Inland tätig sein. Dass beide Gruppen das Recht haben sollten, sich Comedian Harmonists zu nennen, war wiederum bezeichnend für die trügerische Hoffnung der im Reich Bleibenden, der Weggang der jüdischen Kollegen wäre die Lösung aller Probleme und Widerstände. Die Schallplatte blieb das einzige Betätigungsfeld, das den Comedian Harmonists noch zur Verfügung stand: „Ungarischer Tanz Nr. 5“ und „Barcarole“ waren die letzten Aufnahmen, die die Originalformation am 28. Februar 1935 einspielte – unerlaubt, war den Mitgliedern doch bereits seit sechs Tagen untersagt, gemeinsam zu musizieren. Die letzte legale Plattenaufnahme der Ur-Besetzung vom 13. des Monats könnte man als Ironie des Schicksals deuten – man sang das Volkslied „Morgen muss ich fort von hier“.
Dass die Geschichte der originalen Comedian Harmonists mit dem Verbot der Zusammenarbeit vom 22. Februar 1935 tatsächlich zu Ende war, hing zweifellos damit zusammen, dass sich die so genannten Arier in Deutschland ein besseres, sichereres Auskommen erhofften. Sie gründeten mit dem Meister-Sextett ein Ensemble, das musikalisch nicht mehr auf gleichem Niveau an die Erfolge der Comedian Harmonists anknüpfen konnte. Der Gesangsstil der Gruppe wurde aus äußeren Gründen – wie der Liedauswahl –, aber auch aus mangelnder Kreativität biederer. Mit dem markanten Tenor Ari Leschnikoff, dem humorvoll-profunden Bass Biberti und dem arrangierenden Pianisten Erwin Bootz waren zwar die Ecksäulen der Comedian Harmonists in Deutschland geblieben, das Herzstück, die Mittelstimmen aber konnten sie nie in kongenialer Weise ersetzen. Mehrfache Umformierungen, Streitigkeiten der Kollegen untereinander und vor allem die massiven Auseinandersetzungen mit der Reichsmusikkammer erschwerten die Ensemblearbeit. Nach dem Weggang Bootz’ erlebte die Gruppe zwar einen musikalischen Aufschwung, gleichzeitig aber auch einen menschlichen Tiefpunkt, der in der Auflösung 1939 gipfelte. Die anschließenden Versuche, das Meister-Sextett zu reanimieren, scheiterten an den Kriegsumständen.
Nahezu zeitgleich zerfiel 1940-41 auch die Emigrantengruppe, die von den jüdischen Mitgliedern der Comedian Harmonists 1935 in Österreich aufgebaut und trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten der Emigration zu großem Erfolg geführt worden war. Mit Südafrika, Südamerika und insbesondere Australien konnten sie sich neue, von der Urgruppe nicht bereiste Territorien erschließen. In Stil und Repertoire konnte die Emigrantenformation ohne äußere Zwänge – außer dem der Publikumswirksamkeit – aus dem Vollen schöpfen, sich von den bereisten Nationen und ihren Liedern inspirieren, von Harry Frommermanns und ab 1937 Fritz Kramers Kreativität leiten lassen. Anders als beim Meister-Sextett war lediglich ein Besetzungswechsel notwendig, was für die musikalische Konstanz und Ausgeglichenheit der Gruppe spricht. Mangelnde Nachfrage, interne Zwistigkeiten und der Tod von Roman Cycowskis Vater ließen die Comedy Harmonists in den USA zerfallen.
Die Biographien aller Gruppenmitglieder der originalen Comedian Harmonists sind von ihrem Schicksal in den 1930er Jahren gezeichnet. Lediglich Roman Cycowski und Erwin Bootz fanden später in ein geregeltes, zufriedenstellendes Arbeitsleben zurück – erstaunlicherweise eben die beiden Mitglieder, die ihre Tätigkeit bei den Nachfolgegruppen aus freien Stücken beendet hatten. Für sie blieben die Comedian Harmonists eine – zweifellos herausragende – Episode ihres erfüllten Lebens. Für Biberti, Collin, Frommermann und Leschnikoff war neben dem Segen auch der Fluch prägend: Den Zerfall ihrer Gruppen überwanden sie nicht. Trotz mehrfacher Versuche während und nach Ende des Krieges gelang es keinem Mitglied, ein neues Nachfolgeensemble langfristig zu etablieren.
Wenn die Comedian Harmonists auch von äußeren Entwicklungen überrannt wurden und ihre gemeinsame Karriere beenden mussten, ihre künstlerische Qualität und zeitlose Popularität überdauern bis heute die Widrigkeiten, denen dieses wohl berühmtesten deutsche Gesangsensemble des 20. Jahrhunderts ausgesetzt war. „Hätte man uns damals nicht so gewaltsam aufgelöst und in alle Winde zerstreut, wären wir vielleicht populärer geworden als die Beatles“, sagte Roman Cycowski in seinem letzten Lebensjahr und brachte damit eine persönliche Enttäuschung zum Ausdruck. Der Kern der Aussage ist dabei sicher nicht zu hoch gegriffen: Die Entwicklung und Geschichte der Comedian Harmonists war nur zum Teil eine Frage von künstlerischem Können, von Kreativität und Begabung, von stimmlicher Qualität und harmonischem Gesamtklang, sie war auch eine Frage von Politik und Zeitgeschehen. Ihre Musik aber blieb der Nachwelt erhalten. Und ihr Stil wird von unzähligen Gesangsgruppen gepflegt. Von reinen Nachahmungen bis hin zu kreativen Neubearbeitungen, von primitiven Vereinfachungen bis hin zu komplexen Originalsätzen – die Lieder der Comedian Harmonists sind nach wie vor in aller Munde. Die Filme von Eberhard Fechner und Joseph Vilsmaier haben trotz unterschiedlicher Ansätze und variierender Wahrheitsliebe das Bild der Gruppe entscheidend mitgeprägt und ihre Geschichte der breiteren Öffentlichkeit bekannt, ihre Musik neuerlich beliebt gemacht. Sie mögen nicht so bekannt geworden sein wie die Beatles, ihren Platz in der Musikgeschichte haben die Comedian Harmonists sicher.
Bei folgenden Zeitzeugen, Sammlerfreunden und Historikern möchte ich mich für die großartige Hilfe bei meinen Recherchen ganz herzlich bedanken: Roger Alderstrand, Uwe Berger, Ulla Böhmelt (†), Helli Bootz (†), Hans Buchholz, Dieter Doege, Dr. Reinhard Figge, Henk Hofstede, Michael Hortig, Karsten Lehl und Andreas Schmauder. Zu besonderem Dank bin ich Jan Grübler und Theo Niemeyer verpflichtet – ohne ihre Unterstützung der Recherchen und die detaillierte Durchsicht des Entwurfs wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen. Allen Interessierten sei das aktuellste Buch zum Thema von Douglas Friedman ans Herz gelegt (www.comedianharmonistsbook.com).
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