Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
PONOPHON, Mi Feb 03 2016, 20:09
HERSTELLER: Carl Lindström AG oder Otto Schöne, Reklamophon-, Sprech- und Musikwerke Dresden19, Tittmannstraße 8
MODELL: ?
SERIENNUMMER: ?
JAHR: 1905
DAMALIGER PREIS: ?
GEHÄUSE: Eiche mit Schellack Politur und Sockel, ca. 42 x 42 x 19 cm
PLATTENTELLER: Durchmesser 30 cm
TRICHTER: Durchmesser 45 cm vernickeltes Zinkblech innen rot lackiert
MOTOR: Sehr großer Gussplatinen Motor mit einer Feder
SCHALLDOSE: Mit Spannvorrichtung für die Nadel, ohne Rändelschraube
Heute stelle ich ein Trichtergrammophon vor, das ich 1985 in London gekauft habe. Und zwar deshalb, weil mir heute beim Stöbern in der Phonographischen Zeitschrift ein sehr ähnliches Gerät der Carl Lindstöm AG aufgefallen ist.
Mein Grammophon galt bei mir immer als Reklamophon, weil ich es anhand der Schalldose und Trichterhalterung anhand eines Reklamophon Kataloges so identifizierte.
Heute habe ich aber die Lindstöm Webung in der Phonographischen Zeitschrift (6. Jahrgang Seite 114 und 155) dazu gefunden und bin darüber sehr erstaunt.
Es ist wirklich außerordentlich spannend, wie die Firmen, Hersteller und Grossisten miteinander verbunden waren, bzw. (fast) baugleiche Apparate vertrieben…
Ich kann mich noch so gut an den Kauf erinnern, ich war damals 19 Jahre und wie auch heute noch sehr schnell entschlossen und spontan. Ich hatte die schulische Ausbildung bereits abgeschlossen und war schon berufstätig, wohnte aber noch zu Hause und hatte einiges Geld gespart. An einem Sommer Nachmittag, ich hatte Urlaub, kam ich auf die Idee nach London zu fahren um mir endlich ein schönes Trichtergrammophon zu kaufen. Damals gab’s kein Internet und der Markt in Österreich war sehr bescheiden. Ich kannte aber einen Händler in Hendon (bei dem ich zuvor schon einen Edison Fireside Phonographen per Flugreise erstanden hatte), bei dem ich mir sicher war, etwas Schönes zu finden. Ich habe mich dann gegen 2 Uhr morgens ins Auto gesetzt und bin losgefahren. Trotz langem Aufenthalt in Ostende – Die Fähre fuhr gerade weg als ich im Hafen eingetroffen war. War ich am nächsten Tag um 21:00 in London. Nach einer Nacht im Auto suchte ich mir dann schon ein Hotel, den Autoverkehr in London werde ich aber nie mehr vergessen. Ich war noch jung, heute würde ich das nicht mehr tun – es gab ja auch kein Navi.
Jedenfalls holte ich das Grammophon per U-Bahn aus Hendon, es kostete damals umgerechnet 17.000,-- Schilling. Der Händler wollte es kaum hergeben und hat mir stattdessen zahllose andere Geräte (die alle nicht ganz original waren) angeboten. Ich hab’s eben dann um den erwähnten Preis doch bekommen (und bis heute nicht bereut, weil es absolut im Originalzustand ist). Die U-Bahn Fahrt mit Grammophon werde ich nicht vergessen. Ich kam mir vor wie ein Schausteller, so oft wurde ich angesprochen und angelächelt, ich nehme an, ich habe auch sehr gestrahlt vor Besitzerstolz.
Für mich ist das eine schöne Erinnerung, diesen Aufwand den ich damals betrieben habe um an ein Grammophon zu kommen, der hat es auch zu etwas sehr besonderem gemacht. Heute mit Internet, Schnäppchenjagt und Navigationssystem ist irgendwie der Erwerb nicht mehr so spannend oder so einprägsam.
Was heute spannend ist, ist die Menge an Information die man googeln kann, wie oben schon beschrieben, für mich war es seit 1985 ein Reklamophon, aber seit heute ist es ein Lindström Gerät…








Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
Starkton, Do Feb 04 2016, 08:16
Die Geschichte des Erwerbs ist sehr anschaulich geschildert und hat zurecht tiefen Eindruck bei Dir hinterlassen. Der Aufwand war ganz schön groß. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass Deine U-Bahnfahrt für einiges Aufsehen gesorgt hat.
Beide in der Anzeige des Reklamophons genannten Gebrauchsmuster für den Tonarm wurden der Carl Lindström G.m.b.H. Ende 1904 erteilt. Wenn ich mir die charakteristische Verbindung vom Trichterhalter zum Tonarm ansehe, fallen mir neben Lindström und Reklamophon noch anderer Firmen ein, welche diese Konstruktion nutzen, zum Beispiel Orchestrophon
Link - Hier klicken , Pantophone und die Adler Phonograph Co. Es ist deshalb schwer eine eindeutige Aussage zu treffen, unter welchem Firmennamen dieses Grammophon letztlich produziert wurde, denn auch das Gehäuse ist so oder so ähnlich bei einigen Herstellern zu finden.
"The Dulcetto" ist übrigens ein Händleraufkleber von The Phono Exchange, 44 Berners Street, London. Der Aufkleber findet sich offenbar auf allen Geräten welche dieser Laden seit etwa 1905 verkauft hat, auch auf Phonographen. Er ist ziemlich groß, weil damit öfters die ursprünglichen Herstelleraufkleber verdeckt wurden.
Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
PONOPHON, Do Feb 04 2016, 20:59
Hallo Stephan,
danke für die Auflösung der Gebrauchsmuster und den Link.
Zu „Orchestrophon“ fällt mir ein, dass ich so eine Schalldose auch habe:

Auch ein ähnliches Gerät wie im Link zu sehen ist, befindet sich in meiner Sammlung.
Es hat aber ein sehr einfaches Gehäuse, dafür aber einen vernickelten Messingtrichter
und die „Parcival“ Schalldose.




Die Geschichte zum Dulcetto Aufkleber ist mir bekannt, da gibt es ein Bild im Buch von Christopher Proudfoot – eines der wenigen Bücher zum Thema, das ich im meiner frühen Zeit zur Verfügung hatte. Man klammerte sich ja wirklich an jedes Stück Literatur das einem in die Finger kam.

Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
Starkton, Fr Feb 05 2016, 19:35
Die Orchestrophon-Schalldose ist derjenigen von Reklamophon sehr ähnlich. Auch das spricht für eine enge Kooperation. Funktioniert der Nadelauswurf "per Knopfdruck" denn gut?
Das Modell mit der Parcival Schalldose ist, wie auch das zuerst präsentierte, in wunderbarem Zustand. Welche Funktion hat der Hebel am Tonarm? Ist es eine Art Endabschaltung?
Kannst Du die Funktionsweise des Nadelwechsels an der Parcival Schalldose erklären. Wie viele Nadeln passen in den Wechsler?
Solche Geräte wie Deine sind heute kaum noch außerhalb gepflegter Sammlungen zu finden. Das meiste ist verbastelter Schrott oder 08/15 Kaufhausware der 20er und 30er Jahre.
Das Händlerschild von Meyer & Eggert ist wundervoll.
Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
PONOPHON, Mo Feb 08 2016, 12:21
Die Nadel-Spannvorrichtungen halten richtig gut, man kann allerdings keine sehr leisen, also dünnen Nadeln spannen.
Beim Parcival Modell dient der Hebel am Tonarm als Stütze.
Schwenkt man den Arm aus (man kann ihn rundherum drehen) fällt er nicht zu Boden, sondern wird über diese Stütze mittels der am Rand abgeschrägten Platte am Trichterhalter, unterhalb der „Kugel“ abgestützt.
Nur im Bereich des Plattentellers ist diese Abstützplatte freigestellt und der Tonarm kann auf die Schallplatte abgesenkt werden.
Die Parcival Schalldose hat übrigens kein Nadelmagazin, die Konstruktion mit dem Druckknopf ist auch nur eine Spannvorrichtung, die aber auch sehr dünne Nadeln spannt.
Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
Starkton, Di Feb 09 2016, 19:23
Vielen Dank für die Erklärung. Jetzt versteh' ich's !
Re:
Dulcetto Trichtergrammophon von 1905
berauscht, Do Feb 11 2016, 13:35
Zur Musikinstrumenten-Bauanstalt Meyer & Eggert ein Eintrag aus dem Adressbuch von 1911:
Meyer & Eggert, Inh.: Wilh. Eggert, Musikinstrumenten-Bauanstalt. Permanente Ausstellung in Apparaten. Königstr. 116.
Wohnung: Blücherstr. 55