Leierkasten auf Platte
Remirus, Di Jul 30 2019, 16:05

Seit einigen Wochen besitze ich eine Zonophone-Platte mit hellbraunem Etikett, die auf jeder Seite zwei kurze Stücke als Drehorgel-Wiedergaben enthält, insgesamt also vier Titel. Meine Hoffnung, dass ich die Kuriosität des Jahrhunderts gefunden hatte, machte ein Sammlerfreund jedoch zunichte. Er habe die Platte schon seit langem. Ich frage mich jetzt natürlich, wie selten sie wirklich ist. Ich werde bei Gelegenheit die genauen diskographischen Angaben noch nachreichen. Kennt noch sonst jemand diese Platte oder Veröffentlichungen darüber? Für jeden Hinweis wäre ich dankbar.

Re: Leierkasten auf Platte
DGAG, Di Jul 30 2019, 16:39

Sobald Du die diskographischen Angaben eingestellt hast können wir Dir Genaueres sagen.

Kurios ist so eine Platte auf jeden Fall und ein interessanter Beleg wie das Grammophon nach und nach die Drehorgel verdrängt hat. Ich habe eine schöne Abbildung aus der Zeit kurz nach 1900, die ich demnächst mal posten werde. Darauf ist ein Drehorgelspieler abgebildet, der "mit der Zeit ging" als er auf seinem Instrument zusätzlich ein Trichtergrammophon abgestellt hat.

Re: Leierkasten auf Platte
Telraphon, Di Jul 30 2019, 18:35

Solche Aufnahmen findet man speziell auf Zonophon tatsächlich öfter. Mir liegt u.a. "Hupf mein Maderl"/"Jetzt trink´n mer noch a Flascherl Wein" vor, die Platte habe ich von einem alten Herren, dessen Vater bis in die 60er Jahre ein Kettenkarussell betrieb, in welchem ursprünglich mal eine Orgel spielte.

Re: Leierkasten auf Platte
Konezni, So Aug 04 2019, 20:56

In den 80er Jahren hat der damalige Besitzer von "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, Werner Eisermann, eine LP mit Drehorgel-Aufnahmen der Kaiserzeit herausgebracht.



Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Fr Aug 16 2019, 14:56

Hallo Leute,

danke für die bisherigen Beiträge. Hier kommen die versprochenen diskographischen Angaben :

Zweiseitige 25-cm-Platte "ZONOPHONE RECORD" mit hellbraunem Etikett und grüner Schrift,
bezeichnet: GERMAN BARREL-ORGAN

(Seite a) Nr. 529284
Matrizenprägungen offen: 1006 ab; X5 - 29284 II; unter dem Etikett: H 1006 ab
Bezeichnung:
a) Die kleine Tonkinoise
b) Trinken wir noch ein Tröpfchen
gespielt vom LEIERKASTEN
BERLIN

(Seite b) Nr. 529285
Matrizenprägungen offen: 1005 ab; X5 -29285 III; unter dem Etikett: H 1005 ab
Bezeichnung:
a) Cavalleria rusticana b) Troubadour
gespielt vom LEIERKASTEN
BERLIN

Außerdem ist unter dem Etikett auf jeder Seite ein "Z" eingeprägt. Ich vermute, dass damit die Bestimmung als Zonophone-Platte kenntlich gemacht wurde.

Es würde mich freuen, wenn diese Angaben euch weiterhelfen können.

Re: Leierkasten auf Platte
DGAG, Fr Aug 16 2019, 18:06

Die beiden Leierkasten-Aufnahmen hat der Toningenieur Ivor Robert Holmes am 8. Mai 1909 in Berlin für die Gramophone Co. gemacht.

Stimmt die Titelreihenfolge von Seite A?

Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Di Aug 20 2019, 16:23

Danke für die Auskunft. Ja, die Reihenfolge an sich stimmt. Die Schreibweise des ersten Titels ist allerdings etwas kurios. Es ist "La petite Tonkinoise ", das später auch in der von Josephine Baker gesungenen Version noch einmal populär wurde. Ich habe eine wohl mit der Zonophone gleich alten
Orchesterversion auf Homokord unter dem deutschen Titel "Der kleine Tonkinese". Zweifelhaft scheint mir jedoch die Angabe des zweiten Titels. Ich höre da nicht das angegebene Lied heraus. Das bleibt noch zu klären.

Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Di Aug 20 2019, 16:38

DGAG schrieb ...

Die beiden Leierkasten-Aufnahmen hat der Toningenieur Ivor Robert Holmes am 8. Mai 1909 in Berlin für die Gramophone Co. gemacht.


Gibt's denn noch mehr solcher Aufnahmen von dem Herrn? Etwa die oben von "Telraphon" angegebene? Das wäre doch eine interessante Information.

Re: Leierkasten auf Platte
DGAG, Di Aug 20 2019, 21:33

Telraphon schrieb ...

Solche Aufnahmen findet man speziell auf Zonophon tatsächlich öfter. Mir liegt u.a. "Hupf mein Maderl"/"Jetzt trink´n mer noch a Flascherl Wein" vor, ...

Remirus schrieb ...

DGAG schrieb ...

Die beiden Leierkasten-Aufnahmen hat der Toningenieur Ivor Robert Holmes am 8. Mai 1909 in Berlin für die Gramophone Co. gemacht.

Gibt's denn noch mehr solcher Aufnahmen von dem Herrn? Etwa die oben von "Telraphon" angegebene? Das wäre doch eine interessante Information.

Ich wüsste nicht, dass Holmes weitere Drehorgel-Aufnahmen gemacht hat. Beide Seiten der Platte von @Telraphon hat George Walter Dillnutt am 26. Oktober 1911, ebenfalls in Berlin für die Gramophone Co., aufgenommen.

Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Mi Aug 21 2019, 16:19

Danke auch für diese Information! Das scheint ja doch ein eigenartiger, aber gar nicht so ungewöhnlicher Nebenzweig des Repertoires gewesen zu sein. Interessant wäre es, wenn sich irgendwo auch noch ein Katalog oder Zeitungsartikel dazu finden würde.

Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Fr Sep 06 2019, 15:15

DGAG schrieb ...

Ich habe eine schöne Abbildung aus der Zeit kurz nach 1900, die ich demnächst mal posten werde. Darauf ist ein Drehorgelspieler abgebildet, der "mit der Zeit ging" als er auf seinem Instrument zusätzlich ein Trichtergrammophon abgestellt hat.


Darauf bin ich nach wie vor sehr gespannt!


Re: Leierkasten auf Platte
DGAG, Fr Sep 06 2019, 18:06

Hier ist die Abbildung. Es handelt sich mit größter Wahrscheinlichkeit um eine Berliner Straßenszene. Der Titel ist "Der Hofphonograph", Vorlage der handkolorierten Druckgrafik (Ausschnitt) ist eine Fotografie von Hugo Rudolphy, Berlin. Aufgrund der Bauart des Grammophons halte ich eine Entstehungszeit kurz nach 1900 für wahrscheinlich.



Re: Leierkasten auf Platte
DGAG, Sa Sep 07 2019, 11:11

Bei der obigen Aufnahme kann man erkennen, dass es offenbar zwei sind (Vater und Sohn?), welche mit der Drehorgel ihren Unterhalt verdienen. Der Jüngere kurbelt, der Ältere liest das aus den Fenstern geworfene Geld auf. Durch die Position der Schalldose erschließt sich, dass das Grammophon (logischerweise) gerade nicht in Betrieb ist. Es wäre auch eine echte Herausforderung die Leierkastenbegleitung zu einer Tonaufnahme zu spielen.

Gerade bin ich über einen Artikel von 1920 in der Phonographischen Zeitschrift zum Thema Drehorgelaufnahmen gestoßen:


Quelle: Rückblick auf die Leipziger Herbstmesse 1920, in: PZ, 21. Jahrgang, No. 18, 15. September 1920, S. 573

Re: Leierkasten auf Platte
Remirus, Di Sep 10 2019, 16:35

Hallo DGAG,

danke für die beiden Beiträge. Aus dem Entstehungszeitraum des Grammophons würde ich nicht auf den des Bildes schließen, denn es ist doch auch gut möglich, dass sich die beiden den Apparat gebraucht gekauft haben. Der Artikel ist besonders deshalb interessant, weil er zu einer Zeit entstand, als es den meisten Deutschen schlecht ging und die Leierkastenmänner noch mehr als vor dem Ersten Weltkrieg zum Alltag der Städte gehörten.

Re: Leierkasten auf Platte
maxphenol, Sa Jun 06 2026, 17:35

Konezni schrieb ...

In den 80er Jahren hat der damalige Besitzer von "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, Werner Eisermann, eine LP mit Drehorgel-Aufnahmen der Kaiserzeit herausgebracht.

Weiß jemand hier vielleicht mehr über "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, den Inhaber Werner R. Eisermann oder das Geschäft ansicht? Es gibt oder gab ja wohl einen Laden namens "Musik-Antik" in einem anderen Haus in dieser Straße (Weidenstieg 14), aber der Inhaber hat einen anderen Namen. Ist das vielleicht ein neuer Ort und ein neuer Inhaber? Mich würde insbesondere interessieren, von wann bis wann der Laden von Herrn Eisermann existierte. "80er Jahre" ist schon mal ein guter Hinweis. Aber gab es ihn davor schon und bis wie lange existierte er?
Wer was weiß, bitte melden - Danke!
Gruß, Helmut

Re: Leierkasten auf Platte
Konezni, Di Jun 09 2026, 01:42

maxphenol schrieb ...

Konezni schrieb ...

In den 80er Jahren hat der damalige Besitzer von "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, Werner Eisermann, eine LP mit Drehorgel-Aufnahmen der Kaiserzeit herausgebracht.

Weiß jemand hier vielleicht mehr über "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, den Inhaber Werner R. Eisermann oder das Geschäft ansicht? Es gibt oder gab ja wohl einen Laden namens "Musik-Antik" in einem anderen Haus in dieser Straße (Weidenstieg 14), aber der Inhaber hat einen anderen Namen. Ist das vielleicht ein neuer Ort und ein neuer Inhaber? Mich würde insbesondere interessieren, von wann bis wann der Laden von Herrn Eisermann existierte. "80er Jahre" ist schon mal ein guter Hinweis. Aber gab es ihn davor schon und bis wie lange existierte er?
Wer was weiß, bitte melden - Danke!
Gruß, Helmut


1982 lernte ich den Laden und seinen Betreiber Werner kennen, der mir die Grundlagen des Schellackplattensammelns beibrachte. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, zog er noch vor 1990 nach Braunschweig und arbeitete dort als Hausmeister - er könnte noch leben...
Gruß,
Raoul

Re: Leierkasten auf Platte
maxphenol, Di Jun 09 2026, 11:20

Danke Raoul,
im Internet fand ich dieses mit einem Foto. Kannst du bestätigen, dass das Werner Eisermann von dem Geschäft in Hamburg ist?
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Re: Leierkasten auf Platte
maxphenol, Di Jun 09 2026, 11:22

Und ein weiterer Link mit einem Foto in besserer Qualität aber offenbar jüngeren Datums ...
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Re: Leierkasten auf Platte
Konezni, Di Jun 09 2026, 21:36

Das zweite Bild hat Aehnlichkeit, zumindest, was die Haartracht angeht...

Re: Leierkasten auf Platte
LoopingLoui, Sa Jun 20 2026, 17:31

maxphenol schrieb ...

Weiß jemand hier vielleicht mehr über "Antik-Musik am Weidenstieg" in Hamburg, den Inhaber Werner R. Eisermann oder das Geschäft ansicht? Es gibt oder gab ja wohl einen Laden namens "Musik-Antik" in einem anderen Haus in dieser Straße (Weidenstieg 14), aber der Inhaber hat einen anderen Namen. Ist das vielleicht ein neuer Ort und ein neuer Inhaber? Mich würde insbesondere interessieren, von wann bis wann der Laden von Herrn Eisermann existierte. "80er Jahre" ist schon mal ein guter Hinweis. Aber gab es ihn davor schon und bis wie lange existierte er?
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Gruß, Helmut

Werner Eisermann ist schon vor Jahren gestorben. Er ist aber dann irgendwann in den Süden verzogen, wahrscheinlich sogar nach Rüdesheim am Rhein. Dort sah man ihn dann auch regelmäßig - im Rollstuhl und augenscheinlich schwer pflegebedürftig. Ein Gespräch konnte man mit ihm in seinem Zustand nicht mehr führen, es kamen nur noch unverständliche Laute heraus. Immerhin wandelte er noch sehr interessiert durch die Hallen…
Das zweite Foto ist ziemlich sicher er, in Rüdesheim hatte er aber immer einen Zylinder auf. Zumindest im Herbst 2018 habe ich ihn dort noch gesehen.

Inhaber von Musik Antik am Weidenstieg ist laut Aussagen eines Freundes von mir aber Norbert Noritz gewesen, welcher auch die KK-CD‘s verlegt und eine Börse in HH veranstaltet hat. Dieser lebt noch im Norden von Hamburg. Eisermann war ein anderes Geschäft.
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