Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, So Jan 10 2021, 12:43


Beim Durchsuchen meiner Platten fand ich eine 15cm-Scheibe der Leipziger BACHAPHON-Werke von ca.1928 wieder. Dabei stellte sich mir die Frage, ob die Aufnahmen dazu auch in Leipzig entstanden sind und ob es noch weitere Aufnahmeorte außerhalb Berlins gab. Wer weiß etwas dazu?

Hier im Forum Link - Hier klicken gibt es mehrere Diskussionen um Aufnahmeorte in Berlin, aber was ist mit der Provinz? Auf die Schnelle fällt mir nur ein, dass Otto Stahmann für seine Firmen ca. 1939-1944 in Babelsberg bei Potsdam Aufnahmen produzieren ließ.

Finden sich weiter Aufnahmeorte in Deutschland, die wir hier zusammentragen können? Gern auch in einem gesonderten Thread für die Nachkriegszeit.



Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, So Jan 10 2021, 12:50


Applaudando Record-Schallpattenfabrik Halle
Halberstädterstr. 12, Halle (Saale)
August 1911 bis Juli 1914
Quelle http://applaudando.alexrex.de/

Bachaphon-Werk Leipzig - Ort der Aufnahmen ?

"Tempo" Schallplattenfabrik Otto Stahmann
Babelsberg bei Berlin
ca.1938/39 bis 3.12.1944




Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
Telraphon, So Jan 10 2021, 19:07

Gerade auf den frühen Labels der DGAG findet sich (sicher bedingt durch die Hofoper, etc.) auch oft München als Aufnahmeort. Im Allgemeinen ist auf den Platten der DGAG mit schwarzem Label und schreibendem Engel (also aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg) fast immer der Aufnahmeort angegeben - am Häufigsten kommen da in meiner Sammlung von Berlin mal abgesehen Königsberg, München, Sankt Petersburg, Dresden und K/Cöln vor. Die DGAG reiste ja viel herum, um die bekanntesten oder berühmtesten Künstler aufnehmen zu können - mit der elektrischen Aufnahme & der Verkomplizierung der Aufnahmeverfahren mit daraus folgend sehr ortsgebundenen Studios endete diese Ära aber meines Wissens nach weitgehend, wenn man mal die "Tonstudios" in jeder größeren Stadt ausklammert, die aber ja nur 1:1-Aufnahmen für Privat und keine Serien fertigten.

Speziell zur Reisetätigkeit der Deutschen Grammophon, ohne welche uns ja so manche internationale Rarität aber auch legendäre Sprechaufnahmen wie z.b. Goethes Totentanz im Vortrag von Josef Kainz heute schlicht nicht vorliegen würden, kann sicher das Mitglied DGAG noch einige Daten beitragen - ich meine, in irgendeinem Thread schon viel Interessantes dazu gelesen zu haben.

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
gramofan, So Jan 10 2021, 19:12

Elton -> Stuttgart
Isiphon -> Leipzig

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
DGAG, Mo Jan 11 2021, 11:36

Schon vor 1900 gab es hunderte kommerzielle Plattenaufnahmen außerhalb Berlins. Zunächst für die Grammophonfabrik Kämmer, Reinhardt & Co., im Jahr 1899 dann für die Gramophone Company. Die folgende Liste ist wahrscheinlich nicht vollständig, weil auf den Pressungen für die Grammophonfabrik der Aufnahmeort fast nie festgehalten wurde:

1889/90: Hannover
1890 - ca.1895: Waltershausen (Thüringen)
1890 - ca.1891: Frankfurt am Main
1899: Leipzig

Wie @Telraphon schon schrieb wird es in den Jahren nach 1900 zunehmend unübersichtlicher, zumal neben der Gramophone Co. dann auch immer mehr Plattenhersteller überall in Deutschland eigene Tonaufnahmen machten.

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, Mo Jan 11 2021, 13:40

Danke für die Anregungen.

Interessant ist, dass die Plattenindustrie zunächst doch sehr dezentral agierte. Immerhin bilden sich Zentren heraus, die auf die Großstädte hindeuten. Und die Elektrifizierung der Aufnahmetechnik spielt also auch eine Rolle. Die Konzentration auf Berlin scheint mehr oder weniger damit begonnen zu haben. Die Leipziger Firma Bachaphon nutzte ja 1928 noch akustische Technik, wie sicher auch andere Hersteller. Möglicherweise gibt es also ein "Wegsterben" der lokalen Produzenten nach Umstellung auf die elektische Aufnahme?

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
DGAG, Mo Jan 11 2021, 15:13

Die Aufnahmestudios wurden eben sehr bald dort eingerichtet wo man sich ein reiches Musikleben versprach. Die Menschen haben übrigens viel mehr als heute die Darbietungen ihnen vertrauter, lokaler Künstler gekauft.

Die Gramophone Company, welche ihre Toningenieure von London aus in die halbe Welt schickte, ließ ihre Tochtergesellschaften (z.B. die DGAG) Befragungen beim Publikum durchführen, welche Aufnahmen gewünscht wären und disponierte entsprechend.

Da die kulturelle Zentren damals deckungsgleich mit den Residenzstädten waren, überrascht die Auswahl der Gramophone Company im Deutschen Reich wenig. In chronologischer Reihenfolge:

1899 - 1904: Leipzig, Berlin, München, Frankfurt am Main, Wiesbaden, Dresden, Stuttgart, Straßburg, Karlsruhe, Köln, Hamburg, Breslau, Bayreuth, Königsberg

Bis 1911 kamen folgende Städte hinzu: Hannover, Nürnberg, Mainz, Ansbach, Bremen, Göppingen, Mannheim

Die Orte wurden in der Regel mehrmals aufgesucht, wobei in der Reichs-Metropole Berlin seit 1900 die mit Abstand meisten Aufnahmen entstanden.

Die Aufnahmepraxis der Gramophone Company in Großbritannien selbst war übrigens komplett anders: Abgesehen von einem Kurztrip nach Glasgow, Belfast, Dublin und Cardiff im September 1899 entstanden alle Aufnahmen in London.

Das gleiche gilt für Frankreich. Vor 1920 wurde ausschließlich in Paris aufgenommen. Dies zeigt die übermächtige kulturelle Bedeutung der dortigen Metropolen.

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
Telraphon, Mo Jan 11 2021, 15:31

Möglicherweise gibt es also ein "Wegsterben" der lokalen Produzenten nach Umstellung auf die elektische Aufnahme?


Definitiv! Ebenso wie das große Filmateliersterben der späten 20er Jahre nach zunehmender Etablierung des Tonfilms und der damit verbundenen, sehr sehr teuren und zunächst nicht untereinander kompatiblen Technik von zunächst nur 2-3 wirklich Marktbeherrschenden Firmen für Tonfilmtaugliche Aufnahme- und Wiedergabetechnik sehr rapide einsetzte, wird auch die Marktlage bei den Schellackplatten und ihren Produzenten gewesen sein.
Irgendwann gab es für akustisch aufgenommene Platten (obwohl einige davon qualitativ wirklich gut sein können) schlicht keinen Markt mehr, und wenn eine Firma zu spät auf diese Umstellung reagierte oder sich das neue, zu Anfang fast unbezahlbare Equipment nicht leisten konnte, war der Ofen durch den Druck der Konkurrenz sicher sehr schnell aus.

Bei den Filmateliers Deutschlands - um bei dem Vergleich zu bleiben - geht man im Vergleich Stand 01/1923 mit 01/1933 von einem Schwund von bis zu über 70% bei den kleinen bis mittelgroßen Firmen aus, die sich die Umstellungen (Vorher möglichst große Ateliers mit viel Tageslicht, sehr viel Glas - jetzt möglichst gedämmt, kein Glas und räumlich klein, um gute Tonqualität zu erreichen, neue Kameras, neue Technik, höhere Kopierkosten, etc.) nicht leisten konnten und vom Markt verschwanden.
Ich gehe fest davon aus, dass die Entwicklung bei den Plattenfirmen sehr ähnlich war - die Kosten für ein neues Studio dürften ganz ähnlich gelagert gewesen sein - dazu die Unsicherheit, für welches System man sich entscheidet - und wenn dann nur 1-2 Monate zu lang gezögert wurde & der Absatz einbrach, war die Investition gar nicht mehr machbar.
Alles in Allem ein sehr sehr spannendes Thema - man müsste sich hier einmal intensiver mit den An- und Abmeldungen im Handelsregister, etc. befassen, speziell für die Phase des Umbruchs.


Da die kulturelle Zentren damals deckungsgleich mit den Residenzstädten waren, überrascht die Auswahl der Gramophone Company im Deutschen Reich in der Regel nicht. In chronologischer Reihenfolge:

1899 - 1904: Leipzig, Berlin, München, Frankfurt am Main, Wiesbaden, Dresden, Stuttgart, Straßburg, Karlsruhe, Köln, Hamburg, Breslau, Bayreuth, Königsberg

Bis 1911 kamen folgende Städte hinzu: Hannover, Nürnberg, Mainz, Ansbach, Bremen, Göppingen, Mannheim

Die Orte wurden in der Regel mehrmals aufgesucht, wobei in der Reichs-Metropole Berlin seit 1900 die mit Abstand meisten Aufnahmen entstanden.


TAUSEND DANK für diese Aufstellung! Ein Exemplar aus Breslau kam mir bisher nicht unter - womit ein neues Suchziel gesetzt ist.


Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, Mo Jan 11 2021, 15:53

Mit dieser Entwicklung macht auch ein Studio wie die Tonographie GmbH in Berlin Sinn, welches ja keine eigene Pressabteilung hatte. Kleinere Firmen konnten dort ohne eigene elektrische Aufnahmetechnik Einspielungen auf Bestellung anfertigen lassen. Die Künstler, sofern von außerhalb, mussten dazu natürlich anreisen. Vielleicht auch ein Grund, warum man dann weniger lokale folkloristische Stilistiken findet. Grade die Aufnahmen z.B. mit sächsischer Mundart gibt es ja eher aus der akustischen Zeit.

Auch der Handel mit schon veröffentlichten und eigentlich längst veralteten Material erscheint vor dem Hintergrund der Zentralisierung der Musikproduktion logischer. Wenn man kein Aufnahmestudio hatte, bediente man sich bei schon vorhandener Ware. So landeten z.B. ja viele (elektrische Aufnahmen) von Artiphon, Tri Ergon u.a. irgendwann bei Otto Stahmann und wurden bis teils in die Nachkriegszeit (Amiga, Tempo Elite) weiter gepresst.

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
DGAG, Mo Jan 11 2021, 16:11

Telraphon schrieb ...

TAUSEND DANK für diese Aufstellung! Ein Exemplar aus Breslau kam mir bisher nicht unter - womit ein neues Suchziel gesetzt ist.

Apropos Suchziel: Die Gramophone Company hat, wohl aus Absatzgründen, nicht immer sauber zwischen dem Aufnahmeort und dem Wohnort der jeweiligen Künstler unterschieden. Kein Team war zum Beispiel 1904 in Magdeburg, obwohl dieser Städtename auf einigen Labels zu finden ist.

Neben der technischen Entwicklung, welche die Zentralisierung unterstützte, muss man unbedingt die vollkommen geänderte politische Situation in Deutschland nach 1918 beachten. Die vielen eigenständigen Fürstentümer wurden zu Ländern herabgestuft und verloren dabei auch einen Teil ihrer kulturellen Unabhängigkeit. Das durch Eingemeindung entstandene Groß-Berlin erhielt ab 1920 eine alles überragende kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Was ich oben über London und Paris geschrieben habe galt damit auch für Berlin.

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, Do Jan 14 2021, 10:08

Im Zusammenhang mit einer Telefunken-Platte von Fred Raven taucht 1937 als Aufnahmeort Hamburg in folgender Videobeschreibung auf.

Link - Hier klicken

Ist es irgendwo belegt, dass Telefunken in Hamburg ein (mobiles?) Aufnahmestudio hatte und gibt neben diesen 4 Titel von Raven vom 9.9.37 noch weitere Aufnahmen von dort?

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
Polyfar41, Do Jan 14 2021, 11:24

Die Telefunkenplatte GmbH unterhielt einen eigenen Aufnahmewagen, der an diversen Orten zum Einsatz kam. Der wird in diesem Artikel erwähnt
Link - Hier klicken
und ist an anderer Stelle auch abgebildet: Link - Hier klicken

In ihm wuden auch z.B. Aufnahmen mit dem belgischen Tanzorchester Fud Candrix in Blankenberge in Westflandern am 27.-29.06.1938 und am 20.11.1040 produziert.

Im Buch "Die Teldec-Story - Wie eine Plattenfirma unser Leben veränderte" von Rüdiger Bloemeke wird auf S.19 erwähnt, dass Herbert Grenzebach und Tontechniker Alexander Seeland in den Jahren 1942 bis 1944 mit Adalbert Lutter wiederholt nach Stockholm flogen, um Aufnahmen für den skandinavischen Markt zu machen, und auch dort wurde der Aufnahmewagen eingesetzt.

Gruß
Klaus

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
snookerbee, Do Jan 14 2021, 17:46


Danke für die Infos. Ich hatte schon von den Sprachplatten gehört, die mobile Aufnahmetechnik im Auto war aber neu für mich.

VG Claus

Re: Deutsche Plattenaufnahmen in der Provinz (bis 1945)
kr103, So Jan 24 2021, 23:33

Die Telefunken hat für Musica Sacra auch eine ganze Reihe von Choraufnahmen in Westdeutschland gemacht, u.a. vom Paderborner Domchor und dem Kölner Männergesangverein. Vermutlich haben Sie auch da ihren Wagen mal eine Runde drehen lassen, denn das dürfte sich kaum gelohnt haben, ganze Chöre mit so speziellem Repertoire nach Berlin kommen zu lassen.