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Übersetztes Interview mit Sir Paul Getty, dem legendären Schellackplattensammler
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Limania, DGAG, Der_Designer
Autor Eintrag
Starkton
So Mär 17 2013, 17:21 Druck Ansicht
Dabei seit: Mi Okt 05 2011, 21:47
Wohnort: Berlin
Einträge: 1927
Ich habe folgenden faszinierenden Artikel mit einem Interview von Sir Paul Getty (1932-2003), dem legendären Sammler früher Schellacks, welches kurz vor seinem Tod geführt wurde, übersetzt. Wohl jeder engagierte Plattensammler kann sich irgendwo darin wiederfinden.

In den Fängen dieser Leidenschaft sind wir alle gleich - Millionäre und arme Schlucker. Auch Getty, der ein Privatvermögen von über 200 Millionen Euro aus dem Verkauf von Ölaktien besaß, von dem er einen großen Teil für wohltätige Zwecke spendete, konnte sich nicht alles kaufen, denn nicht jeder war käuflich und nicht alles hat seinen Preis. Aber lest selbst.


Ich werde weitersammeln bis ich sterbe

Kurz vor seinem Tod sprach Sir Paul Getty, in einem der wenigen Interviews die er jemals gab, mit Richard Bebb. [Anmerkung: Der englische Schauspieler Richard Bebb war ebenfalls ein bekannter Schellackplattensammler.]

Sir Paul Getty [...] war ein Cricket-Fanatiker [...], ein engagierter Sammler von alten Filmen, und, wie sein Vater vor ihm, ein Kenner der schönen Künste. [...]

Worüber bisher nie geschrieben worden ist, eine weitere beherrschende Leidenschaft seines Lebens, war seine Sammlung von historischen Schellackaufnahmen klassischer Sänger, Instrumentalisten und Schauspieler. Das alles begann, als er mit 16 Jahren in San Francisco ankam. "Damals hatte ich absolut kein Interesse an der Oper, oder an Opernsängern," sagte Getty, aber eines Tages, als ich im Haus meiner damaligen Freundin eine absolut wunderbare Stimme aus dem Salon hörte, fragte ich sie, "Was zum Teufel ist das?" und sie antwortete, "Oh, es ist nur mein Vater, der eine seiner alten Schallplatten spielt." Die Stimme erwies sich als diejenige von Enrico Caruso als Canio in "Vesti la giubba" von Pagliacci. "Ich war buchstäblich gefangen - lebenslang." Wahrscheinlich nicht zum letzten Mal in seinem Leben wurde der Geschlechtstrieb von seiner Leidenschaft für Schallplatten verdrängt. Andere Sammlern können sich sicherlich in ihn hineindenken und fühlen sich mit ihm in dieser misslichen Lage verbunden.

Seine Mutter kaufte ihm daraufhin das Buch von Dorothy Caruso über das Leben des großen Tenors, welches er schnell verschlang. Was ihn aber noch mehr interessierte, war der Hinweis auf eine Diskographie mit allen bekannten Aufnahmen Carusos, geschrieben von einem englischen Geistlichen, Canon Harold Drummond, auf der Buchrückseite. Da er den Sammlerinstinkt seines Vaters [Anmerkung: Jean Paul Getty, Gründer von Getty Oil und damals reichster Mann der Welt] geerbt hatte, begann er sämtliche Caruso Platten aufzukaufen. Fast alle fand er mühelos und zu sehr geringen Preisen, vor allem in einem Geschäft in der Innenstadt von San Francisco bei einem Händler von Second-Hand-Platten, der einfach als "The Fat Man" bekannt war. Getty lernte schnell, dass etwa 11 Aufnahmen fast unmöglich zu bekommen waren. Insbesondere die sieben Schallplatten, die der Tenor im Jahr 1902 [sic. 1903] für die Disco Zonofono mit Sitz in Mailand gemacht hatte, waren so selten, dass sie praktisch unerreichbar waren, vor allem in einwandfreiem Zustand.

Das Suchgebiet musste deshalb erweitert werden und Getty fand sich bald in Kontakt mit Händlern quer durch die Vereinigten Staaten und im fernen England. Er machte sich mit großem Ernst an die Aufgabe, aber es dauerte rund 15 Jahre, bis er einen kompletten Satz Zonofonos von führenden britischen Caruso Sammlern erwerben konnte. Schließlich besaß er zwei komplette Sätze - sicher ist sicher.

Obwohl seine Liebe zu Caruso nie nachgelassen hat und er ihn immer als Nummer eins im Pantheon der Tenöre betrachtete, erweiterte Getty natürlich seine Interessen und Ambitionen als Sammler. Eine der größten Faszinationen des Sammelns von Schellackplatten ist, dass es sich um ein abgeschlossenes Sammelgebiet handelt - etwa vom Jahr 1895 [sic. 1896], als die ersten gepresst wurden, bis 1956, als die LP sie verdrängte. Aber bis zum heutigen Tag gibt es immer wieder bedeutende Entdeckungen unter den Tausenden von Sängern, die Aufzeichnungen gemacht haben (oft für obskure Unternehmen in entfernten Teilen der Welt). Jeder, der Ohren hat zu hören, kann solche Schätze finden, die dem Rest der Sammlergemeinde noch völlig unbekannt sind. Diese Sänger haben aus einer Vielzahl von Gründen keinen internationalen Ruhm erreicht, aber ein erfahrener Sammler kann nach den ersten paar Tönen sagen, dass er die Stimme eines Künstlers ersten Ranges hört - in einigen Fällen sogar ein völlig unbekanntes musikalisches Genie. Der Charme,so etwas mehrmals im Jahr zu erleben, hält den engagierten Sammler, so Getty, "süchtig fürs Leben".

Im Jahr 1949 kam Paul Getty zum ersten Mal mit seiner Familie nach England. Gordon, sein jüngerer Bruder, hatte auch den Plattensammeltrieb, deshalb nahm ihr Vater sie eines Nachmittags zu einem kleinen Second-Hand-Plattenladen nahe dem Leicester Square mit. Besitzer war Colin Shreve, eine herrschaftliche, autokratische Figur mit viel Charme, aber hitzigem Temperament - zum Beispiel bekam jeder, der 'Tettie', die Katze (benannt nach Luisa Tetrazzini, natürlich), die schlafend auf einer der Schallplattenkisten angetroffen werden konnte, zu stören versuchte, die Peitsche seiner Zunge zu fühlen. Als die beiden Jungs beim Durchblättern der Plattenstapel eine gutgelaunte, aber abschätzige Bemerkung zu Nellie Melba machten, donnerte Colins Stimme los: "Burschen, es ist hier nicht üblich, dass grüne Jungs einen großen Künstler beleidigen - haut ab." Ihr Vater sagte ruhig: "Kommt schon, Jungs - ich glaube nicht, dass wir hier sehr willkommen sind," und sie verließen still den Laden.

Ich würde gerne glauben, dass Colins Reaktion die gleiche gewesen wäre, hätte er gewusst, wer sie wirklich waren, und dass er gerade den reichsten Mann der Welt aus seinem winzigen Laden geworfen hatte. Das ist wohl eine unglaublich romantische Vorstellung, aber Colin war einer der größten Originale.

Gettys Sammlung von rund 16.000 Platten ist umfassend, aber der überwiegende Teil stammt aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg - die historisch embryonale Phase faszinierte ihn am meisten. Natürlich hatte er viele Schätze aus späterer Zeit: "Wie könnte ich ohne meine geliebten John McCormack Platten sein? Ich denke an ihn als an den Zweiten nach Caruso unter den Tenören." Er besaß auch viele CDs und LPs, aber diese zählten natürlich nicht - sie waren keine "richtigen" Platten.

In den letzten 30 Jahren hatte Getty die besten Platten aus drei großen britischen Sammlungen erwerben können, was dazu führte, dass er die beste Kollektion historischer Tonaufnahmen in privater Hand besaß. Sein einziger ernsthafter Konkurrent war die Collection of Historical Sound Recordings der Yale Universität in New Haven, aber das ist natürlich eine öffentliche Einrichtung. Dennoch wurde die Suche, Lücken in seinem Bestand zu füllen, eifrig bis zum Ende verfolgt, vor allem in Händler-Auktionlisten. "Ich sammle bis zum Tag an dem ich sterbe!", erklärte er.

Der größte Ehrgeiz in Getty Leben als Sammler war, alle Platten von Angelica Pandolfini, eine hoch angesehener Sopranistin, deren wohl bedeutendste künstlerische Leistung die Titelrolle bei der Uraufführung von Cileas Oper Adriana Lecouvreur am Teatro Lirico in Mailand im November 1902 war, zu besitzen. Noch im selben Monat, wahrscheinlich während die Oper am Lirico noch aufgeführt wurde, machten sie und die anderen Solisten, Caruso und der große Bariton Giuseppe De Luca, jeweils eine Aufnahme ihrer wichtigsten Arien für die Gramophone & Typewriter Ltd. Natürlich sind diese Aufzeichnungen von größtem historischem und musikalischem Interesse (Caruso und De Luca wurden am Klavier vom Komponisten begleitet), aber, obwohl alle drei sehr schwer zu finden sind, gibt es von der Pandolfini nicht mehr als fünf oder sechs Exemplare weltweit. Ihre anderen vier Aufnahmen sind noch seltener, und eine von ihnen [die "L'altra notte" aus Mefistofele, siehe unten] tauchte bis vor etwa zwei Jahren überhaupt nicht auf.

Getty erzählte mir, dass er vor kurzem mit Sergio Alfonsi, einem noch jungen italienischen Sammler, in Kontakt trat, der unweigerlich jeden Sonntag um 6 Uhr morgens den Straßenmarkt in Turin aufsuchte. Eines Wochenendes fand er an einem der Marktstände ein paar Alben mit alten Gesangsaufnahmen. Die Untersuchung des ersten Albums erbrachte Aufnahmen von Mattia Battistini, Alessandro Bonci und Riccardo Stracciari (alle sehr berühmte Sänger aus den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts, deren Platten sich in so großen Mengen verkauften, dass sie vergleichsweise einfach auch heute noch zu finden sind). Die vierte Platte war jedoch von ganz anderem Kaliber und genug, um bei einem sachkundigen Plattensammler sofortiges Herzrasen hervorzurufen - die "L'altra notte" aus Mefistofele, gesungen von Angelica Pandolfini. Um beim Besitzer des Standes keinen Verdacht zu erregen, versuchte Alfonsi seine Aufregung so gut er konnte zu unterdrücken. Er fragte sich, ob es möglich wäre, dass der Blitz an selber Stelle zweimal einschlägt und wandte seine Aufmerksamkeit dem zweiten Album zu, wobei er nachlässiger Weise das erste Albums unbewacht ließ.

Zu seiner absoluten Bestürzung sah er aus dem Augenwinkel, dass ein Rivale sich gerade daran machte, Album Nummer eins zu untersuchen, in dem immer noch die Pandolfini steckte. Schlimmer noch, er zog gerade eine Platte heraus. Für einen endlosen Augenblick war er sicher, dass es die Pandolfini war. Aber sie war es nicht. Der Rivale bezahlte für seine Battistini und ging still weiter. Alfonsi blieb zitternd zurück von dem Eindruck, dass er fast die größte Chance seines Sammlerlebens vermasselt hätte. Unfair gegenüber dem armen Händler? Überhaupt nicht! In die Welt des Sammelns von Antiquitäten aller Art oder Form ist Wissen alles.

Getty hatte bereits drei Pandolfini Platten in seiner Sammlung, so dass ihm die restlichen zwei sehr wichtig waren. Daher bot er dem jungen Sammler seinen zweiten Satz der Caruso Zonofonos im Austausch für die Pandolfini, aber, was sehr bewundernswert ist, Alfonsi lehnte es ab sich davon, zu welchem Preis auch immer, zu trennen.

Getty wollte unbedingt seinen Satz der vier Platten der schottischen Sopranistin Mary Garden, die die Rolle der Mélisande in Pelléas et Mélisande schuf, und die alle von Claude Debussy selbst begleitet wurden, abschließen. Er würde auch sicher nicht die Gelegenheit verpasst haben, die einzigartigen Testpressungen der unveröffentlichten Tosca Aufnahmen zu erwerben, gesungen von Hariclea Darclée, welche im Jahr 1939 in ihrem Besitz in der Casa di Riposo in Mailand gesehen worden waren, und dann verschwanden als sie nach Rumänien zurückkehrte, bevor der Krieg begann. Auch mindestens eine der fünf Platten der großen Meyrianne Héglon, mit Camille Saint-Saëns am Klavier, wäre herzlich willkommen gewesen.

Aber die höchste Auszeichnung - der Heilige Gral aller Plattensammler von Vokalaufnahmen - wäre der Erwerb der zwei unveröffentlichte Testpressungen mit Aufnahmen, die der legendäre Tenor Jean de Reszke für die Fonotipia Gesellschaft in Paris [...] im Jahr 1905 machte. Tragischerweise für die Nachwelt verweigerte er die Veröffentlichung und ordnete die Zerstörung der Matrizen an. Es gab immer die Hoffnung, dass Testpressungen, die für de Reszke gemacht worden sein mussten, um sie abzulehnen, irgendwo vorhanden sein könnten, aber bis heute ist die Suche danach vergeblich geblieben. So scheint die Kunst eines der am meisten bewunderten Sänger und Künstler aller Zeiten spurlos von der Erde verschwunden zu sein. Der Stoff, aus dem die Träume für jeden Plattensammler unter den Millionären gemacht wurden, besteht aus solchen Dingen.

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[ Bearbeitet Fr Mär 22 2013, 06:39 ]
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