Western Electric - Westrex Aufnahmeverfahren

Elektrische Schallplatten-Aufnahme

Aufnahmesystem Western Electric
(Westrex)


Weniger aus technischer, mehr aus geschichtlicher Sicht betrachtet die Entwicklung dieses elektrischen Aufnahmeverfahrens.


1925


Es gab schon zuvor elektrische Aufnahmeverfahren (auch war es nicht das einzige), aber zwischen 1925 und c. 1930 war das Westrex-System, vor allem in der Qualität der Aufnahmen weltweit führend. Da die Nutzung durch die Schallplattenfirmen mit hohen Lizenzgebühren verbunden war, verlor es nach 1930 durch eigene Entwicklungen der Firmen zunehmend an Bedeutung. In Deutschland wurde es von den Firmen Lindström mit Odeon, Beka und Parlophon sowie von der Electrola verwendet. In Teilen auch von der Homocord.



Western Electric (folgend WE) war eine 100%ige Tochter und die Produktions-Firma der amerikanischen American Telephone and Telegraph Company (AT&T). Bei WE fand die Entwicklung, Erforschung und Umsetzung im Bereich der Kommunikationstechnik statt. Zur weiteren Verwertung der Rechte sowie zur technischen Umsetzung der Patente war ab Januar 1925 auch die Bell Telephone Laboratories, Inc. beteiligt.

Zu Beginn der zwanziger Jahre hielt die WE die wichtigsten Patente auf Verstärkerröhren, Mikrophone, Schaltungen und Telefontechnik in den USA. Schon in den 1910er Jahren wurden wichtige Patente auf Kondensator- und Kohlemikrophone eingetragen, die dann in den zwanziger Jahren in den Aufnahmestudios zum Einsatz kamen. Hauptkonkurrent war die General Electric (GE). Diese kam ebenfalls mit einem eigenen, elektrischen Aufnahmeverfahren auf den Markt: dem sog. Light-Ray System (Dieses wurde zunächst von der DGG genutzt).

Ursprünglich wurde bei der WE das elektrische Aufnahmeverfahren für den Tonfilm entwickelt (Nadelton). 1922 war ein Vorläufer des Vitaphone-Verfahrens fertig. Auf 40 cm (16") Platten wurde der Ton mit 33 1/3 Umdrehungen elektrisch aufgenommen. So konnte die WE c. 10 Minuten pro Seite aufnehmen - die Länge einer damaligen Filmrolle. WE führte ihr Verfahren den Filmstudios vor - Die Filmfirmen lehnten jedoch um 1923/24 durchweg ab als ihnen WE diese Technik anbot. Die Umstellung der (Film) Studios und Kinos auf Tonfilm war den Firmen ein zu großes (finanzielles) Wagnis. Die WE stand quasi mit ihrer neuen Erfindung ohne Interessenten da.



Erst 1926 zeigte die Filmindustrie in den USA Interesse an dem Nadeltonverfahren. Dieser Demonstrationsfilm von 1926 zeigt das elektrische Aufnahmeverfahren. Zwar laufen diese (Tonfilm) Platten mit 33 Umdrehungen, ansonsten unterscheidet es sich nicht von der Vorgehensweise wie sie auch in den Schallplattenstudios angewendet wurde. Natürlich ohne Filmkameras...

.



Wachsschreiber der Western Electric / Vitaphone 1925 bei der Aufnahme
Ingenieur George Groves




Verstärkereinheit der WE



Die "großen Namen" in der Schallplattenindustrie (HMV, Victor, Columbia, Britisch Columbia) experimentierten zwar ab den frühen zwanziger Jahren gelegentlich mit elektrischen Aufnahmesystemen, keines schaffte es jedoch zur Marktreife. Die meisten Schneidegeräte (Schneideköpfe) basierten auf umgebauten Kopfhörerkapseln wie alte Patente zeigen. Die Qualität war nicht gut, das finanzielle Risiko zu groß.

Ende 1923 passte die WE ihr elektrisches System den Bedürfnissen der Plattenindustrie an und bot das System Anfang 1924 der Victor an. Diese lehnte jedoch ab. Die elektrisch aufgenommenen Platten konnten den Vorstand nicht überzeugen. Auch fürchtete man wieder finanziell die Umstellung.

Aus dem Patent (1923) für den elektrischen Wachsschreiber der WE
(Joseph P. Maxfield)



Vollständiges Patent
Weitere Informationen:


Schneideeinheit


Wichtiger Bestandteil des Schneidekopfes war die Bedämpfung durch ein massives Stück Gummi (Kautschuk). Erst dadurch war man in der Lage einen halbwegs linearen Frequenzgang bei der Aufnahme einzuhalten.



Schneidekopf der Western Electric ab 1925



Ende 1924 ließ die WE erneut Probepressungen (bei der Pathe/USA) von elektrischen Aufnahmen ziehen. Vorgeführt wurde diesmal mit einer neu entwickeltem Schalldose (später Victor Orthophonic) und einem Grammophon mit Expotential-Trichter. Diesmal war die Victor wesentlich beeindruckter. Die finanziellen Bedenken blieben jedoch. Die WE verlangte nur an Lizenz-Gebühren für die reine Nutzung $50,000 plus variable Lizenzen pro verkaufter Platte. Hier wurde ein Minimum von $25,000 angesetzt. Die Victor lehnte zunächst ab.

Auch der Columbia (USA) wurde das System angeboten. Diese war jedoch finanziell in noch größerer Bedrängnis als die Victor. Man konnte sich das System schlicht nicht leisten.

Im Dezember 1924 erreichten einige Probeabzüge elektrischer Aufnahmen die Columbia Graphophone Company in England. Finanziell stand die Britisch Columbia gut da - man zeigte großes Interesse an dem System und wollte Lizenzen erwerben.

Dies lehnte jedoch die WE ab - man wollte Lizenzen nur an amerikanische Firmen vergeben...
Der Eigentümer der British Columbia, Louis Sterling war Amerikaner. Kurzerhand entschloss er sich die stark angeschlagene Mutterfirma Columbia in den USA zu kaufen. Der "Deal" wurde per Telegramm fest gemacht, Kaufpreis 2,55 Millionen $. Im Februar 1925 erreichte Sterling New York und bezahlte die Rechnungen.

Sowohl Columbia USA, wie auch Britisch Columbia waren nun in Besitz der WE Lizenzen für das elektrische System. Daraufhin zog auch die Victor nach und erwarb die Rechte für die Nutzung.
Noch vor der offiziellen Unterzeichnung fanden bereits am 25. Februar 1925 die ersten Probeaufnahmen statt. Diese wurden auch veröffentlicht (Columbia - Art Gillham, The "Whispering Pianist"). Bei der Victor wurde das System im März 1925 installiert. Columbia (USA & England) erwarben die Lizenz offiziell am 22. April 1925, die Victor einen Monat später.

Western Electric Mikrophon geöffnet

Das elektrische Aufnahmesystem wurde unter dem Namen Westrex vermarktet, es bestand aus vier Hauptteilen:

  • Dem Mikrophon

  • Verstärkeranlage mit 2 - 3 Stufen (Röhren)

  • Dem neuartigen "Rubber-Line" Schneidegerät

  • Lautsprechern zum Abhören der Aufnahme


Zunächst erwarben die Firmen solch ein "Komplettsystem". Die Verstärker wurden nicht verkauft, sondern nur gemietet und blieben in Besitz der WE. Lizenzen wurden auf den Platten vermerkt. Die Victor nutzte hierfür das Kürzel VE, Columbia ein W im Kreis. Die Systeme wurden von Technikern der WE installiert und die Aufnahmeleiter eingewiesen. Man konnte außerdem Techniker der WE "anmieten" um das System zu warten und die Aufnahmeleiter (technisch) zu unterstützen.

Im Frühsommer 1925 wurden zwei Westrex-Systeme bei der Columbia in London installiert. Die ersten elektrischen Aufnahmen wurden (in England) im Juli 1925 veröffentlicht.

Durch Übernahme von Aktienpaketen erhielt die Britisch Columbia 1925 die Mehrheit über den Lindström Konzern in Deutschland. Dadurch hatte die Lindström nun auch das Recht Lizenzen an Westrex zu erwerben. WE installierte im Frühsommer 1926 weitere sechs Anlagen - in Berlin, Paris, Milan und Barcelona.




Zum Abhören der Wachsaufnahmen wurde noch ein mechanisches (!) Grammophon verwendet. Diese "Probegehörten" Aufnahmen eigneten sich nicht mehr zur weiteren Verwendung.


Ab Jahresanfang 1926 machte auch die "neue" Electrola elektrische Aufnahmen. Der Mutterkonzern HMV in England hatte ebenfalls Lizenzen der WE erworben. Somit kam dies auch bei der Electrola zur Verwendung.

Die Nutzung der verschiedenen Komponenten war etwas konfus: Zwar musste man zunächst eine (teure) Lizenz erwerben um das System überhaupt nutzen zu können, dadurch war man jedoch nicht automatisch in "Besitz" der Anlagen.

  • Die Mikrophone wurden erworben und gingen in Besitz der Plattenfirmen über. Für diese war keine weitere Lizenzierung nötig.

  • Die Verstärker wurden gemietet, sie blieben in Besitz der WE. Ein Teil der Gebühren pro verkaufter Platte fiel für die Nutzung der WE Verstärkeranlagen an.

  • Die wichtigste Komponente: Das Schneidegerät. Der Hauptteil der Gebühren/Lizenzen pro verkaufter Platte entfiel für die Nutzung dieser Technik.


Interessant in diesem Zusammenhang, der Lizenzvermerk auf der Platte (VE, W) bezog sich ausschließlich auf die Nutzung des Schneidekopfes! Auch die Lindström markte ihre Platten mit einem W für Western Electric/Westrex.

Da aber eben der Schneidekopf auf Dauer "das teuerste" am System war, suchten die Firmen durch eigene Entwicklungen Kosten zu sparen. Am einfachsten war dies bei den Verstärkern. Einen qualitativen 2 - 3 Röhren Verstärker konnte in den zwanziger Jahren selbst ein ambitionierter Radiobastler bauen - die großen Firmen erst Recht.

Somit wurden die Verstärker der WE als Erstes ersetzt. Heute sind keine originalen Verstärker der WE mehr erhalten - Diese gingen wieder an den Eigentümer in den USA zurück. Selbst bei Photos aus Studios ist oft unklar ob es sich um WE-Anlagen oder eigene Entwicklungen handelt.

Schwieriger war es schon bei den Mikrophonen - zu den qualitativ guten Produkten der WE gab es zunächst kaum Alternativen. Ab 1927 brachte die General Electric (GE), vertreten in Deutschland durch die AEG ein eigen entwickeltes Kondensator-Mikrophon auf den Markt. Dies wurde z.B. auch von der Deutschen Grammophon (DGG) ab 1927 genutzt und löste das etwas "eigenwillige" Light-Ray Mikrophon von 1925/26 ab.



Labormodell um 1924/25

Technik der WE bei Columbia - 1928




.

Wie Bilder zeigen, nutzte die Lindström mit ihren Marken Odeon, Parlophon und Beka aber mindestens noch bis 1929 auch die Mikrophone der WE. Entscheidende Neuentwicklung war erst Anfang der 30er Jahre die sog. "Neumann-Flasche" der Telefunken die dann die Mikrophone der WE ablöste.

1928 brachte die Lindström einen eigenen Schneidekopf zur Marktreife welcher nicht die Patente der WE verletzte. Am 24. Oktober 1928 wurde die erste (veröffentlichte) Aufnahme mit dieser eigenen Technik gemacht (Matrizennummer 2-21025, Parlophon P8512). Diese Aufnahmen trugen nicht mehr ein "W" als Lizenzvermerk, sondern das Lindström £ im Kreis. Es wurde jedoch noch einige Zeit mit beiden Systemen parallel gearbeitet. So finden sich bis 1932 auch mit einem W gemarkte Aufnahmen (für Westrex) im Hause Lindström.

In den Übergang vom WE zum Lindström System (W, £) fällt auch die Zeit der etwas "flachen" Aufnahmen bei der Lindström. Auffällig bei vielen Platten der Zeit Ende 1928 bis Anfang 1930, der teilweise etwas "dünne" Klang - es fehlen oft schlicht die Bässe wie man sie von Aufnahmen unter dem Westrex-System gewohnt war.

Auch in England war die Columbia bestrebt sich von den Lizenzen an die WE zu befreien. Hier beauftragte man den ehemaligen WE-Techniker Alan Blumlein mit der Entwicklung eines eigenen Schneidekopfes (Blumlein wurde später vor allem als Vater der Stereo-Technik auf Schallplatte berühmt.

Alan Blumlein mit seinem System bei der Columbia




Ende 1929 verfügte die British Columbia ebenfalls über ein eigenes (von Blumlein) entwickeltes System. Das Patent dazu wurde am 10. März 1930 eingetragen (No. 13,581/31) Die Aufnahmen wurden mit einem C gemarkt. Diese Markung findet sich auch auf Pressungen der Lindström.

Ab Ende der zwanziger Jahre konzentrierte sich die WE überwiegend auf das Geschäft mit dem Tonfilm (Nadelton & Lichtton). In den Aufnahmestudios der Plattenfirmen verlor Westrex zunehmend an Bedeutung. Anfang der 30er Jahre verfügten fast alle großen Schallplattenfirmen über eigene Entwicklungen, für die keine teuren Lizenzen fällig waren.


Dies kann (in der Kürze) natürlich nur einen groben Überblick darstellen.

Quellen u.a.:
  • Manual of Analogue Sound Restoration Link - Hier klicken
    Peter Copeland, Conservation Manager at the British Library Sound Archive

  • High Quality Recording and Reproducing of Music and Speech Link - Hier klicken
    By J P Maxfield and H C Harrison (Bell Telephone Laboratories 1926)

  • The Life and Times of A. D. Blumlein
    Russell W Burns, IEE History of Technology series


Ãœber Uns

Wir sind mehr als ein Forum! Als eingetragener Verein arbeiten wir an der Beständigkeit unserer Leidenschaft.

Ãœber uns

Wir suchen Dich!

Du schreibst Artikel, möchtest im Forum als Moderator aktiv werden? Dir liegt Social Media. Bewahre Wissen! Wir warten auf dich.

Schreib uns

Tipps

Einsteiger-Ratschläge für optimale Nutzung und wichtige Aspekte beim Grammophon und Schellackplatten-Kauf.

Zu den Informationen