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Eine große Seltenheit zum kleinen Preis
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Starkton
So Nov 24 2013, 21:10 Druck Ansicht
⇒ Mitglied seit ⇐: Mi Okt 05 2011, 21:47
Wohnort: Berlin
Beiträge: 1881
GRAMMOPHON statt GRAMOPHONE

Hier ist ein schönes Beispiel dafür, dass man auch mit einer kleinen Angel einen großen Fisch an Land ziehen kann. Bei dieser außergewöhnlichen und historisch interessanten Schallplatte handelt es sich bei erster Betrachtung um eine Berliner Militärorchesteraufnahme der The Gramophone and Typewriter Ltd. [G&T] aus den ersten Jahren nach 1900 auf 17 cm Platte, wie es sie in großer Zahl gegeben hat, und heute noch gibt. Für diese Art von Musik interessiert sich kaum jemand. Platten mit Marschmusik bekommt man deshalb zumeist sehr günstig.

Eigentlich war ich schon bei der nächsten Platte, da fiel mir eine kleine Besonderheit auf: Bei der Firmenbezeichnung auf dem Label steht das "The" mittig über "Gramophone." Zudem ist die Katalognummer 40312 auf 12 Uhr geritzt und nicht sauber eingraviert. Das sind alles Merkmale die ich von 25 cm Platten der G&T bis Sommer 1902 kenne. Zu dieser Zeit hatten die 17 cm Platten dieser Firma eigentlich noch gar kein Papieretikett, man kennt sie unter Sammlern als "Berliner Platten", und schon gar kein "raised label," d.h. ein Papieretikett auf einer erhöhten Plattform. 25 cm Platten der G6T trugen das Papierlabel zwar schon seit November 1901, ein "raised label" erhielten aber auch sie erst im Herbst 1902.



G&T 40312, mx. 2131x, aufgenommen etwa März 1902 in Berlin. Erstes Papierlabel auf 17 cm Platten der G&T. Gepresst zwischen Ende April und Mitte Mai 1902.

Die größte Überraschung erwartete mich aber auf der Rückseite. Über und unter dem Warenzeichen des "Schreibenden Engels" stand "GRAMMOPHON" und nicht "GRAMOPHONE" wie sonst immer!! Ich hatte von dieser seltenen "Abart" gehört, aber trotz 20 Jahren Sammelns noch nie eine in den Händen gehalten. 10 Euro wechselten den Besitzer und das Nachforschen begann.

Joseph Berliner, Leiter der Pressfabrik der Deutschen Grammophon A.G., einer Tochtergesellschaft der G&T, war alles andere als ein umgänglicher Geschäftspartner. Er nutzte jede Gelegenheit um der Londoner Muttergesellschaft eins auszuwischen, obwohl er einer ihrer Direktoren war. Sein Bruder Emile musste dann aus den USA vermittelnd eingreifen.

Die in Hannover hergestellten, einseitigen Schallplatten hatten damals eine ganz glatte Rückseite. Ich kenne die Gründe nicht, warum man nicht mehr damit zufrieden war. Kann sein, dass die Platten beim Abtasten durch die Stahlnadel auf dem Plattenteller durchrutschten. Man wollte jedenfalls diesen Umstand beseitigen und kam auf die Idee, das Firmenzeichen auf die Rückseite zu pressen.

Als damals einziges Presswerk der G&T presste man in Hannover für die halbe Welt. Es musste Joseph Berliner deshalb klar gewesen sein, dass die nur in Deutschland und Österreich/Ungarn gebräuchliche Bezeichnung "GRAMMOPHON" als Firmenaufdruck hier fehl am Platz war. Trotzdem setzte er ab Ende April oder Anfang Mai 1902 Pressstempel für 17 cm und 25 cm Platten mit dieser Beschriftung ein.



Erste, nur kurzlebige Version des Firmenaufdrucks auf der Plattenrückseite mit "GRAMMOPHON" statt "GRAMOPHONE".

Die Antwort aus London kam prompt. Am 15. Mai 1902 erhielt Joseph Berliner Post von der Geschäftsführung der G&T mit der Anweisung, die Pressstempel sofort gegen solche mit "GRAMOPHONE" auszutauschen. Als Folge dessen sind die Stempel nur zwei oder drei Wochen im Einsatz gewesen und nur einige Zehntausend der vielen Millionen Schallplatten aus Hannover tragen diese Besonderheit.

Es gibt den Stempel "GRAMMOPHON" manchmal auf der Rückseite von 17 cm Berliner Platten, d.h. ohne Papierlabel, aber nur äußerst selten auf 17 cm G&T Platten, d.h. mit Papierlabel. Die Deutsche Grammophon A.G. hatte erst im April 1902 das "raised label" als Gebrauchsmuster eintragen lassen. Offenbar nutzte sie die Gelegenheit des geänderten Stempels um das Papierlabel samt "raised label" auf 17cm Platten testweise einzuführen. Nur einige wenige Exemplare gab es, bevor diese Labelvariante im Oktober 1902 allgemein eingeführt wurde.

Schaut doch mal in Eurer Sammlung nach einer solchen Platte und stellt sie hier vor. Einige schlummern sicher noch unentdeckt irgendwo.
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krammofoon
So Nov 24 2013, 21:43
Schellack-Gnadenhof
⇒ Mitglied seit ⇐: Mo Jun 27 2011, 20:47
Beiträge: 1214
*seufz*....... da brauch´ ich gar nicht erst zu gucken, denn so was feines habe ich definitv nicht!

Allerdings hätte ich die für 10 Euro auch genommen; das kann ich Dir versichern - auch ohne zu wissen, wie hier der ganze Hintergrund war/ist.
Eine spannende Geschichte ist es aber allemal.

Gruss
Georg
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78erhortig
Mo Nov 25 2013, 07:06
⇒ Mitglied seit ⇐: Do Apr 04 2013, 12:53
Wohnort: Graz
Beiträge: 175
genau, und darum sollte man halt, wie schön öfters hier das ebay doch nicht verteufeln. ich hab nicht nur einmal was seltenes an land ziehen können, weil der verkäufer es "falsch "geschrieben oder beschrieben hat, zB. eine seltene platte des bluespianisten Walter Roland, der auf grund des schlechten lables als Walter Soland eingestellt wurde...

gruß aus graz
michael
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