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Foren > Phonographen > Walzen und frühe Tonaufnahmen
Die Leiden eines Aufnahme-Technikers 1905
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Grammophonteam
So Aug 02 2015, 13:48 Druck Ansicht
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Ein recht humoriger Artikel aus der Phonographischen Zeitschrift vom 26. Juli 1905. Ein Berliner Aufnahmetechniker beschließt, um Geld zu sparen, seine Walzenaufnahmen in der Provinz mit einer örtlichen Kapelle durchzuführen. Dabei stößt er auf erhebliche Schwierigkeiten - bis hin zu verkaterten Musikern... Vielleicht auch eine Erklärung warum sich so manche alte Einspielung heute für unsere Ohren etwas "Gewöhnungsbedürftig" anhört.


Leiden eines Aufnahme-Technikers


Ich war zu dem Entschluss gekommen, zur Aufnahme von Orchestervorträgen von den Berliner Kapellen ganz abzusehen, denn ein guter Freund hatte mir gesagt, dass in seiner Heimat, ein Residenzstädtchen R. die städtische Kapelle die Sache ebenso gut und viel billiger machen würde. Da ich meinen Freund als zuverlässig kannte und tatsächlich die Honorare der Berliner Kapellen mit der Zeit immer höher geworden sind, wechselte ich mit dem betreffenden Kapellmeister einige Briefe, und es wurde die. Zeit verabredet, wann ich mit meinem Apparat und Walzen nach R. fahren sollte. Ich rechnete mir heraus, dass ich einige hundert Mark bei dem Geschäft sparen würde.

Zweihundert extra gute, fein und sauber abgeschliffene Aufnahme-Walzen standen bereit, mein Aufnahme-Apparat mit einigen tadellosen Aufnahme-Membranen war eingepackt, und eines Morgens ging die Reise vom Stettiner Bahnhof ab. In R. angelangt, galt es zuerst ein geeignetes Lokal ausfindig zu machen. Das bot keine grosse Schwierigkeiten, ein grosser Saal wurde mir bald zur Verfügung gestellt, als ich aber nun den Herrn Kapellmeister aufsuchte, begannen die Tücken. „Es tut mir wirklich leid, sagte er, aber Sie müssen sich unbedingt noch einen Tag gedulden, heute ist gerade mein Geburtstag und ich habe meine Kapelle zu einer kleinen Festlichkeit eingeladen.“

Was war da zu machen, den Geburtstag konnte ich nicht gut verlegen, aber weshalb der Kapellmeister mir das nicht vorher gesagt hatte, ist mir noch heute ein Rätsel. Ich ergab mich daher in mein Schicksal und hatte Gelegenheit, in den vierundzwanzig Stunden unfreiwilliger Musse mir die Schönheiten des Städtchens innerhalb und ausserhalb seiner Mauern anzusehen.



Am folgenden Morgen fand ich mich frühzeitig bei dem Kapellmeister ein, aber die Anstrengung des vorhergehenden Abends mochte wohl etwas gross gewesen sein, man bat mich, in zwei Stunden wiederzukommen. Als ich dann wieder erschien, stand er auch schon bereit, mit mir zu gehen: „Es ist schon alles bereit, sagte er, kommen Sie nur mit.“ Als wir in dem grossen Saal. des ersten Hotels der Stadt anlangten, waren auch schon einige Musiker da. Ich hatte verabredet, dass mit nur vierzehn Mann die Aufnahme hergestellt werden sollte, aber jetzt kam er damit heraus, dass er zweiunddreißig Mann bestellt hatte. Es ginge nicht anders, er hätte hin und her überlegt, es wäre nicht möglich, einzelne Stimmen herausfallen zu lassen, ohne dass der Charakter der Stücke durchaus verändert würde.

Ich war wie auf den Kopf geschlagen, zweiunddreißig Mann kosteten mehr als das Doppelte als vierzehn Mann, und was die Berliner Kapellen als Kleinigkeit betrachteten; die Noten für 14 einzelnen Stimmen so zu verändern, dass nichts fehlte, das stiess hier auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Jetzt ginge nun an das Verhandeln: Ich setzte dem Kapellmeister auseinander, dass es rein unmöglich sei, zweiunddreißig Mann so vor den Trichter zu platzieren, dass auch nur ein einigermassen gutes Resultat erzielt werden konnte und wir einigten uns dann zuletzt auf vierundzwanzig Mann.

Einige der hauptsächlichsten Mitglieder der Kapelle glänzten aber durch Abwesenheit und nach Verlauf einer Stunde waren immer noch nicht alle vollzählig. „Wir können aber schon einmal Probe spielen“ sagte ich ihm, damit wir nicht länger zu warten brauchen und nun ging die Sache los. Der Kaiser Friedrich-Marsch sollte zuerst aufgenommen werden. Ich liess die Walze laufen, ohne dass die Membran schnitt, nur um zu sehen, wie die Lange des Stückes auskam. Jetzt stellte sich aber heraus, dass einige der Herren in einem Zustand waren, welcher es ganz ausgeschlossen erscheinen liess, dass heute etwas vernünftiges aufzunehmen sei. Offenbar lag ihnen die Geburtstagsfeier noch in den Gliedern, sie hatten wenig oder gar nicht geschlafen, es wurde also heute wieder nichts und einen weiteren Tag meiner kostbaren Zeit konnte ich mit dem Studium der Schönheiten des Städtchen und seiner Umgebung verschwenden.

Am dritten Tage endlich ging es los. Bei der Probe des Kaiser Friedrich-Marsches stellte sich heraus, dass trotz der Kürzung durch Weglassung einiger Stellen die Sache etwas zu lang war. „Es lässt sich nichts machen“ sagte der Kapellmeister, ich kann nichts mehr kürzen.“ „Aber das muss doch ganz leicht sein, entgegnete ich, die Herren in Berlin machen es doch auch“ und nun setze er sich wirklich hin und überlegte, was zu kürzen war. Den einzelnen Musikern wurde das Resultat mitgeteilt und es ging von vorn los.

Es schien auch zu klappen, die Länge stimmte und nun wurde die erste Aufnahme gemacht. — Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Schwierigkeiten jetzt folgten, im Schweisse meines Angesichts habe ich acht Stunden hintereinander gearbeitet, klappte ein Stück bei der Probe, so konnte ich sicher sein, dass bei der wirklichen Aufnahme irgend einer der Herren Musikanten ein paar Takte, die er auslassen musste, doch spielte und. die Walze war verdorben, ging es aber einmal gut, so stellte sich bei dem Abhören der Walze heraus, dass der Klarinettist mitten in der schönsten Stelle vor Begeisterung plötzlich sein Instrument direkt in den Trichter gehalten und ein unglaublich schriller Ton die ganze Walze verdorben hatte. Das Resultat des Tages waren dreissig verunglückte Aufnahmen, ausserdem eine Erleichterung meines Portemonnaies um einen ganz anständigen Betrag und als ich mich abends in meinem Hotelzimmer im Spiegel besah, hatte ich die grösste Lust, mich selbst zu ohrfeigen.


Was war nun zu tun? Ich stand schon im Begriff, nach Berlin zurückzureisen, als der Wirt von meinem Unglück erfuhr. „Aber so gehen Sie doch nach dem benachbarten Seebad N.‚ sagte er, dort ist eine Kapelle, deren Kapellmeister ein hervorragender Künstler ist und sicher wird der Mann Ihnen alles nach Wunsch machen.“ Ich liess mich wirklich überreden, packte meine sieben Sachen wieder zusammen und fuhr nach N. Der Kapellmeister war ganz ethusiasmiert, mit Vergnügen will er den Auftrag übernehmen und das Honorar, das er forderte, war noch geringer‚ als das des anderen. Aber herausgekommen ist bei dem Versuch auch nichts.

Ich bin wieder in Berlin, um Mark 300,- leichter und habe Herrn Büchner Auftrag gegeben, sobald er könnte, mit seiner Kapelle bei mir zu spielen.

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