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Richard Tauber
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shellackotto
Di Jan 10 2023, 22:08
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Sehr interessant. Danke für den Beitrag!

In den Odeon Neuerscheinungen für September 1933, die Mitglied SchellackFreak dankenswerterweise hier eingestellt hat Link - Hier klicken, werden in der Tat noch vier Richard Tauber-Platten beworben:
Odeon O-4531 Heimgefunden / Schenk' mir dein Herz (wohl die Neuerscheinung)
und "drei besonders beliebte Tauber-Platten"
Odeon O-4998 Alle Tage ist kein Sonntag / Mein Himmel auf der Erde
Odeon O-4508 Tosca: Und es blitzten die Sterne / Tosca: Wie sich die Bilder gleichen
Odeon O-4978 Es muß ein Wunderbares sein / Der Sieger (Taufrisch glänzen die Blumen)

Die Frage ist jetzt, ob das der letzte Katalog ist, in dem Tauber erscheint?


[ Bearbeitet Di Jan 10 2023, 22:56 ]
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shellackotto
Di Jan 10 2023, 23:22
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Hier ist ein Odeon-Neuerscheinungskatalog vom November 1934, den ich nun, Dank der neu überarbeiteten Suchfunktion, zum ersten Male sehe (hochgeladen von LoupingLoui):
Link - Hier klicken
Auf Seite 12 erscheinen zwei Tauber-Platten aus der Operette "Der singende Traum" (Musik: Richard Tauber, Text: Ernst Marischka), mit dem Ochester des Theaters an der Wien unter der Leitung von Anton Paulik:

Odeon O-4540: Richard Tauber: "Sonja, ich liebe dich" / "Du bist die Welt für mich" und
Odeon O-4541 Richard Tauber und Mary Losseff: "Sagen dir nicht meine Augen" / "Sing mir ein Liebeslied"


[ Bearbeitet Di Jan 10 2023, 23:50 ]
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shellackotto
Di Jan 10 2023, 23:42
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Noch etwas Einschlägiges gefunden:
Gast schrieb ...

78erhortig schrieb ...

- in deutschland die Rassengesetzte, und somit die kollektive vernichtung von platten
jüdischer künstler

Hallo Michael,

diesen Punkt muß man ganz eindeutig einschränken.
Richard Tauber war 1938 noch nahezu vollständig im Odeonkatalog, Lotte Lehmann noch 1940. (Quelle: Katalog, Aristodemo)

Irgendwo im Forum haben wir auch einen Hinweis, daß die Comedian Harmonistes noch lange nach ihrem Auftrittsverbot sich sehr wohl im Hauptkatalog befanden.

Nach diesen Hinweisen war es eher ein langsamer Ausverkauf, als eine nennenswerte "Massenvernichtung".

Vielleicht kann ein Mitglied, welches im Besitz entsprechender Kataloge ist, mal nachsehen, wann Max Hansen, Dreigroschen-Oper usw. nicht mehr verzeichnet waren.

Außerdem kann der Rundfunk und Politpropaganda jener Jahre keineswegs 1:1 auf den Plattenmarkt übertragen werden. Das haben wir mit Quellen und Beweisen im Thema "Fakten und Mythen" nachgewiesen.

Gruß, Nils
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shellackotto
Di Jan 10 2023, 23:49
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Dies wird bestätigt von Eric Levi, "Music in the Third Reich", New York, NY, 1994, Seite 141:
"It took five years before the work of Jewish composers and recordings by Jewish performers disappeared entirely from the German catalogues. The Carl Lindström Company proved especially unwilling to forego the profits earned from their extremely popular records made by the singer Richard Tauber and the violinist Fritz Kreisler. Nevertheless, by 1938, they could no longer withstand the pressure of organised anti-semitism and were forced to relinquish almost half the items in their Odeon catalogue. Even a recording of Bruckner's Te Deum had to be removed because one of the soloists was of Jewish birth."

Fall irgendjemand Odeon-Kataloge von 1937/1938 hat, die diesen Wandel belegen (Barnabás?), würde ich mich sehr freuen. Unter den Neuerscheiningen von Anfang 1939 ist Tauber auf jeden Fall nicht mehr zu finden:
Januar 1939
Link - Hier klicken
Februar 1939
Link - Hier klicken
April 1939:
Link - Hier klicken
Dasselbe gilt für den Auswahl-Katalog "Für jeden etwas", der ebenfalls aus dem Jahre 1939 stammen muss:
Link - Hier klicken

[ Bearbeitet Mi Jan 11 2023, 00:24 ]
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Musikmeister
Mi Jan 11 2023, 19:52
Autor
⇒ Mitglied seit ⇐: So Aug 21 2011, 21:23
Wohnort: Hamburg
Beiträge: 1033
Im Odeon-Hauptkatalog 1936/37 (Stand: Juli 1936) sind noch 15 Seiten mit Platten von Richard Tauber gelistet.
Im Odeon-Hauptkatalog 1938/39 (Stand: September 1938) keine einzige Platte mehr von Richard Tauber.
Den Katalog 1937/38 finde ich leider momentan bei mir nicht.
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shellackotto
Mi Jan 11 2023, 23:17
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
Wohnort: USA
Beiträge: 83
Danke, das ist schon sehr hilfreich! Spätestens ab September 1938 waren seine Platten also nicht mehr im Programm. Dass die Auflistung seiner Scheiben 1936-1937 noch 15 Seiten einnahm, erklärt, warum Odeon zögerte, ihn so einfach zu streichen.
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schuetzo
Sa Jan 14 2023, 12:39
⇒ Mitglied seit ⇐: So Okt 27 2013, 12:14
Wohnort: Großmaischeid
Beiträge: 24
Hallo zusammen,

ich habe vor Jahren mal in einer Hermann-Göring-Biographie gelesen, das dieser ein großer Verehrer von R. Tauber war & sich vor Neuerscheinungen diverse Exemplare hat vorbestellen lassen.

Als dann 1938 das Verkaufsverbot kam, hat er sich Ersatzexemplare von der französischen ODEON aus Paris schicken lassen ...... .

Viele Grüße,
Thomas

[ Bearbeitet Sa Jan 14 2023, 12:40 ]
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shellackotto
Do Jan 19 2023, 09:13
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Derek B. Scott, im Kapitel "Postlude: The Demise of Operetta" in seinem Buch "German Operetta on Broadway and in the West End, 1900-1940, berichtet ähnliches über Göring:
"Tauber had married English actress Diana Napier in 1936, and she recollects that Hermann Göring, who was an admirer of Tauber’s singing, came over to their table at a restaurant in Munich to warn him of the danger facing him in Germany." Link - Hier klicken

Das setzt natürlich voraus, dass Tauber sich 1936 noch nach München wagte. Seine spätere Frau, Diana Napier, die er im Juni 1936 heiratete, behauptet in ihren 1959 veröffentlichten Erinnerungen ("My Heart And I", Seite 90), dass Tauber um den 1. März 1936 herum von Östereich aus nach München zum Mittagessen gefahren sei, ein Ausflug der "almost ended in disaster," aber es fällt mir schwer, das zu glauben.

[ Bearbeitet Do Jan 19 2023, 16:57 ]
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shellackotto
Do Jan 19 2023, 09:25
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Zur Frage des Plattenbannes schreibt Evelyn Steinthaler in ihrer Tauber-Biographie "Morgen muß ich fort von hier", Seite 101:
"Verzögerungen wie das Verbot der Produktion, Verbreitung und des Abspielens von Taubers Schallplatten, das im Dezember 1937 von der Reichsmusikkammer ausgesprochen wurde und mit Jahresbeginn 1938 in Kraft trat, standen damit im Zusammenhang, dass die Nationalsozialisten in den ersten fünf Jahren keinen Zugriff auf die in privaten Händen befindlichen Plattenfirmen fanden. Taubers Tantiemen, auf die er durch die Flucht keinen Zugriff mehr hatte, flossen allerdings direkt in die Staatskassen. Nach dem Inkrafttreten des Verbots gab es in Deutschland keine Schallplatten mit Taubers Stimme zu kaufen. Die Plattenfirmen aber produzierten vorerst weiter: für den Export."

Das bestätigt, was Polyfar41 weiter oben zitierte, außer dass Sophie Fetthauer das tatsächliche Verkaufsende als 1. April 1938 angibt (was sicher richtig ist):
Polyfar41 schrieb ...

In Sophie Fetthauers Buch "Deutsche Grammophon Geschichte eines Schallplattenunternehmens im Dritten Reich" wird ein "Verbotskatalog" der DGG erwähnt, der auf 22 Seiten über 750 Titel auflistet und in dem folgender Text steht:
"Zufolge Verfügung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda vom 17. Dezember 1937 sind alle Schallplatten, an denen nichtarische Autoren oder Künstler mitgewirkt haben, mit Wirkung vom 1. April 1938 für den Verkauf in Deutschland verboten."
Das ist also offenbar der Zeitpunkt, an dem die "Schonzeit" der Plattenfirmen vorbei war. Nun mussten sie handeln und die betroffenen Aufnahmen aus dem Vertrieb nehmen.


[ Bearbeitet Fr Jan 20 2023, 23:25 ]
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shellackotto
Fr Jan 20 2023, 23:38
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Karl Kraus soll das böse Wort vom "Schmalztenor" über Richard Tauber geprägt haben. Evelyn Steinthalers Tauber-Biographie (Seite 65) zitiert die Passage im Zusammenhang. Über eine Vorstellung von Lehárs "Zarewitsch" schreibt Kraus in der "Fackel" vom Oktober 1929:

"Tauber verrät schon jetzt, daß das Tauber-Lied der neuen Lehár-Operette den Refrain „Dein ist mein ganzes Herz“ hat. Da muß Europa in Fransen gehen vor Begeisterung. Bei Lehárs „Zarewitsch“ wird eine unbeschäftigte Dame in die Proszeniumsloge gesetzt, wirft bei der fünften Wiederholung von „Willst du…“ Blumen vor die Füße des Schmalztenors, worauf er sich zu ihr wendet, direkt zu ihr empor, und für sie ein sechstes Mal „Willst du“ macht. Ich habe es gesehn. Kotzenswürdigeres hat sich nie in einem Theaterraum begeben; das Publikum winkte mit Tüchern. Bei „Dein ist mein ganzes Herz“ wird sich Ähnliches abspielen."

Karl Kraus scheint sich vor allem über den Personenkult um Tauber geärgert zu haben. Man fragt sich, was er zur Beatlemania gesagt hätte. Tauber war's sicher egal. Dem Publikum gefiel's, und der Erfolg gab ihm recht. Ich hoffe, er hat über Grantler wie Kraus ganz einfach gelacht.

[ Bearbeitet Sa Jan 21 2023, 01:42 ]
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shellackotto
Sa Jan 21 2023, 07:17
⇒ Mitglied seit ⇐: Di Feb 15 2022, 21:53
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Beiträge: 83
Karl Kraus' Prophezeihung, dass "sich Ähnliches abspielen" werde mit dem Tauber-Lied "Dein ist mein ganzes Herz" aus dem "Land Des Lächelns" war übrigens korrekt. Die Operette, im Oktober 1929 in Berlin uraufgeführt, wurde Lehárs größter Erfolg, und das Lied "Dein ist mein ganzes Herz" wurde zu Taubers Erkennungsmelodie, die er in den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod 1948 über 15.000 Mal gesungen haben soll (Steinthaler, Seite 86).



Die B-Seite bot das nicht minder berühmte "Immer nur lächeln":



(Diese Version mit dem B.I.E.M.-Zeichen ist eine Nachpressung von ca. 1930).
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Musikmeister
So Jan 22 2023, 14:36
Autor
⇒ Mitglied seit ⇐: So Aug 21 2011, 21:23
Wohnort: Hamburg
Beiträge: 1033
shellackotto schrieb ...

Karl Kraus' Prophezeihung, dass "sich Ähnliches abspielen" werde mit dem Tauber-Lied "Dein ist mein ganzes Herz" aus dem "Land Des Lächelns" war übrigens korrekt. Die Operette, im Oktober 1929 in Berlin uraufgeführt, wurde Lehárs größter Erfolg, und das Lied "Dein ist mein ganzes Herz" wurde zu Taubers Erkennungsmelodie, die er in den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod 1948 über 15.000 Mal gesungen haben soll (Steinthaler, Seite 86).


Durch Taubers Verbindung mit Lehár und den Gebrüdern Rotter in Berlin konnte da nichts schief gehen.
Es wurde ein Erfolg, obwohl die Operette in einer früheren Version bereits 1923 (Die gelbe Jacke) mit mäßigem Erfolg aufgeführt wurde. Interessant ist auch die Übernahme der Verlagsrechte der Operette im Jahre 1938 nach dem Anschluss Österreichs und der Arisierung des Wiener Verlages Karczag durch den Glocken-Verlag, an dem auch Lehár beteiligt war. Links das Original-Textbuch der Gesänge von 1929, rechts das Exemplar nach der Arisierung und der Verlagsübernahme im Jahre 1938.
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