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Foren > Phonographen > Walzen und frühe Tonaufnahmen
Die Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II. auf Phonographenwalze
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Limania, DGAG, Der_Designer
Autor Eintrag
Starkton
So Nov 11 2012, 22:15 Druck Ansicht
Dabei seit: Mi Okt 05 2011, 21:47
Wohnort: Berlin
Einträge: 1927
Heute Abend wurde im Bayerischen Fernsehen als Teil der Sendung "Schwaben & Altbayern" ein Beitrag mit dem Titel: "Tonaufnahme Wilhelms II. gefunden" ausgestrahlt. Darin wurde der Eindruck erweckt, dass eine im Landkreis München aufgefundene braune Wachswalze mit Auszügen der "Hunnenrede" vom Kaiser selbst besprochen worden sei. Angeblich wäre auf der Walze die älteste deutsche Aufnahme mit einem politischen Text.

Ich wurde bereits im Juni 2012 bezüglich dieser Walze kontaktiert, hörte damals zum ersten Mal davon und habe sogleich Herrn Bruderhofer für die Abspielung und Digitalisierung vorgeschlagen. Leider hatte das Fernsehteam des BR dann eigene Ideen wie es mit dem "brisanten" Material an die Öffentlichkeit gehen wollte. Dass der Kaiser selbst ins Spiel gebracht werden musste überdeckt die eigentliche Bedeutung des Fundes als zeittypisches Kuriosum.

Damit der Kaiser nicht für alle Zukunft die Stimme eines professionellen Phonographensprechers zugeordnet bekommt, habe ich bereits einen Tag vor Ausstrahlung der Sendung eine Mail mit meinen Kritikpunkten an das Bayerische Fernsehen gesandt.

Ich schließe aus der Summe folgender Gründen, dass es sich bei dem Sprecher der "Hunnenrede" nicht um Kaiser Wilhelm II. gehandelt haben kann, und die Walze nicht im Jahr 1900 aufgenommen wurde:

1. Weder Sprachcharakteristik noch Sprechgeschwindigkeit des Redners passen zu den überlieferten Tonaufnahmen des Kaisers.

2. Der Redner hat einen Berliner Dialekt mit stark betontem "r" und ist ein erfahrener Phonographensprecher der gleichmäßig laut und kräftig spricht. Beides trifft auf die Tonaufnahmen des Kaisers nicht zu.

3. Die Geschwindigkeit der Walze beträgt 160 Umdrehungen pro Minute. Diese Geschwindigkeit wurde für kommerzielle Aufnahmen im Jahr 1902 eingeführt. Davor hatten die Walzen üblicherweise Geschwindigkeiten von 120 bis 125 UpM. Herr Bruderhofer der die Überspielung und Digitalisierung vornahm schätzte als obere Datumsgrenze das Jahr 1906. Ein Entstehungsdatum der Aufnahme zwischen 1902 und 1906 scheint daher plausibel.

4. Der Redetext wurde gekürzt um auf die Walze zu passen. Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass der Kaiser der Kürzung seiner Rede zugestimmt hätte. Aus Punkt 3. wird deutlich warum die Speicherkapazität der Walze nicht mittels Reduzierung der Drehgeschwindigkeit vergrößert wurde.

5. Die frühesten Tonaufnahmen des Kaisers sind erst für den 24. Januar 1904 belegt. Dabei handelt es sich um 2 Walzen für ein geplantes Archiv von Stimmen berühmter Persönlichkeiten an der amerikanischen Harvard University, des National Museums und der Library of Congress in Washington. Es wurde ausdrücklich zugesichert, dass die Aufnahmen nicht veröffentlicht werden würden. Der Kaiser zog sich dafür mit seinem Kammerdiener, der in der Bedienung des Phonographen unterwiesen worden war, in seine Privatgemächer zurück. Die Aufnahmen entstanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und haben keine Ansage. Beide Aufnahmen sind ohne Bezug zur "Hunnenrede."

6. Es existiert keine historische Quelle, dass der Kaiser jemals eine Aufnahme der "Hunnenrede" gemacht hat. Damalige Fachblätter, wie z.B. Die Phonographische Zeitschrift, hätten über solch ein Ereignis ausführlich berichtet - wie sie es auch über die Tonaufnahmen von Januar 1904 taten.

7. In der Ansage ist lediglich von der "Ansprache seiner Majestät" die Rede. Wäre tatsächlich Kaiser Wilhelm II. der Sprecher hätte die Ansage lauten müssen: "Es spricht seine Majestät der Kaiser" oder "Gesprochen von seiner Majestät."

8. Durch die für kommerzielle Walzen typische Ansage wird deutlich, dass es eine für den Verkauf bestimmte Aufnahme ist. Dieser hätte der Kaiser niemals zugestimmt.

9. Nachgesprochene Reden waren zur Phonographenzeit nichts Ungewöhnliches. Sie wurden z.B. auf Jahrmärkten gegen Eintrittsgeld vorgeführt. Schon deshalb hätte sich der Kaiser niemals dazu bereit erklärt dem Phonographen "unkontrolliert" seine Stimme zu verleihen.

Ich bin mal gespannt wie sich das Ganze in den nächsten Tagen entwickelt. Hoffentlich behält die Vernunft die Oberhand ...

Nachtrag, 13.11.2012: Die Titel des Beitrages wurde in "Tonaufnahme der Rede Wilhelms II. gefunden" geändert, was ich sehr begrüße.

[ Bearbeitet Mo Mai 05 2014, 12:31 ]
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snookerbee
So Nov 11 2012, 22:52
"Urgestein"

Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 1796

Ich weiß eigentlich nichts über den historischen Hintergrund dieser Geschichte bis auf das, was Du hier geschrieben hast. Aber die Art und Weise, wie der Sender das Thema anpackt, zeigt doch, wie oft schon mit Ereignissen der moderneren Zeitgeschichte umgegangen wurde: interessenorientierte Berichterstattung.

Einerseits wird auf der Internetseite von BR die Überschrift "Tonaufnahme Wilhelms II. gefunden" platziert. Im Beitrag jedoch sagt keiner der befragten Experten, daß es sich um eine Aufnahme Wilhelm's handelt. Er "könnte" es gewesen sein, sagt die Sprachexpertin.

Die Frage ist nur, wem dieses "brisante" Material hier wohl wieder nützt? Ich bin auch gespannt, was sich da noch entwickelt.

[ Bearbeitet Mo Nov 12 2012, 00:00 ]
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Willi-H-411
Mo Nov 12 2012, 06:59
Dabei seit: Mi Okt 12 2011, 11:42
Wohnort: Ruhrpott
Einträge: 1377
Ich habe jetzt nur mal in die "Kaiser-Rede" reingehört. Gehörmäßig bin ich der Meinung, das ist nicht der Kaiser.

Es gibt doch diese Aufnahme zum Beginn des I. Weltkrieges ("Mitten im Frieden überfällt uns der Feind...). Da klingt die Stimme ganz anders. Vor allem aber ist die Betonung der einzelnen Wörter vollkommen anders.

Daß der Niveau-Unterschied zwischen Privatfernsehen und Öffentlich-Rechlichem immer kleiner wird, macht sich doch schon seit Jahren bemerkbar.

VG Willi


[ Bearbeitet Mo Nov 12 2012, 06:59 ]
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Gast
Mo Nov 12 2012, 10:03
Gast
In dem Bericht sprechen Experten+Historiker viel und lange.

Nur von der Walze wird immer wieder nur ein Sekunden-Schnipsel eingespielt "..Gefangene werden nicht gemacht".

Das geht an sich schon am Titel des Berichts etwas vorbei und ist eher ein politisches Statement über jene Zeit aus heutiger Sicht.

Die Rede an sich ist in verschiedenen Fasungen bekannt, das wird korrekterweise auch erwähnt.
Inhaltlich ist es für einen Menschen mit Geschichtsbildung also keine Sensation.

Was man aus dem wirklich ärgerlich kurzen Ausschnitt schließen kann: hier spricht ein Mann mit stimmlicher Ausbildung, also sehr wahrscheinlich ein Schauspieler.

Wenn man dazu alle schon erwähnten Fakten miteinrechnet, kommt zu diesem Fazit.

Gruß, Nils

PS:
Von meiner Kritik nehme ich Norman Bruderhofer (Veritas) natürlich aus !
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snookerbee
Mo Nov 12 2012, 10:24
"Urgestein"

Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 1796

Ja, die Szene aus Norman Bruderhofer's Labor ist der wahre Höhepunkt des Fernsehbeitrags und leider viel zu kurz. Hier kann man gut sehen, wie sein Abspielgerät funktioniert.

In der Szene im LKA, wo man mit Hilfe von Geschwindigkeitsänderung die Identität des Sprechers zu beweisen versucht, wird auch ganz kurz deutlich, daß in der Vergleichsaufnahme des Kaisers dieser eine andere Aussprache des rollenden "r" hat.

[ Bearbeitet Mo Nov 12 2012, 10:24 ]
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Willi-H-411
Mo Nov 12 2012, 11:40
Dabei seit: Mi Okt 12 2011, 11:42
Wohnort: Ruhrpott
Einträge: 1377
Hier mal als Vergleich die tatsächliche Stimme des Kaisers:






[ Bearbeitet So Jan 21 2018, 15:24 ]
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Starkton
Mo Nov 12 2012, 12:13
Dabei seit: Mi Okt 05 2011, 21:47
Wohnort: Berlin
Einträge: 1927
Man muss bedenken dass zwischen den beiden Aufnahmen etwas über 10 Jahre liegen. In dieser Zeit hat sich sowohl die Aufnahmetechnik verbessert als auch die Stimme des Kaisers verändert. Die Aufnahme von 1904 (Januar 1904 für die Harvard University), siehe meinen Post oben, könnte zudem von einer der Raubkopien gezogen sein, welche die American Trading Co. Ende 1905 unberechtigterweise auf Lambert Zelluloidwalzen herausbrachte. Das würde die schlechte Qualität erklären.

Die wenig "geschmeidige" Sprechweise von Kaiser Wilhelm II. mit gelegentlich verschluckten Vokalen bleib aber gleich. Er hatte eben keine laute und deutlich akzentuierte Stentorstimme. Als Phonographensprecher hätte er jedenfalls keine Karriere gemacht. Die Dame vom LKA hatte sicher nur wenig Zeit das Material anzuhören, und wohl auch keine Erfahrung mit über 100 Jahre alten Tonaufnahmen, ansonsten wäre ihr der Unterschied zur "Hunnenrede" sofort aufgefallen.
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veritas
Mo Nov 12 2012, 12:27
Dabei seit: Do Jun 28 2012, 17:52
Wohnort: Allgäuer Provinzpampa
Einträge: 502
Hallo zusammen und vielen Dank für die netten Feedbacks zu meinem kleinen Teil im Beitrag. Die nächsten Wochen bin ich mittem im Umzugsstreß und daher dankbar, daß Stephan (Starkton) die Sache ausführlich dargelegt hat.

Ich war leider auch bis kurz vor der Ausstrahlung über das Ergebnis im Beitrag nicht informiert, hatte aber schon am Drehtag meine Überzeugung geäußert, daß hier nicht der Kaiser spricht.
Ich denke mal, man hat sich die Sensation einfach zu sehr gewünscht. Den Autor möchte ich wirklich nicht in die Pfanne hauen, er war äußerst engagiert und fair. Nur leider kann ich es so auch nicht stehen lassen.

Bisweilen ist aber auch in meinem Bekanntenkreis niemand von der Stimmengleichheit beider Aufnahmen überzeugt. Ich gehe daher davon aus, daß die Sache nicht wirklich hohe Wellen schlagen wird.
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Rundfunkonkel
Mo Nov 12 2012, 13:57
Dabei seit: So Jul 03 2011, 16:48
Wohnort: Umkreis Köln
Einträge: 1108
Schwieriges Thema, zumal die damalige Aufnahmetechnik detaillierte Akzente einer Stimme verschwinden lässt. Bei Willis verlinkten Video empfinde ich die Abspielgeschwindigkeit als möglichweise zu hoch. Ich habe mal von phonetischen Untersuchungsmöglichkeiten mittels Softwarebewertung gehört, hatte das BKA so etwas nicht?

[ Bearbeitet So Jan 21 2018, 15:26 ]
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Starkton
Mo Mai 09 2016, 14:49
Dabei seit: Mi Okt 05 2011, 21:47
Wohnort: Berlin
Einträge: 1927
Ich habe einen interessanten Fund bezüglich der "Hunnenrede" des Kaisers in Bremerhaven am 27. Juli 1900 gemacht. (Quelle: Das Vaterland, 41. Jg., Nr. 215, Wien, 7. August 1900, S. 5)



Die Meldung wird im Salzburger Volksblatt vom 7. August 1900 wiederholt, mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass die letzte Zeile abweicht. Dort heißt es: "Der Mann mit dem Phonographen im Gewande kann dem "Reichsanzeiger" unangenehm werden."

Leider konnte ich in den folgenden Ausgaben nichts mehr darüber finden. Bei Gelegenheit muss ich die Berliner Zeitungen von Anfang August 1900 nach der ursprünglichen Pressemeldung der Columbia Phonograph Co. durchsuchen.

Behauptet die Gesellschaft dort tatsächlich, dass der Kaiser selbst spricht - oder gibt deren Walze nur den Wortlaut wieder?! Zu dieser Zeit waren mehrere, meist "entschärfte" Versionen im Umlauf. Die Behauptung, man hätte die authentische Version, war zumindest kühn, aber auf alle Fälle ein gelungener Coup, um auf sich aufmerksam zu machen.
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SchellackFan85
Mo Mai 09 2016, 16:17
Dabei seit: Mo Mai 05 2014, 11:30
Wohnort: Munich
Einträge: 96
Und das alles wegen einer Biene namens Maja und dem bereits verstorbenem Vater meines Lieblingsbuchhändlers.
Link zum Artikel von Spiegel
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