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Foren > Musik, Tanz, Theater und Tonfilm > Musik > Sonstiges
Karneval und Fasching: Karl Berbuer
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Limania, DGAG, Der_Designer
Autor Eintrag
bavariola
Di Jul 30 2013, 00:19 Druck Ansicht
Dabei seit: Sa Jan 12 2013, 00:38
Einträge: 147
Hallo miteinander!

Mitglied 78er hatte vor ein paar Tagen den Thread "Karneval-Schlager auf Polydor" eroeffnet, dem ich die Etiketten zweier Schallplatten beigefuegt hatte. Das fuerte sogleich zu dem Gedanken, diesen Thread zu erweitern, um allgemein Material mit Karneval-Bezug zusammenzutragen, und dies wiederum fuehrte - weil wir annehemn, dass hierzu bald einiges zusammenkommen duerfte, und um von Anfang an fuer eine gewisse Ordnung zu sorgen - zu dem Gedanken, fuer bestimmte Karnevals-Themen schwerpunkartige Threads ins Leben zu rufen, in denen Etiketten-Scans, Bilder, Liedtexte und Schrifttum zum jeweiligen Thema geordnet zusammengetragen werden koennen.

Ich starte den Thread über Karl Berbuer mit dem Etikett der Polydor-Platte "Trizonesien-Song" (die, obwohl das Lied sehr bekannt und sehr beliebt war, kurioserweise recht selten zu finden ist):


Discografische Angaben: Matrizennummer 876KK ; umseitig: Matr.-Nr. 877KK (Kann man denn noch nuechtern sein); Datum im Spiegel: 17.12.48 (beide Seiten).

Zu diesem Lied und diesem Thema ist schon viel geschrieben worden; besonders aufschlussreich finden ich einen Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 05.11.2004, den ich hier zitiere:

"Die Deutschen werden wieder frech", lautet im Frühjahr 1949 die Schlagzeile der altehrwürdigen britischen "Times". Nur vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der braunen Schreckensherrschaft wittert die Besatzungsmacht von der Insel aufkeimenden Revanchismus in Deutschland. Und es ist ein Kölner, der den Unmut der Briten erregt, ausgerechnet mit einem Karnevalshit: Texter, Komponist und Sänger Karl Berbuer und sein "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien".

Am Elften im Elften 1948 stellt der gelernte Bäcker, damals 48 Jahre alt und bereits bekannt durch jecke Hits wie "Heidewitzka, Herr Kapitän", das "Trizonesien-Lied" im Rundfunk vor. Den Titel hat er kurzfristig noch ändern müssen. Eigentlich hieß das Werk "Bizonesien-Lied. Doch kurz vor dem 11. November wird die britisch-amerikanische Bizone mit der französischen Zone zur Trizone vereinigt.

Bald schmettert man den Song in ganz Deutschland. Und beim ersten internationalen Radrennen in Köln erklingt bei einer Siegerehrung nach den Hymnen Belgiens und der Schweiz das "Trizonesien-Lied" - als deutsche Ersatz-Nationalhymne. Daß das Ausland zunächst irritiert ist, verwundert bei oberflächlicher Betrachtung des Songs keineswegs: "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela, tschimmela-bumm, Wir haben Mägdelein mit feurig-wildem Wesien... Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser... Mein Lieber Freund, Die alten Zeiten sind vorbei, ob man da lacht, ob man da weint, Die Welt geht weiter, eins, zwei, drei..."

Ziemlich selbstbewußt - jedoch, wer genau hinhört, entdeckt schnell, was Berbuer (der 1977 gestorben ist) wirklich will. Die Verballhornung des im Dritten Reich zur Religion erhobenen "Deutschen Wesens" zum "Wesien", das ist alles andere als Nazi-Ideologie. Mit Berbuers Menschenfressern, die umso besser küssen, hat sich sogar die Wissenschaft beschäftigt. In einer Untersuchung "Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers" steht darüber geschrieben: "Der in Selbstironie verpackte Wunsch, die nationale Isolation zu überwinden".

Und auch das Ausland versteht bald und lernt den Song lieben: Vor einem Fußballspiel in einem englischen Kriegsgefangenenlager zwischen Einheimischen und deutschen Gefangenen stimmt die Kapelle zunächst die englische Hymne "God save the King" an, dann das "Trizonesien"-Lied - und alle salutieren.


Zur Beachtung: Ich habe bisher darauf verzichtet, meine Bilddateien mit einem Wasserzeichen zu schuetzen, denn dadurch werden sie in aesthetischer Hinsicht unansehnlich bis unbrauchbar, und ich wuerde auch weiterhin gerne so verfahren. Umso mehr bitte ich die werten Leser/Nutzer, sollten sie beabsichtigen, meine Bilddateien weiterzuverwenden (gleichgueltig ob gewerblich oder nicht), zuvor mit mir Ruecksprache zu nehmen (PN), zumal ich, sollte ich erstmalig meine Arbeiten an anderer Stelle (Dissertation, Chronik, Fachbuch oder was auch immer) wiederfinden, augenblicklich die unschoene Wasserzeichen-Methode verwenden oder - was wahrscheinlicher ist - meine Arbeit konsequent ganz einstellen wuerde, und das ginge dann zu Lasten aller. Ich bitte um Verstaendnis und Beachtung. Vielen Dank!

Beste Gruesse an alle!

[ Bearbeitet Di Jul 30 2013, 08:53 ]
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Rundfunkonkel
So Jan 04 2015, 15:49
Dabei seit: So Jul 03 2011, 16:48
Wohnort: Umkreis Köln
Einträge: 1156
Von Berbuer fand sich vor kurzem die Aufnahme des "Friedenspfeifen-Samba" (Polydor 48262A, 1556 KK, 28.10.49) ein, die mich nach kurzer Suche im Netz zu einem interessanten Beitrag zum Kölner Karneval im Spiegel von 1/1950 führte. Auf Zitate verzichte ich mal, man möge sich die betreffenden Stellen selber suchen (der Artikel ist insgesamt recht lang, das ginge m.E. nach schon über Zitate hinaus).

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Remirus
Do Okt 22 2020, 19:10
Dabei seit: Mi Jul 12 2017, 16:12
Wohnort: Heide (Holstein)
Einträge: 71
Hallo Leute,

wie angekündigt möchte ich noch etwas zu "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" anmerken. Die zweite Strophe lautet wie folgt:

Mein lieber Freund, damit du's weißt:
Ein Trizonese hat Humor.
Er hat Kultur, er hat auch Geist,
darin macht keiner ihm was vor.
Selbst Goethe kam aus Trizonesien.
Beethovens Wiege ist bekannt.
Das gibt's nicht in Chinesien,
darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Das kann man als Trotzreaktion auffassen, aber so kurz nach dem Krieg und angesichts der Tatsachen, die durch die Nürnberger Prozesse bekannt wurden, sehe ich das als Indiz für die einsetzende Verdrängung, die die ganzen 1950er Jahre weitgehend prägte. Insbesondere die letzte Zeile finde ich in diesem Kontext "haarsträubend". Wie seht ihr das?

Herzliche Grüße!
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Webseite
berauscht
Do Okt 22 2020, 19:44
"Urgestein" Autor/Moderator

Dabei seit: Mi Jan 06 2010, 21:59
Einträge: 1643
Remirus schrieb ...

Hallo Leute,

wie angekündigt möchte ich noch etwas zu "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" anmerken. Die zweite Strophe lautet wie folgt:

Mein lieber Freund, damit du's weißt:
Ein Trizonese hat Humor.
Er hat Kultur, er hat auch Geist,
darin macht keiner ihm was vor.
Selbst Goethe kam aus Trizonesien.
Beethovens Wiege ist bekannt.
Das gibt's nicht in Chinesien,
darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Das kann man als Trotzreaktion auffassen, aber so kurz nach dem Krieg und angesichts der Tatsachen, die durch die Nürnberger Prozesse bekannt wurden, sehe ich das als Indiz für die einsetzende Verdrängung, die die ganzen 1950er Jahre weitgehend prägte. Insbesondere die letzte Zeile finde ich in diesem Kontext "haarsträubend". Wie seht ihr das?

Herzliche Grüße!



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