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Foren > Musik, Tanz, Theater und Tonfilm > Jazz, Swing und Ragtime
100 Jahre Jazz auf Schallplatte...
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Grammophonteam
Sa Feb 18 2017, 11:16 Druck Ansicht
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Diesen Monat ist es nun 100 Jahre her, dass es Jazz auf Schallplatte gibt. Diesem Anlass widmeten wir unseren Artikel:



Neben möglichen Diskussionen & Ergänzungen zur ODJB, möchten wir hier (in loser Folge) einige weitere, frühe Bands und Musiker der Jahre 1917/18 vorstellen. In unserem Artikel stellten wir die Frage: „Gab es vor der ODJB schon Jazz auf Schallplatte?“ Wenn auch verneint, antwortet die modernere Jazz-Literatur dazu mit einem klaren „Jein“…. Dies bringt uns zu:



Wilbur C. Sweatman


Wilbur Coleman Sweatman (7. Februar 1882 in Brunswick, Missouri – 9. März 1961, New York) erlernte zunächst das Klavierspiel, dann Violine und Klarinette. Noch als Jugendlicher begann er in den 1890er Jahren seine musikalische Karriere (auf der Klarinette) in Clark Smith's Pickaninny Band, welche vor allem Zirkus-Shows bereiste.

Um 1900 spielte er bei Mahara's Minstrels und W.C. Handys Band (dem "Erfinder des Blues" und Komponisten des St. Louis Blues); gründete aber bald in Minneapolis, Minnesota ein eigenes Tanzorchester. In Missouri lernte er den berühmten (Ragtime) Pianisten Scott Joplin kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband - Nach dessen Tod 1917 übernahm Sweatman Joplins musikalischen Nachlass.

Um 1903 nahm Sweatman mit einer kleinen Band erstmals Joplins "Maple Leaf Rag" auf Walze auf (für Metropolitan Music Store). Mögliche Exemplare dieser Aufnahme(n) sind heute verschollen - in den 1950er Jahren zeigte Sweatman aber einem Musik-Historiker die Reste einer der zerbrochenen Walzen...

1908 zog es den Musiker nach Chicago. dort leitete er unter anderem das Orchester im Grand Theater. Ab etwa 1910 findet sich sein Name (sehr) häufig in Zeitungen, Musik- und Vaudeville-Zeitschriften. Ab 1911 gab er seine Arbeit als Orchesterleiter auf, und reiste fast ausschließlich mit Vaudeville -Shows
als "Act" durchs Land. Ebenfalls 1911 veröffentlichte er seine erfolgreiche Komposition, den "Down Home Rag".




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Der "Down Home Rag", eingespielt 1913 von Jim Europe's Society Orchestra


Sein besonderes "Gimmick" war es, zwei - teils drei - Klarinetten gleichzeitig zu spielen. Vermarktet als "The Original Ragtime Clarinetist" durchbrach er auch Schranken im Vaudeville, und trat als einer der ersten farbigen Musiker fast ausschließlich in Shows "für Weiße" auf.

Gerade aber sein (großer) Erfolg in diesen Shows die eine Mischung aus Tingel-Tangel und Zirkus darstellten, sowie das spielen von mehreren Klarinetten, führten später dazu, dass er in der frühen Jazz-Historie oft "übersehen" wurde oder als "nicht ernsthafter" Musiker dargestellt wurde. Oft war zu lesen (soweit er überhaupt erwähnt wurde): Für die Entwicklung des Jazz nicht von Bedeutung... Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch andere, frühe Jazz Musiker wie Bunk Johnson, Freddie Keppard oder auch Jelly Roll Morton die erste Zeit ihrer Karrieren hauptsächlich im Vaudeville verbrachten.

Auch wenn er heute nahezu vergessen ist, war Sweatman zu seiner Zeit sehr populär und eine "Berühmtheit" für sich selbst. Während manche, zukünftige Mitglieder der ODJB, teilweise noch in kurzen Hosen, in New Orleans ihre ersten Erfahrungen als Musiker sammelten, wurde Sweatman in Annoncen und Zeitschriften hundertfach erwähnt und beworben.

Aufnahmen


Noch bevor die ODJB nach New York kam, machte Sweatman im Dezember 1916 für die neue Marke > Emerson < zwei Aufnahmen, welche (leider) viele Jahre "übersehen" wurden. Um es gleich vorweg zu nehmen, und zu unserem "Jein" zu kommen, wir hören bei den beiden Titeln "Down Home Rag" und "My Hawaiian Sunshine" keine Jazz-Band wie wir sie heute verstehen, sondern um begleitete Klarinetten-Soli. Aber - wir hören auch den ersten Jazz-Musiker aufgenommen auf Schallplatte...

Es handelt sich um eine 5,5" bzw. 7" Platte - daher die kurze Spielzeit. Neben Wilbur Sweatman ist die Begleitung jedoch recht unterschiedlich:

Emerson Records, New York, c. Dezember 1916

  • My Hawaiian Sunshine
    Clarinet solo by Wilber C. Sweatman, Accompanied By Emerson Symphony Orchestra
    Sweatman - Klarinette, ? Trompete, ? Posaune, Nathan Glantz - C-Mel-Sax, Malvin Franklin - Klavier, ? - bb, ? James Lent - Schlagzeug


  • Down Home Rag
    Clarinet solo by Wilber C. Sweatman, Accompanied By Emerson Trio
    Sweatman - Klarinette, Nathan Glantz - C-Mel-Sax, ? - Violine, Malvin Franklin - Klavier


Bei My Hawaiian Sunshine ist, neben Sweatman, vor allem der unbekannten Posaunisten recht bemerkenswert. Vermutlich handelt es sich um (weiße) Studiomusiker die hier Sweatman begleiten. Die tatsächliche Besetzung ist, von Sweatman abgesehen, jedoch unbekannt. Der Down Home Rag "lebt" komplett von Sweatman.


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Möglicherweise hören wir im "Down Home Rag" auch Sweatmans Gimmick zwei Klarinetten gleichzeitig zu spielen.

My Hawaiian Sunshine
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Zum Vergleich, auch um besser nachvollziehen zu können was bei dieser Aufnahme "passiert", hier eine "übliche" Aufnahme des gleichen Titels aus der Zeit:

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Die restlichen Musiker dieser Sitzung können sicherlich (musikalisch) nicht mit Sweatman mithalten. Auch darf nicht vergessen werden: wirklich "freie" Improvisation war im Jazz noch sehr lange nicht üblich. Auch Musiker wie Armstrong, King Oliver, aber auch ein junger Benny Goodman wiederholten einmal ausgearbeitete und als "gut" befundene Stücke oder Soli bei Auftritten häufig. Auch die verschiedenen Einspielungen des "Tiger Rag" der ODJB in den Jahren 1917 - 1922 unterscheiden sich nur marginal.

Trotzdem kann man die beiden Titel von Sweatman aus dem Jahr 1916 nicht mehr den Ragtime zuordnen. Auch wenn die restlichen Musiker hier noch recht "steif" klingen, gab es bis dato (auf Tonträger) kein so "freies" Spiel mit improvisatorischen Elementen zu hören, wie von Wilbur Sweatman. Insgesamt ist Sweatman ein (leider) fast völlig in Vergessenheit geratener "Pionier" des Übergangs vom Ragtime zum Jazz.




Die ODJB stand bis 1918 zunächst bei der Aeolian-Vocalion unter Vertrag, dann bei der Victor. Die Columbia war nun händeringend auf der Suche nach einer eigenen "Jazz-Band", um mit dem kommerziellen Erfolg der ODJB bei der Victor mithalten zu können. Ab 1918 startete Sweatman mit seiner eigenen Jazz Band eine längere Aufnahmeserie bei der Columbia, welche bis 1920 sogar in mehr (veröffentlichten) Titeln resultierte, als die der Original Dixieland Jazz Band bei der Victor.

Leider versuchte die Columbia Sweatman als direkten Konkurrenten zur ODJB aufzubauen. Während der Klarinettist "live" meist in kleineren Besetzungen (Trio oder Quartett) auftrat, wurde seine Jazz Band bei den Aufnahmen teils sogar um bis zu vier Banjos oder eine Geige erweitert.

Die Titelauswahl, welche wohl der Columbia oblag, viel oft auf Tagesschlager oder direkte Kopien von Titeln der ODJB, wie z.B. den "Livery Stable Blues". Auch konnte man sich bei den Plattenfirmen eine "Jazz Band" anfangs nur in einer Form vorstellen: laut und chaotisch... Entsprechend werden die Aufnahmen von Sweatman zwischen 1918 und 1920 oft als Imitation der ODJB in der Literatur erwähnt. Bei den gelungensten Aufnahmen handelt es sich wieder um Eigen-Kompositionen von Sweatman, wie hier bei "THAT`S GOT ÈM"
1918





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Bereits Ende 1919 ließen die Verkaufszahlen bei Columbia stark nach - 1920 entstanden dann die letzten Einspielungen von Sweatmans Jazz Band. Der Musiker war aber weiterhin auf Bühne und im Vaudeville sehr erfolgreich. 1923 gehörte seinem Orchester sogar ein junger Duke Ellington an...

März 1923



Duke Ellington (p), Wilbur Sweatman (cl), Flo Bert (voc), Sonny Greer (dr)


Von den Tantiemen seiner Kompositionen hatte Sweatman ein gesichertes Einkommen. Sein "Down Home Rag" erlebte in der Swing-Ära ein Comeback, alleine im Jahr 1937 wurde der Titel fast 2000mal im amerikanischen Rundfunk gespielt.

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1935 entstanden die letzten Einspielungen von Sweatman auf Schallplatte. Er war aber bis in die späten 1950er Jahre als Musikverleger in New York tätig. "Daddy of the Clarinet", wie Wilbur Sweatman in späteren Jahren häufig genannt wurde, starb 1961 in New York.

Von dem Historiker Mark Berresford gibt es eine sehr umfassende und lesenswerte Biographie zu Sweatman (Englisch): > Amazon. Auf der Webseite des Autor findet sich auch dieses schöne Bild von Wilbur Sweatman:



[ Bearbeitet Fr Feb 24 2017, 09:10 ]
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