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Foren > Schellackplatten > Diskussionskreis Schellackplatten
Wie oft hat man Schallplatten früher abgespielt? Ein Beispiel aus dem Zeitraum 1912 bis 1939
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Limania, DGAG, Der_Designer
Autor Eintrag
DGAG
Fr Okt 04 2019, 13:16 Druck Ansicht
Dabei seit: So Dez 31 2017, 12:30
Wohnort: Berlin
Einträge: 316
Wie oft hat man Schallplatten früher abgespielt?

Ich habe mich häufig gefragt wie oft Schellackplatten vor 100 Jahren aufgelegt wurden - und wie lange ihre "Nutzungsdauer" war bevor sie von uns Sammlern wiederentdeckt wurden. Wer von den damaligen Besitzern hat das schon irgendwo aufgeschrieben, bzw. wo sind eventuelle Notizen geblieben und kann man sie nach vielen Jahrzehnten bestimmten Platten zuordnen.

Es ist ein Wunder, dass mir nach vielen Jahren des Sammelns eine Schellackplatte in die Hände gefallen ist, deren Gebrauch über 27 Jahre, von der Kaiserzeit bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, (vielleicht) lückenlos dokumentiert ist.




Diese Anker-Record, aufgenommen 1912, stammt von der 1867 in Warschau geborenen Sopranistin Félicie Kaschowska, welche weltweit in vielen Opernhäusern aufgetreten ist. Sie hat nur etwa ein Dutzend Aufnahmen hinterlassen, alle ziemlich selten.

Es ist ein Wunder, dass die Anker-Schallplatte ihre originale Hülle behielt und nicht nur das, auf einer Seite hat sich ein Papierstreifen erhalten, der lediglich im Bereich seiner Oberkante mit der Hülle verklebt wurde. Auf der Rückseite riss ein ähnlicher Streifen ab, deshalb klafft dort eine zeitliche Lücke zwischen Dezember 1912 und 8. Juni 1924. Ein weiterer, auf beiden Seiten aufgeklebter, Zettel nennt die aufgedruckte Zahl "36", welche auf einer Seite zusätzlich handschriftlich vermerkt ist, offenbar die interne Sammlungsnummer.

Am Mittwoch, dem 13. November 1912, sehr wahrscheinlich kurz nach dem Erwerb (für Diskographen interessant), sind beide Seiten erstmals aufgelegt worden. Ihr könnt anhand der handschriftlichen Daten selbst erkennen wie intensiv die Platte im ersten Jahr gehört wurde und wie es danach weniger wird. 1926, vierzehn Jahre nach dem ersten Auflegen, hat man sich der Platte plötzlich wieder intensiver gewidmet und nennt in der Folge gelegentlich auch den Vornamen des Hörers. Danach wird es erneut ruhiger bis 15. Juni 1939, dem letzten dokumentierten Abspielen. An diesem Tag sind, wie offenbar häufig, beide Seiten aufgelegt worden. Das Jahr habe ich dem gleichzeitig eingetragenen Termin auf der nicht abgebildeten Rückseite entnommen.

Zwischen 1912 und 1939 wurde die Tosca-Arie insgesamt 26-mal, die Élégie von Jules Massenet auf der Rückseite 23-mal aufgelegt. Leider ist unbekannt ob und wie oft die Platte danach noch gehört wurde, ihr Zustand ist jedenfalls ausgezeichnet. Interessanterweise wird zur Identifikation der Künstlerin offenbar ihr Kosename "Fella" an mehreren Stellen auf der Hülle vermerkt. Wahrscheinlich gab es bereits 1912 einen familiären oder freundschaftlichen Bezug des Plattenbesitzers bzw. der -besitzerin mit der Sängerin. Kaschowska wurde auch an deutschen Opernhäusern engagiert (u.a. Leipzig, Darmstadt und Karlsruhe) und war nach dem Ende ihrer Karriere Gesangslehrerin. Sie starb 1951 in Bielsko-Biała, Polen.
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alang
Fr Okt 04 2019, 17:48
Dabei seit: Di Jun 12 2012, 19:52
Wohnort: Delaware, USA
Einträge: 594
Was fuer ein interessantes Zeitzeugnis. Mich erstaunt allerdings, wie selten die Platte gespielt wurde als sie neu war. Wenn ich an meine eigene Jugend denke, da habe ich neue Platten fast taeglich gespielt. Allerdings war das populaere Musik, Rock & Roll, etc, teilweise auch zum Tanzen. Vielleicht sind auch damals Platten mit populaerer Musik oefter gespielt worden? Ich gehe ja auch davon aus, dass die meisten Leute damals auch nicht so viele Platten gehabt haben, jede einzelne also oefter gespielt werden muesste. Oder waren Platten und Grammophone so teuer, dass sie nur bei besonderen Anlaessen gespielt wurden? Eine Zeitmaschine muesste man haben...

Andreas
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Swingfan
Sa Okt 05 2019, 14:39
Dabei seit: So Mai 19 2019, 16:11
Wohnort: Berlin
Einträge: 48
Ein tolles Zeitdokument, das du uns hier zeigst, und uns damit auch den Zeitgeist von damals näher bringst. Noch dazu aus einer Zeit, wo solche neue Erfindung wie die Schallplatte eher noch von dem gehobenen Mittelstand erworben werden konnte, man brauchte ja schließlich auch ein Grammophon dazu.

Natürlich gab es unterschiedliche Abspielgewohnheiten der Besitzer. Darum kann man das nicht verallgemeinern. Extrembeispiel sind z. B. die ersten Jazzplatten in Amerika, die überwiegend von der afroamerikanischen Bevölkerung gekauft wurde. Diese Menschen hatten sehr häufig ein niedriges Einkommen und konnten sich damit nur einige wenige Schallplatten kaufen und die wurden dann natürlich auch gespielt, bis man durch die Platte bald durchschauen konnte.

Zurück in Deutschland kann man aber schon sagen, das gerade der gehobene Mittelstand immer bestrebt war, die häuslichen Dinge zu pflegen, dazu gehörten natürlich auch die Schallplatten. Später auf den Flohmärkten kamen dann in den 80er Jahren oftmals Platten aus den Haushaltsauflösungen zutage, die wirklich topgepflegt waren und oftmals noch in den sog. Originalhemdchen vorhanden waren, die keinerlei Knitterspuren aufwiesen. Natürlich hatten auch hier einige Platten durch mehrere Benutzung graue Rillen angesetzt, die aber die Tonqualität noch nicht beeinträchtigte.

Es kam aber auch auf die Hörerschaft an, wer die Platten kaufte und zu welchem Zweck. Die jüngere Generation in den 30er Jahren war da mit den Platten schon nicht mehr so sorgsam umgegangen. Vieles wurde mit dem tragbaren Koffergrammophon an beliebigen Orten gespielt, und ob da wirklich immer rechtzeitig auf den Nadelwechsel geachtet wurde? Ich glaube eher nicht.

Eins möchte ich noch hinzufügen, dass die Rundfunkanstalten deshalb auf ihren Platten extra Kästchen auf den Ettiketten hatten, so dass, wenn alle Kästchen ausgefüllt waren, die Platte ausgesondert wurde.

Und wie oft eine Schellackplatte zu dieser Zeit gespielt wurde, kann man sehr schwer beurteilen. Das hängt von dem Abspielgerät ab. Wer entsprechendes Geld verdiente, konnte sich ja schon ab Mitte der 30er Jahre einen Plattenspieler mit einem Saphir leisten, mit ihm war die Abnutzung der Rille eher gering. Alles in allem kann man aber schon sagen, selbst wenn eine damals übliche Schellackplatte etwa 10mal mit einer Stahlnadel abgespielt wurde, war die Rillenabnutzung noch nicht zu erkennen.

Gruß, Michael
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Musikmeister
Sa Okt 05 2019, 21:23
Autor
Dabei seit: So Aug 21 2011, 21:23
Wohnort: Hamburg
Einträge: 973
Toller Fund! Erleichtert mir auch die Plattenhüllenzuordnung.
Nummer 2 und Nummer 3 wurden wohl am selben Tag, den 13.Dezember 1912, abgespielt?
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DGAG
So Okt 06 2019, 17:49
Dabei seit: So Dez 31 2017, 12:30
Wohnort: Berlin
Einträge: 316
Bei Nummer 2 und 3 ist (auch auf der Rückseite) nur der Monat Dezember und das Jahr 1912, aber nicht der Tag angegeben.

Kann sein, dass man ursprünglich das erste Abspielen, aber zunächst nicht auch die folgenden Hörtermine dokumentieren wollte. Als diese Idee kurz darauf aufkam, wusste man den 2. und 3. Termin nicht mehr Tag genau. Noch etwas später hatte man den Einfall mit dem aufgeklebten Zettel, notierte darauf den 4. Termin am 19. Januar 1913 und blieb in der Folge dabei. Ich überlege ernsthaft ob ich die Eintragung fortsetzen will.
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