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Paul Godwin - Pinchas Goldfein
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LordSlowhand
Sun Aug 26 2012, 22:29pm Print View
Guest
Hallo Gemeinde,

im Künstlermenü wird nach meiner Empfindung Paul Godwin als Jazz- und Tanz-Musiker beschrieben, der sich erst in späteren Jahren wieder der klassischen Musik zugewendet habe.
Zitat: "1925 schloss er mit der Deutschen Grammophon-Gesellschaft und ihrer Auslandsmarke Polydor einen Plattenvertrag ab. Paul Godwin - wie seine Plattenfirma ihn getauft hatte- stieg ins Geschäft gleich mit populären Jazzschlagern aus USA ein.
So entstanden zwischen Januar 1925 und Januar 1926 Aufnahmen mit noch heute bekannten Standards wie "Sobbin´Blues", "I miss my swiss" und "I want to be happy". .....
In den Jahren bis 1932 entstanden über 1500 Schellackplatten in Millionenauflage. Mit seinen "Jazz-Symphonikern" produzierte er besonders extrovertierte, verjazzte Arrangements von tagesaktuellen Liedern von Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Willy Rosen. Heutzutage gelten diese Aufnahmen als zuverlässiger Beleg des zeittypisch dargebotenen, "Tanz-auf dem-Vulkan"-Musik-und Lebensgefühls gelten können." Zitatende

Noch deutlicher wird es bei Wikipedia: "Er trat zunächst im Bereich der Jazz- und Unterhaltungsmusik hervor, um nach 1945 im Bereich der klassischen Musik zu wirken."

Ich besitze nun aber eine Handvoll Schellacks der Reihe Schallplatte Grammophon, auf der "Paul Godwin mit seinem Künstlerensemble" lupenreine Klassik spielen, z.B. Potpourris von Zeller oder Léhar, Walzer von Waldteufel oder Johann Strauss. Und ich denke nicht, daß das Raritäten sind.

Habe ich mich mit der Datierung dieser Scheiben in die Mitte der 20iger verlesen oder tut man diesem Violinisten vielleicht ein wenig unrecht, indem man ihn ein wenig in die "kommerzielle Ecke" schickt?

Daß er bis jetzt noch keinen eigenen Thread hier im Forum Orchesterleiter hatte, spricht auch nicht eben für einen hohen Grad an Beliebtheit!?

Freue mich schon im voraus auf die Antworten - vielleicht mit einer Hörprobe?

Gruß
Alfred

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Aristodemo
Sun Aug 26 2012, 22:39pm
Joined: Sat Jan 21 2012, 01:07am
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Paul Godwin, dessen Aufnahmen ich sehr schätze, war von seiner Plattenfirma, wie auch seine Kollegen Weber und Bela,verpflichtet ein sehr vielseitiges Repertoire einzuspielen.Godwin erscheint dabei als Trio,Künstlerkapelle oder Orchester.
Es erschien, was das Publikum wollte, also auch Walzer, Salonmusik, Opern- und Operettenfantasien und Weihnachtsaufnahmen.
Wo man als Sammler seinen Schwerpunkt setzt bleibt ja den eigenen Geschmack überlassen.

Grüße
Michael
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Rundfunkonkel
Sun Aug 26 2012, 22:40pm
Joined: Sun Jul 03 2011, 16:48pm
Location: Umkreis Köln
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Hallo Alfred,

die Godwin Platten, die im Laufe der Zeit in meine Sammlung kamen, zeigen genau in die von Dir beschriebene Richtung. Godwin spielte nach meiner Beurteilung, wie eigentlich wohl die meisten Orchester, so ziemlich alles was gefordert wurde - es war ja sein Broterwerb.
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Aristodemo
Sun Aug 26 2012, 22:49pm
Joined: Sat Jan 21 2012, 01:07am
Posts: 428
Die heute, leider, übliche Einteilung in "U"- und "E"- Musik hat es damals noch nicht gegeben. Wer das Glück hatte mal eine größere alte Sammlung geschlossen zu übernehmen kann das sicher bestätigen.Es wurde gekauft was gerne gehört wurde. Von der Oper bis zur Jazzplatte mit original amerikanischer Aufnahme.
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LordSlowhand
Sat Sep 01 2012, 11:47am
Guest
Hallo Schellackfreunde.

Danke erstmal für die Reaktionen und Hinweise.


Nun aber nochmal meine Frage: wenn es denn nun so ist, daß Paul Godwin mit seinen Musikern querbeet gespielt hat, was gefragt war (und dass er es draufhatte, steht außer Frage), warum wird er dann in die U-Ecke geschoben?
Denn im Kleinkünstlermenue-Forum wird zwar seine klassische Ausbildung erwähnt (ich denke, die hatten damals wohl noch alle, es sei denn sie waren Autodidakten), in den folgenden Absätzen wird aber nur noch von seiner Jazz- und Unterhaltungskarriere gesprochen. Erst nach dem Kriege habe er sich wieder der Klassik zugewandt.
Wenn das wirklich so gewesen wäre, würden meine ganz oben erwähnten Schellacks ja wohl eine Rarität darstellen (schade! ).
Also - bin ich zu pingelig? Wenn nein, dann schlage ich vor, den Artikel im Künstlermenue durch ein, zwei dies bezügliche Sätze zu ergänzen.

Gruß
Alfred

[ Edited Sat Sep 01 2012, 12:03pm ]
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Grammophonteam
Wed Oct 24 2012, 21:28pm
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Bemerkenswert in diesem Revue Heft des Nelson Theaters vom April 1925 die Titulierung

Paul Godwin Jazzband




1925




Das die Godwin Band aber auch jazzig "stompen" konnte, beweist diese Aufnahme:

Wau-Wau Stomp (1927)


Grüße

[ Edited Wed Oct 24 2012, 22:05pm ]
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Rundfunkonkel
Thu Oct 25 2012, 14:01pm
Joined: Sun Jul 03 2011, 16:48pm
Location: Umkreis Köln
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Die goldene Schrift machte mir ein wenig Mühe...

Das dürfte meine älteste Godwin-Platte sein.





[ Edited Thu Oct 25 2012, 14:01pm ]
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Grammophonteam
Tue Aug 20 2013, 14:42pm
Seitenbetreiber

Joined: Sun Sep 04 2011, 14:54pm
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1927
Die Paul Godwin Band der Haller Revue





1932
Paul Godwin und sein Jazzorchester





Blond, rosig, rundlich, mit einem Feinschmeckermäulchen wie ein Baby, steht er vor seiner Jazzkapelle in den eleganten Räumen der "Femina" und geigt den schönen Frauen etwas vor.

1902 geboren, spielte er (Paul Godwin) schon mit sechs Jahren bei den Hochzeiten mit, die im Hotel der Eltern stattfanden, und war mit zehn Jahren ein fix und fertig entwickeltes Wunderkind. Seine Heimatstadt liegt an der polnischen Grenze, und das Städtchen sieht viele Flüchtlinge.
Eines Tages entdeckte ein solcher Militärflüchtling die Geige des Kindes in dem Restaurationsraum und wollte durchaus das Kind spielen hören.
Die Mutter wollte den kleinen Paul aus dem Bett locken mit dem Bemerken, ein Onkel aus Amerika sei da, er solle ihm etwas vorgeigen.
Aber er weigerte sich energisch. Erst ein Rubel - schrecklich viel Geld - brachte das Bürschchen dazu, dem warmen Bett den Rücken zu kehren, und die Folge war - daß der Kleine dem Flüchtling nach Wien zur Ausbildung übergeben wurde: es war der nachmalige Professor Kaplan.
Später km Godwin an die Berliner Hochschule für Musik, wo er jedoch wegen Stundenversäumung hinausgeworfen wurde.
Dann begann der Kampf ums Brot, harte Jahre.

Scherl´s Magazin, März 1932
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Grammophonteam
Tue Aug 20 2013, 19:11pm
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November 1932



Paul Godwin mit seinem Orchester spielt in der Femina allabendlich mit großem Erfolg
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Grammophonteam
Wed Mar 05 2014, 12:28pm
Seitenbetreiber

Joined: Sun Sep 04 2011, 14:54pm
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Paul Godwin 1936 in Wien





Er begründete dann nach dem Vorbild Paul Whitemans sein Orchester...
Derzeit (Dezember 1935) spielt er in Antwerpen. Während der Weltausstellung in Brüssel hat der belgische Rundfunk zwölf Konzerte des Godwin-Orchesters übertragen.
In seiner heutigen Zusammensetzung besteht es zum größten Teil aus belgischen Musikern, die über 30 Instrumente zu bedienen haben.




Das Orchester im Rundfunk-Studio, 2. Januar 1936














[ Edited Sat May 03 2014, 13:27pm ]
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Grammo-Klaus
Sat May 03 2014, 13:06pm
Joined: Mon Jan 27 2014, 11:46am
Location: Im sonnigen Westfalenland
Posts: 418
Hallo, heute habe ich einen kleinen aber feinen Posten alter Tanzmusikschellacks erwerben können. Alles 30-CM Scheiben.
Hier möchte ich zwei Paul Godwin Platten vorstellen.
Paul Godwin mit seinem Künstler-Ensemble, Bye and Bye (The sun will shine) / Fayum (Jim Cowler), alte grüne Schallplatte-Grammophon, 19356, ich schätze ca. 1925, bin mir aber nicht so sicher.
Paul Godwin mit seinem Künstler-Ensemble, Die Welt hat´nen Fimmel Teil-1 und Teil2 (C. Morena)
alte grüne Schallplatte-Grammophon, 19536, wohl auch 1925 oder 1926.
Beide Platten plus vier Efim Schachmeister im Konvolut bekommen und in überdurchschnittlich guter Erhaltung.



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Musikmeister
Sat Aug 30 2014, 18:35pm
Autor
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Werbung für Paul Godwin / Polyfar / Grammophon-Spezialhaus, Sommer 1928
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Gast
Sun Aug 31 2014, 18:58pm
Guest
Zu den ersten Fragen dieses Threads wollte ich noch anmerken, dass es natürlich einen Unterschied gibt darin was sich eine Plattenfirma vom Künstler wünscht (was sie glaubt verkaufen zu können) und dem was die gleichen Künstler allabendlich auf der Bühne spielten.
Wobei ich mutmaße dass der jazzige Anteil an Musik, der umso weniger auf Platten zu finden ist, nicht die ganz große Geige gespielt hat, in allen Tanzhäusern.

Ein Beispiel aus jüngeren Tagen.
Elvis hatte große Erfolge auch hier in Europa und Rock´n Roll wurde spätestens durch ihn überall bekannt, dennoch wurde er nur von einem Bruchteil der Bevölkerung plattentechnisch konsumiert.
Lale Andersen landete sicher manchmal höhere Verkaufszahlen mit Ihren Seemannsliedern, aber halt vermutlich nur im deutschprachigen Raum.

Die Plattenfirmen hatten schon immer, auch natürlich zu Paul Godwins Zeiten das Sagen. Also forderten sie von der Jazzkapelle vom Nelson Theater, das Stück "Großmütterchen" aufzunehmen. Und Tito Schipa wurde als Opernsänger mit Tonfilmschlagern gequält.

Denn wenn man ehrlich ist, wer in Deutschland außer den Menschen im Berliner Umland kannte denn schon das Nelson Theater real und vor allem was dort gespielt wurde?
Aber das Stück "Großmütterchen" das kannte man, denn das konnte die heimische Blaskapelle auch spielen.
Deshalb findet man "Großmütterchen" auch viel häufiger auf Platte als irgendwelche jazzigen Stomps.
Wenn die damals gewußt hätten was uns heute mehrheitlich gefällt, hätten Sie es vielleicht stückzahlmässig genau anders gemacht. Aber im Zeitgeist betrachtet handelten die Plattenfirmen natürlich richtig.
Da fällt mir auf, das Stück Großmütterchen müßte ich eigentlich auch mal veröffentlichen, das wird immer Beiseite gelegt, dabei ist es ein wunderbares Salonmusikstück.

LG Gerhard

[ Edited Sun Aug 31 2014, 19:10pm ]
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Grammophonteam
Mon Sep 08 2014, 14:05pm
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Joined: Sun Sep 04 2011, 14:54pm
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Formiggini
Mon Sep 08 2014, 20:13pm

Joined: Tue Dec 28 2010, 19:20pm
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Pinchas Goldfein / Paul Godwin



Wohl schon während des Studiums in Wien, passte Pinchas Goldfein seinen Namen an. Kaum bekannt, bereits mit 15 Jahren trat der Geiger in Deutschland auf! 1917 wurde das "Wunderkind" auf Konzertreise geschickt. Im Dezember 1917 spielte er auch in Hamburg (Konzertdirektion Leichsenring) - hier gab es die erste Kritik seiner langen Karriere. Aus Pinchas wurde Paul Goldfein:



Neue Hamburger Zeitung, 12 Dezember 1917

In einem Interview aus den 50er Jahren erzählte Paul Godwin, sein erstes Engagement in Berlin hatte er 1922 als Konzertmeister des Orchesters Max de Groot im Pavillon Mascotte
Max de Groot ging im Laufe des Jahres 1923 wieder in die Niederlande, möglicherweise bildeten die "Reste" des Orchesters den Grundstock für Godwins erste, eigene Kapelle.

Auf frühen Aufnahmen wird er auch noch mit richtigem Namen genannt:
Orchester Goldfein - 1923


Während sich nun seine Platten als Paul Godwin gut verkaufen, tritt der Geiger im Rundfunk bei klassischen Stücken noch unter seinem eigentlichen Namen auf:

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joha
Tue Sep 09 2014, 10:44am
Joined: Mon Mar 26 2012, 15:45pm
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vom Nelson-Theater Berlin
Gruss joha
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Musikmeister
Wed Sep 10 2014, 21:10pm
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Formiggini wrote ...

Pinchas Goldfein / Paul Godwin



Auf frühen Aufnahmen wird er auch noch mit richtigem Namen genannt:
Orchester Goldfein - 1923



Die Platte von formiggini war eine von 4 Grammophon-(ab Juli 1924 auch Polydor)-25cm-Platten mit Tanzmusik vom Orchester Goldfein, die man so bis 1926 immer noch unter dem Namen "Tanz-Orchester Goldfein" kaufen konnte. Erst 1927 verschwanden diese 4 Platten aus dem Katalog, die übrigens alle in der Lotz-Diskographie Band 7 (1999) fehlen.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens der obigen Platte veröffentlichte Paul Godwin auch unter seinem echten Namen auf dem "Schwester"-Label Polyphon, meine Beispielplatte hier übrigens auch mit Bezug zum Thema Tutanchamun.

Tanz-Orchester "Goldfein" auf Polyphon, erschienen ca. Herbst 1923



Paul Godwin, 1928
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Musikmeister
Sat Sep 13 2014, 21:26pm
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Im Januar 1929 wurde Paul Godwin bzgl. "Aberglauben" befragt.
Ob der Arbeitgeber seinen Wunsch wohl erfüllt hat?



Paul Godwin, der jetzt erfolgreiche Gastspiele gibt; September 1932
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Formiggini
Sat Sep 13 2014, 21:51pm

Joined: Tue Dec 28 2010, 19:20pm
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Sein Aberglaube schütze ihn jedenfalls nicht vor Diebstahl...

Juni 1930
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