Bobby Hind - London Sonora Band



Bobby (Bobbie) Hind
1889, Indien – 1950 England
Saxophonist, Schlagzeug, Orchesterleiter


Zum 1. September 1924 wartete die Berliner Scala mit einer kleinen Sensation auf: „Englands bekannteste Jazzband“, die London Sonora Band unter Leitung von Bobby Hind spielte erstmals in Deutschland.



Sammlung Stephan Wuthe

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(Berlin, Dezember 1924)


Nach dem Ende der Inflationsjahre die dem Krieg folgten, war die London Sonora Band, zusammen mit dem Orchester von Alex Hyde, eine der ersten ausländischen „Jazz Kapellen“ überhaupt hierzulande. Die 10-Mann starke Band blieb gut acht Monate und hinterließ sowohl beim Publikum, wie auch bei ihren Musikerkollegen in Deutschland einen bleibenden Eindruck. Sicherlich nahm sich mancher Kapellmeister das Londoner Orchester zum Vorbild und wandelte in Folge seine brave Tanzkapelle in ein „modernes“ Tanzorchester mit bedingten Jazzambitionen. Unter anderem blieb der Pianist der Sonora Band, Rex Allen, in Berlin und spielte einige Jahre bei Dajos Bela.

Geboren in der damaligen Kolonie Indien, ging Bobby Hind schon in jungen Jahren wieder nach England. 1922 gründete er die „London Sonora Band“. Der „Durchbruch“ kam im Dezember 1923, als Bobby Hind und seiner Band die Ehre zu Teil wurde als erste „Jazz Band“ im Londoner Coliseum vor dem englischen König zu spielen (13. Dezember 1923 - Royal Command Performance). Hind nannte sich von nun an auch stolz „des Königs von England Kapellmeister“… Neben dem Saxophon spielte Hind bei Auftritten auch immer wieder Schlagzeug – damals die „Verkörperung“ des Jazz schlechthin.



Weitere Informationen:


Anscheinend war Bobby Hind mit einem ausgeprägtem Wandertrieb geboren, die nächsten 25 Jahre verbrachte er mit seiner Band (in wechselnden Besetzungen) fast durchweg „auf Tour“ – London blieb aber immer die erste Anlaufstelle zwischen den Tourneen quer durch Europa.



Im Sommer 1924 trat die London Sonora Band im Kurhaus und " Palais de Danse" in Scheveningen, Niederlande auf. Von dort ging es dann nach Paris. Etwa im August 1924 entstanden für Pathe die ersten Schallplattenaufnahmen.




Anschließend kam die Sonora Band im September 1924 nach Berlin um in der Scala aufzutreten. Zuvor stellte das große Varieté schon die Band von Alex Hyde als "Jazz Attraktion" auf die Bühne.



(Fälschlicherweise ist hier nicht Bobby Hind zu sehen, sondern der Schlagzeuger der Sonora Band, Jack Humphrey. Ein weiteres Bild der des Orchesters auf der Bühne der Scala: Hier )


Von Oktober 1924 bis Mai 1925 war dann die Barberina (Palais des Westens) feste Spielstätte der London Sonora Band. Auf manchen alten Postkarten des Lokals ist auch das Schlagzeug der Sonora Band zu erkennen.










Den Sommer 1925 verbrachte die Band wieder in den Niederlanden (Schevenigen). Hier lösten sie die Jazzband von Frank Guarente ab ( > Frank Guarente 's World Known Georgians < )

London Sonora Band
1925


Fred North, Arthur Lousley, Sue Wilox, Tom Marshall, Jack Humphrey, Rex Allen, Jack Llewellyn, Eddie Grosso, Arthur Hind, Bobbie Hind
Quelle/Source: mgthomas











Nach dem Engagement in Scheveningen löste sich die Band auf, bzw. teilte sich. Bobby Hind ging mit einigen Musikern wieder nach London, sein Schlagzeuger Jack Humphrey mit anderen Bandmitgliedern zurück nach Berlin. Möglicherweise war der Hintergrund, das in Berlin noch ein Vertrag zu erfüllen war. Im November 1925 entstanden sowohl in London unter Leitung von Bobby Hind, wie auch in Berlin unter Jack Humphreys Namen Platteneinspielungen.

Aufnahmen


Schallplatteneinspielungen entstanden nur in den Jahren 1924 und 1925. Obwohl die Karriere von Bobby Hind (erfolgreich) noch viele Jahre andauerte, sind spätere Aufnahmen nicht bekannt. Möglicherweise war Hinds fortwährende Tourneetätigkeit einer der Gründe.

Die ersten Aufnahmen entstanden in Paris. Der weitaus größte Teil aller Aufnahmen (44 veröffentlichte Titel) für das Label Favorite (Lindström) in Berlin. Einige der Aufnahmen erschienen auch auf Parlophon (30cm). Wie schon aus Artikeln hervorgeht, hört man auf den Platten nicht unbedingt eine "Hot Band", dafür aber ein Bühnenorchester mit ausgeprägtem "Showmanship". Weniger Improvisation steht hier im Vordergrund, sondern musikalische Ulks und Effekte. Dies jedoch dargeboten von einem sehr gut eingespielten Orchester und viel Teamarbeit.

Nachdem die Band im Sommer 1925 in den Niederlanden zerfiel, ist es nicht genau geklärt wer im Herbst 1925 bei den Londoner und Berliner Aufnahmen spielte (von den jeweiligen Orchesterleitern abgesehen). Vermutlich wechselte schon während den Tourneen häufiger die Besetzung.



Paris


London Sonora Band, d. Bobie Kind (sic)

Vermut./Prob.: Arthur Lousley, Tom Marshall - tp; Fred North - tb; Bobby Hind, Eddie Grosso, Arthur Hind (?) - cl, sax; Sue Wilox (?) - vln; Malcolm Ives - p; Jack Llewellyn - bj; Jack Humphrey - dr
c. Juni/Juli 1924
Pathe 6679 Horsey! Keep Your Tail Up (Salab 536)
Pathe 6679 Old Fashioned Love (Salab 536)
Pathe 6680 The Savoy American Medley
Pathe 6680 Sweet Henry

Berlin

Sonora Band, London Bobby Hind

Rex Allen für/for Malcolm Ives - p; plus ? bb;
(alle Favorite Label)
8.12.1924
F2-0652/F560 I have a blue bedroom (Bobby Hind - Lehar)
F2-0653/F560 Susquehanna Home
F2-0654/F561 Dreary Weather
F2-0655/F561 American Medley Onestep (Debroy Sommers Director Savoy Orpheans)

15.1.1925
F2-0680/F562 Oh! Eva (Parl. 2120)
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F2-0681/F562 Oh! Baby (Don´t say no - Say Maybe) (Parl. 2120)
.
F2-0682/F563 Love is just a gamble
F2-0683/F563 Heart - Broken rose

23.1.1925
F2-0686/F569 Just Like a Beautiful Story (Parl. 2121)
F2-0687/F569 The meanest Kind o´Blues (Blues) (Parl. 2121)
F2-0688/F570 Just one More Kiss
F2-0689/F569 Love Has A Way

19.2.1925
F2-0702/F577 Patsy
F2-0703/F577 All Alone
F2-0704/F578 Savoy Scottish Medley (Onestep - Debroy Sommers)
F2-0705/F578 Tell me what to do

London Sonora Band

10.3.1925
F2-0712/F579 Shangai Lullaby (Parl. 2122)
F2-0713/F579 Oh Mabel! (Parl. 2122)
F2-0714/F580 Bell´amore veneziano (Parl. 2123)
F2-0715/F580 Peter Pan (Parl. 2123)

21.3.1925
F2-0722/F8074 Shanghai (Parl. 2124)
F2-0723/F8074 Skopiano (Parl. 2124)
F2-0724/F8075 Whom do you love
F2-0725/F8074 By the waters of Minnetonka

30.3.1925
F2-0731/F8076 Bye, Bye Baby (Parl. 2125)
F2-0732/F8077 German Medley (Onestep - arrang. Bobby Hind) (Parl. 2126)
F2-0733/F8076 Marie, Marie, Marie (Parl. 2123)
F2-0734/F8077 Tokio Blues (Parl. 2126)

31.3.1925
F2-0735/F8084 Oh those eyes
F2-0736/F8084 I never knew how much I love you
F2-0737/F8079 Barberinna Shimmy (Parl. 2128)
F2-0738/F8079 The call of the south (Parl. 2128)

18.4.1925
F2-0747/F8078 Tea for two (Parl. 2127)
F2-0748/F8080 Madagaskar (Parl. 2129)
F2-0749/Parlop Somebody loves me (Parl. 2117)
F2-0750/F8080 Monmatre Rose (Parl. 2129)

27.4.1925
F2-0751/F8085 String Beans (Parl. 2130)
F2-0752/F8085 Indian Love Call (Parl. 2130)
F2-0753/Unver. Honolulu
F2-0754/F8086 Fo - Fu - Fan (Parl. 2131)

29.4.1925
F2-0758/F8086 Song of the hindu merchant (arrg. by Bobby Hind) (Parl. 2131)
F2-0759/F8078 I want to be happy & The marriage moon (Parl. 2127)
F2-0760/F8087 Put away a little rag of golden sunshine
F2-0761/F8087 I´m all broken up over you




London


BOBBIE HIND & HIS BAND

c. October/November 1925
ACO G15846
C7370 Farewell my love, farewell
C7371 Fredyse Tango

Coliseum Dance Orchestra (= Bobbie Hind's Band)

c. October/November 1925
Coliseum 1813
C-7364/G-1535 Yearning
C-7369/G-1536 Sally's Come Back


Berlin


Jack Humphreys London-Band

? Alf Bowes - tp; ? Jesse Fuller - tb; ? Eddie Grosso - cl,as; ? - cl, as, ts;
? - p; ? Jack Simmons - bj; Jack Humphrey - dr
November 1925
2957-B/VOX 8026 Ukulele Lady (Honolulumädel)
2959-B/VOX 8026 Sugar Foot Stomp (Zuckerfüssler)
2976-B/VOX 8027 Milenberg Joys
2977-B/VOX 8027 Don't bring Lulu (Bring' Lulu nicht mit)


SUGAR FOOT STOMP
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Stompy/Wolfgang Hirschenberger via YouTube


Anscheinend kam Jack Humphrey in London wieder zur Band, wie dieser (leider) stumme Film von 1926 zeigt. Sein großes "Schlagwerk" mit Glocken und Bimmeln ist auf späteren Orchesterbildern jedoch nicht mehr zu sehen. Auffällig auch die doch recht kleine Besetzung des Orchesters.

The Jazz Drummer Of The London Sonora Band
(1926)



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Im Herbst 1927 spielte die Sonora Band u.a. auch in Hamburg:





Das Trocadero ist geblieben was es war: das Haus der Kultur, des Frohsinns und der Schönheit. Dem Zeitgeschmack Rechnung tragend, dominiert auch hier die Jazzkapelle, und zwar hat man sich Musikanten von ausgezeichnetem Ruf herbeigeholt, und zwar Bobby Hinds London Sonora Band. Diese Kapelle musiziert mit viel Temperament und mitreißender Glut. Es dauert nicht lange, dann entsteht im Trocadero jene heitere Stimmung gepflegter Geselligkeit, die nur hier anzutreffen ist.
Hamburg, 13. November 1927


Auch die nächsten Jahre war Bobby Hind mit seinen Musikern ständig auf Tourneen quer durch Europa. Die Gastspiele im April und Mai 1931 in Wien und der Schweiz brachten dem Orchester gute Kritiken ein. Deutlich steht hier die Bühnenshow im Vordergrund, für die ja auch Jack Hylton berühmt war.




Wien, April 1931



Merano, Mai 1931





Bobby Hind im Kursaal


Zu dem morgigen Abend der berühmten Bobby Hind Jazz Band bringen wir, die heutige Anzeige ergänzend, einen Auszug aus einem Mannheimer Blatte über das Auftreten in der dortigen "Gloria":
"...Schon geht es los! Ohne Atempause, ohne viel Geflunker, ohne Ziererei, nur keine Müdigkeit vorschützen. Es prasselt uns um die Ohren. Schlager, gespielt, gesungen, dazwischen Stimmung in Blau, hingehauchte Expressionen einer widerspruchsvollen Zeit und am schönsten das dritte Stück, eine Jazz-Symphonie.

Die Präzision des Spiels ist wie mit dem Messer geschnitten. Klar setzen die Bläser ein. Die Einsätze liegen auf der Zunge. Ein paar schimmernde Geigenpassagen blitzen auf. Die Akkorde der Zupfinstrumente werden eingesprenkelt. Manchmal lässt der Gitarrist eine Saite einsam verklingen. Wie wenn im Abend eine Zither girrt. Bauernhaus und Bauerngarten. Dann aber wieder das exotische Parfüm einer Großstadt-Bar. So berückend sind die Farben der Instrumente gemischt.

Und viel Klamauk. Tierstimmen-Foxtrott und Mondnacht-Waltz. Der zweite von rechts ist der Spaßmacher der Truppe. Bringt mit seinen Clownerien sich, den Dirigenten und das Publikum zum Lachen. Spielt dabei allerhand Instrumente, singt anständig und parodiert einen Konzertsänger wie die Valeska Gert die Kolorateuse. In den solistischen Extratouren wird das Virtuose zum Selbstzweck. Der Trompeter handhabt sein Instrument wie eine biegsame Flöte. Dann leiht er sich aus dem alten Testament eine der langen Posaunen von Jericho und bläst eine Fanfare wie ein Erzengel. Der Chef holt ein Kindertrompetchen hervor und näselt die Parade der Zinnsoldaten herunter.

Er und die Kapelle werden mit Beifall überschüttet. Die Darbietungen schlagen ein, es gibt keine Blindgänger. Ein Mann mit einer Frauenstimme, hoher Sopran, erweist sich als Star. Er singt u.a. Holländers und der letzten Jahre schönsten Schlager: Ich bin von Kopf bis Fuß“. Es gibt viele Variationen darüber. Die Bobby Hindsche ist eine der schönsten, der geschmackvollsten, mit überraschenden harmonischen Wendungen, instrumentarischen Finessen. Es ist gut, daß uns wieder einmal einer, der es kann, Jazz um die Köpfe wehen lässt.

Wo die "London Sonora Band" spielt - entnehmen wir einer englischen Kritik - ist die Luft elektrisch geladen, denn jeder Einzelne, ob Violine, Schlagzeug, Banjo oder Klarinette, wird zum faszinierenden Sender!
Die Gesellschaft besteht aus 12 Solisten und einer Solo - Tänzerin. In der letzten Zeit gastierte sie (die Band) in London, Basel, Duisburg, Dortmund, Berlin, Elberfeld, Bonn, Mannheim, Nauheim, Mülheim - Ruhr, Breslau, Paris, Brüssel, Stuttgart, Köln, Dresden, Wien, Salzburg usw. Und überall brachte die Presse Bilder und schmeichelhafte Kritiken.


Das Nomadenleben von Bobby Hind setzt sich die ganzen 1930er Jahre fort - England, Kontinent, Europa...




Die letzten Auftritte seiner Sonora Band in England datieren vom August 1939 - mit Kriegsausbruch verlässt Hind Europa und kehrt in sein Geburtsland Indien zurück. Bis Kriegsende spielt er, immer noch mit einer "London Sonora Band" am anderen Ende der Welt. Auftritte des Orchesters sind z.B. in Poona (Pune), Maharashtra überliefert. Die Auftritte fanden im Rahmen der Truppenbetreuung ENSA (Entertainments National Service Association) statt. Seine Frau Margery "managt" das Unternehmen, zwei seiner Kinder, Robert und Janet Hind, dienen in der Britischen Armee.

Nach Kriegende kehrt der Musiker und Entertainer nach England zurück. Einer der letzten Auftritte findet am 17. September 1949 statt, "Bobby Hind and his London Sonora Octette" begleiten die Gospel- und Gesangsgruppe "Deep River Boys".

Bobby Hind, der vielen Kapellmeistern in Deutschland "moderne Tanzmusik" näher brachte, starb am 28. Januar 1950 im Alter von 61 Jahren in Pett nahe Hastings, Sussex.

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